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Sonntag, 23 Dezember 2012 13:21

Charakter und Verhalten- Von Mesbah Yazdi (Teil 1)

Charakter und Verhalten- Von Mesbah Yazdi  (Teil 1)
Charakter und Verhalten


Von Prof. Mesbah Yazdi




Was Bedeutet "Charakter" und wie entsteht er?


Bevor wir über die bedeutende Rolle des Charakters und die Wege zur Trennung der menschenwürdigen Eigenschaften von denen, die ihm nicht gebühren, durchleuchten und bevor wir über die charakterliche Läuterung im Islam sprechen, muss zunächst einmal dargestellt werden, was der "Charakter" eigentlich ist und wie er zustande kommt.

Den Handlungen, die der Mensch willentlich unternimmt, gehen andere vorbereitende voraus, die nach außen hin zu erkennen sind. Jedoch auch innerlich werden Handlungen durch eine Reihe gedanklicher Schritte und auf Erlerntem beruhenden Erwägungen in die Wege geleitet.

Nehmen wir als Beispiel jemanden, der seinen Bekannten besuchen will: Er muss nicht nur sich körperlich in Bewegung setzen, in eine bestimmte Richtung gehen oder ein Fortbewegungsmittel benutzen, sondern er muss auch gedanklich sozusagen "eine Strecke zurücklegen". Mit anderen Worten - er müsste sich mit dem geistigen Auge das Treffen mit dem Bekannten vergegenwärtigen. Müsste sehen, welchen Nutzen hat es und diesen Nutzen abwägen mit dem Schaden, den er eventuell dabei auch nimmt, sowie dem Unrecht, das er vielleicht dadurch begeht. Kurz, auf einer seelisch -geistigen Waage zieht er den Vergleich und fasst seinen Entschluss.

Nutzen und Freuden, die mit einem bestimmten Vorgehen in Zusammenhang gebracht werden, und aufgrund derer wir uns für dieses Vorgehen entscheiden, können verschiedener Art sein. Können körperliche Form annehmen wie das Gefühl der Sättigung nach dem Essen, die empfundene Ruhe durch Schlaf oder auch die Kräftigung der Muskeln durch körperliche Betätigung. Auch geistige Vorstellungen z.B. die, in eine leitende Stellung zu gelangen, anderen vorangestellt und respektvoll behandelt zu werden, können zu einem bestimmten Verhalten stimulieren. Ebenso ein intellektueller Genuss, der in der Erkenntnis der Wahrheiten oder höherer geistiger Vervollkommnung liegt, die ein wissenschaftlicher Lehrgang und die ihm vorangehenden einleitenden Studien mit sich bringen können.

Jeder fasst aufgrund des eigenen Wissens einen Nutzen und Genusserfolg ins Auge und hält deren Erreichung für erforderlich. Somit liegt das Hauptmotiv für alle willentlichen Handlungen eben darin, dass der Handelnde zu der Überzeugung gelangt, einen bestimmten Nutzen und ein bestimmtes Genusserlebnis erzielen zu müssen.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang eine Gruppe verschiedener Menschen, die sich über ein Studium Gedanken machen. Sie erwägen alle den Wert des Wissens und der Vorteile, die ihnen durch ein solches zugute kommen werden. Stellen diesen Vorzügen aber auch die Mühen und Anstrengungen gegenüber, die sie während dieser Ausbildung auf sich nehmen müssten, ebenso wie die entstehenden finanziellen Unkosten. Kurz, alle zeitlichen und örtlichen Umstände sowie sämtlicher auch nur eventueller Schaden oder Nutzen werden in Betracht gezogen.

Einer von diesen Personen, welche über einen Hochschullehrgang Überlegungen anstellen, misst dem intellektuellen Nutzen hohen Wert bei. In seinen Augen verlieren alle Mühen und Entbehrungen demgegenüber an Gewicht, und auf dieser Grundlage trifft er die Entscheidung, eine Ausbildung an der Universität zu beginnen.

Den nächsten lockt die für ihn besonders angenehme Vorstellung, später einmal den Respekt der anderen für sich zu gewinnen. Ihn lässt diese Aussicht den Entschluss zur Aufnahme eines Studiums fassen.

Ein Dritter hat materielle Gewinne und Freuden ins Auge gefasst, zu denen er mit Wahrscheinlichkeit durch das Studieren und durch das angeeignete Wissen gelangen wird.

Einem anderem wiederum entscheinen die Entbehrungen, die er während der Ausbildungszeit auf sich nehmen müsste, zu anstrengend. Er bevorzugt das Bequemlichere und gibt den Gedanken an ein Studium auf.

Wir beobachten somit einen Unterschied zwischen den getroffenen Entscheidungen und Verhaltensweisen der einzelnen und zwar ist selbiger wiederum in einem Unterschied hinsichtlich der Denkweise und der Erkenntnisstufe eines jeden zu suchen. Sie sind es, die mit dazu beitragen, dass in bestimmten Situationen die Beurteilung über Notwendigkeil einer Handlung verschieden ausfällt.

Solche geistigen Vorbereitungen gehen mehr oder weniger jeder Handlungsentscheidung voraus. Selbst bei den lebensnotwendigsten Bedürfnisbefriedigungen wie beim Essen und Trinken ist dem so, jedoch mit dem Unterschied, dass vorhandene Empfindungen erheblich bei den vorbereitenden Überlegungen zu einer Entscheidung beitragen und den Menschen schneller zu einer Entschlussfassung gelangen lassen. Existentielle Bedürfnisse und natürliche Triebe bestimmen hier die Marschroute und kürzen den komplizierten Pfad durch die Gedankenwelt ab. Das Geheimnis dieser beschleunigten geistigen Betätigung liegt darin, dass der Mensch sich über die Notwendigkeit der ins Auge gefassten Handlung im Klaren ist. Gespeicherte Erfahrung hat ihm - mehr als in manch anderen Fällen - den automatisch sich einstellenden Nutzen und Genussgewinn einer solchen Handlung bewiesen. Daher wird er, wenn die Notwendigkeit, eine bestimmte Handlung zu unternehmen, in allen Fällen und unter allen Umständen die gleiche ist, ohne Zögern diese Handlung auch in Angriff nehmen.

In vielen Fällen jedoch können innere Neigungen und Emotionen dem Menschen nicht bei einer Entschlussfassung dienlich sein - im Gegenteil - sie ziehen einen dichten Schleier vor die Vernunft und hindern ihn daran, die richtigen Überlegungen anzustellen. Das durch ein Gefühl entstandene Wunschverlangen steht manchmal im Widerspruch zur Vernunft, und da sich bei den meisten Menschen besonders in den Anfangsstadien ihres Lebens die Vernunft noch nicht stark genug herausgebildet hat und leicht unterliegt, erwidern sie eher den Forderungen der Gefühle als dem Verstand.

Ein Kind zum Beispiel fasst, wenn es hungrig ist und eine geliebte Süßigkeit vor sich sieht, sofort den Entschluss, diese zu verspeisen. Es achtet dabei nicht auf hiesige und jenseitige Schaden, die vielleicht der Verzehr einer solchen Süßigkeit mit sich bringt, und handelt, ohne seine Vernunft vor der Entscheidung zu Hilfe zu nehmen.

An dieser Stelle möchten wir die Feststellung einschieben, dass ein solcher kindlicher Zustand leider auch in nicht wenigen Erwachsenen weiter existiert, was für sich schon den Beweis für die Erforderlichkeit einer charakterlichen Läuterung und Erlangung besserer menschlicher Qualitäten liefert.

Jede Handlung, die der Mensch zum ersten Mal begeht, ob sie nun seinen Wünschen und Trieben sowie Emotionen entspricht oder auch ihnen zuwiderläuft, hinterlässt ihre besonderen Spuren in seinem Wesen. Die Tatsache, dass er schon einmal so gehandelt hat, bereitet ihn darauf vor, sich beim nächsten mal genauso zu verhalten und ganz offensichtlich führt der Mensch eine Handlung beim zweiten Mal leichter durch als beim ersten. Durch Wiederholung und zunehmende Häufigkeit einer bestimmten Aktion fährt sich dieser Ablauf immer mehr ein, bis er als eine Gewohnheit und Charaktereigenschaft hervortritt.

Hat jemand sich an eine bestimmte Handlung gewöhnt, so wird er demnach dazu um ein vielfaches mehr fähig sein als jener, der sie zum ersten Male unternimmt. Das heißt folglich auch, dass er die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens gedanklich ebenfalls in einer viel kürzeren Zeitspanne als richtig bestätigt sieht und daraufhin auch viel schneller seinen Entschluss zum Agieren fasst.

Bei den normalen alltäglichen Tätigkeiten und Handlungen ist die Bestätigung deren Notwendigkeit wie zur festen Formel geworden. Eine Formel von geistigen Vorbereitungsschritten für das darauf folgende Tun. Diese Formel bleibt im Wesen des Menschen weiter bestehen, so dass ein langes einleitendes Abwägen wegfällt. So einfach sind diese gedanklichen Schemen nicht wieder auszulöschen und, wie schon gesagt: Die persönliche Beweisführung für die Erforderlichkeit einer Handlung bildet das Hauptmotiv, welches zur Durchführung dieser -sei es nun negativen oder positiven- Handlung veranlasst.

Aus diesen Gewohnheiten und Eigenschaften, die in der Seele der Menschen festen Fuß gefasst haben, resultieren entsprechende Handlungen und auch entsprechende Eindrücke. Wir nennen sie "Charakterzüge", wie z.B. Freigebigkeit, Mut, Enthaltung vom Verbotenen und andere, auch negative. Diejenigen Angewohnheiten, die mit dem Zweck der Schöpfung und des Lebens übereinstimmen, stellengute Angewohnheiten dar und sind begrüßenswert. Solche aber, die Schöpfung und Lebensziel zuwiderlaufen bleiben hässlich und verdienen es, abgelehnt zu werden. Zu einem "guten Charakter" zählen die erstgenannten Eigenschaften und zu einem "schlechten" die zweiten.

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