Fatima ist Fatima- von Ali Schariati (Teil 2)
Geschrieben von Cheraghi
Genialität und Wahrheitsliebe
Meines Erachtens begründet sich die Ehre, die unserem Volke im Laufe seiner Geschichte zuteil wurde und worauf es mit Recht stolz sein kann, darauf, das es sich in den schwärzesten und schwersten Stunden der Geschichte für Ali entschied.
Sie legte ein beredtes Zeugnis von dem Genie und der Wachsamkeit dieses Volkes ab und ist ein Beweis für sein Urteilsvermögen und den starken Willen, der Gewalt und Unterdrückung zu wiederstehen, den Betrug und die Lüge anzuprangern. Den ausbeutischen Verräter bloßzustellen, sich gegen das herrschende System aufzulehnen, keiner Propaganda der regimeabhängigeren Religion und Geistlichkeit zu erliegen und das unbekannte, fremde, schwache und versteckte Recht hinter dem dunklen, bekannten und starken Vorhang des Unrechtes zu entdecken.
Unser Volk wurde durch die Kalifen islamisiert. Diese, die Dynastien der Umayyaden (5) und der Abbasieden, die türkischen, arabischen, mongolischen und iranischen Khane wurden ihm als Vertreter des Islam. Der Herrschaft des Koran, der Tradition des Propheten, des Lagers der Rechten und der Religion der Wahrheit vorgezeigt.
Unser Volk hat den Islam und alle neuen Anschauungen und Erkenntnisse präsentiert bekommen: Kanzel, Altar, Koran, Exegese, Tradition, Predigt, Moschee, Islamschule, Der Imam, der Kadi, der Theologe, der Philosoph, der Dichter, der Historiker, der Religionskämpfer, der Gefährte und der Anhänger des Propheten dienten dazu, das Regime des Kalifats und der Sultane als die „offiziellen Nachfolger“ des Propheten und den gesetzlichen Imam der islamischen Gemeinde sowie die Herrschaft des Koran und der Tradition zu rechtfertigen.
Sie alle waren Mittel und Zweck, wie es heute bei Rundfunk, Film und Fernsehen, Presse, Propagandisten und den Theoretikern der herrschenden Klasse der Fall ist.
Dieses fremde Volk, das nicht einmal die Sprache des Islam kannte, erkannte jedoch trotz ständiger Propaganda hinter den schwarzen Wolken der gelenkten Wissenschaften der Theologie, Philosophie, Religion, Kultur, Geschichte, Tradition und Exegese, die im Dienste des Kalifats standen und den bestehenden Zustand zu rechtfertigen und zu institutionalisieren suchten, das dies alles Lügen sind. Es erkannte trotz der lautstarken Propaganda, das das Recht nicht auf der Seite dieser prächtigen Gestalten steht.
Es erkannte, das das Recht auf der Seite des Mannes steht, der eine Ecke der Moschee des Propheten bewohnt und Gefangener der Ignoranz seines Volkes und Opfer der Politik der großen Prophetengefährten und Vorkämpfer des Islam geworden ist.
Es fand abseits des grünen Schlosses in Damaskus und der Tausendundeine- Nacht des Kalifaten-Sitzes in Bagdad die verlassene Lehmhütte Fatimas und erkannte, das der Islam in dieser sorgenvollen, verlassenen und stillen Hüte fortlebt.
Dieses fremde Volk, das durch die Schwerter der Kalifen und den Aufruf der offiziellen Geistlichkeit des Kalifats den Islam angenommen hatte, konnte das sehen, was die Bevölkerung von Medina, die Araber und die Gefährten des Propheten nicht sahen oder nicht sehen wollten.
Es erkannte eine Tatsache, die von großen Schulen und Universitäten in Damaskus und Bagdad nicht erkannt wurde.
Es war eine schwere und erstaunliche Entscheidung; sie manifestierte gleichzeitig das geniale Denken und die ungewöhnliche Wachsamkeit, die geistige Unabhängigkeit, die Wahrheitsliebe und den Mut dieses Volkes, sich gegen die Geschichte aufzulehnen und die Weltherrschaft der Kalifen, die mehr als alle herrschenden Systeme der Geschichte über eine erdrückende politische und militärische Macht, ein großes religiöses Glaubenskapital und ein unendliches Reservoir an Kultur, Literatur und Wissenschaft verfügte, abzulehnen.
Dieses fremde Volk hörte und erkannte mitten im Getümmel des Krieges, des heiligen Kampfes, der Eroberungen. Niederlagen, Unterdrückungen, dem Geschrei nach Fortschritt, Wissenschaft, Philosophie, Kultur, Zivilisation und Revolution und anderen Auseinandersetzungen der Welt und der Religion den leidvollen Ruf eines in seiner eigenen Stadt fremden Mannes, der abseits der
Städte und einsam vor der Widerbelebung der Lüge, der Obrigkeit und der Ausbeutung warnt und weiß, das Lüge und Betrug, die in den Gestalten der Kaiser und Könige angeprangert und verurteilt wurden, nun die Gestalt der Frömmigkeit und Religion annehmen und Gottes Geschöpfe jahrhundertlang weiter betrügen werden.
Wie viel Blut muss fließen, welche Anstrengungen werden nötig sein, ehe sie in dieser neuen heiligen und schönen Aufmachung wieder bloßgestellt werden können! Wie wir sehen, sind die ersten Opfer dieser neuen Verdummung und Ausbeutung im Islam die Bevölkerung und ihre Schicksale. Ein Symbol dieses Opfers ist Ali, vor ihm seine Frau und in den nachfolgenden Generationen seine Nachkommen.
Zweifellos ist diese Entscheidung und Erkenntnis in den schwersten und dunkelsten Stunden der Geschichte unserem Volk nicht leichtgefallen. Sie zeugt von Reife, Unabhängigkeit, Mut, Liebe zu Wahrheit und Menschlichkeit, geistiger Größe sowie der Fähigkeit, den tieferen Sinn der Dinge zu erfassen, die höheren Werte zu erkennen und die Wahrheit allen Schwierigkeiten zum Trotz zu suchen.
Diese vielseitigen Fähigkeiten waren notwendig, um eine andere Meinung zu fassen, anstatt das Urteil der Geschichte zu übernehmen und als Antwort auf die Propaganda der Minarette, Altäre und Kanzeln angesichts der großen Gefährten des Propheten, der Gelehrten, der Richter, der offiziellen Imame (6) und ihrer blutbefleckten Schwerter, die im Westen und Osten, Tag und Nacht, ein „ja“ im Chor verlangten, „nein“ zu sagen.
Dennoch fordert der Glaube nicht nur Genialität und Geist, sondern auch Opfer. Für den Sieg des Rechtes wurden Aufopferung, Mut, Aufrichtigkeit, Leidensfähigkeit und die Bereitschaft verlangt, Folter, Verleumdung, Leid, Gefangenschaft, Flucht, Einsamkeit und Verrat zu ertragen, fromm, hilfsbereit und geduldig zu sein und sich selbst von Profitsucht, Angst, Lüge, Scheinheiligkeit und Besserwisserei zu befreien. Das sind Grundsätze die die Geschichte der Schia bestimmen.
Damit meine ich die Schia Alis, nicht die Safawiden (7) oder die des Schah Abbas.
Eine Schia, die der Unterdrückung und Gewalt in der Geschichte den Kampf ansagte, nicht eine, die selbst zum Unterdrücker und Gewalttäter wird; die Religion der Gerechtigkeit und die Herrschaft des Gerechten, nicht aber eine Sammlung geschichtlicher verdrängter Komplexe, völkischer Rachegelüste, verbaler und suggestiver Hassgefühle gegen die Person des Kalifen anstatt
gegen das Kalifat, nur vergangenheitsbezogen anstatt gegenwartsorientiert, nur jenseitsorientiert statt diesseits.
Gemeint ist jener auf Ali zurückgehende Führungsauftrag, der die Schia aus den Fesseln der Herrschaft der Unterdrückung, Gewalt und Unwissenheit befreit, nicht aber die Führungsbefugnis der der Gotteslästerung verfallenen Sufis (8), die weder Gott noch seinen Geschöpfen dienen können.
Jene Schia ist nichts anderes als der Islam; nicht etwa, wie uns eingeredet wird, „Islam und andere Dinge“.
Nein, die Schia ist der reine Islam, Islam minus Kalifat, Pseudo- Arabertum und Aristokratie. Nicht die Schia hat dem Islam die beiden Grundsätze Gerechtigkeit und Imamat (Führungsauftrag) hinzugefügt.
Islam ohne Gerechtigkeit und Imamat ist wie die Religion ohne Islam, d.h. nur Religion, wie es in der christlichen, jüdischen, zoroastrischen (9), buddhistischen, taoistischen und vedaischen Religion der Fall ist.
In der „neuen Epoche der Ignoranz“ wurden dem Islam die Begriffe „Herrschaft, Rasse und Klasse“ hinzugefügt. Die Auseinandersetzungen zwischen Schia und Sunna war eine Auseinandersetzung zwischen Imamat und Gerechtigkeit einerseits und Despotie und Unterdrückung anderseits. Alle anderen glaubensbezogenen, Interpretationsmäßigen, geschichtlichen, philosophischen und religiösen Meinungsverschiedenheiten resultieren daraus.
Ali wurde Mohammad nicht zugeführt. Wir halten uns an Ali , um Mohammad nicht zu verlieren; denn Muawiye (10), Marwan (11) , Mutiwakkil (12), Harun (13) – welche die Kaiser und Pharaonen ihrer Zeit und Erben Abu Djahls (14) und Abu Sufians (15) waren – sprachen auch von Mohammad.
Wir haben weder die Traditionen des Propheten durch die Familie des Ali ersetzt, noch haben wir ihr etwas hinzugefügt. Es ist seine eigene Familie, wir fragen ganz einfach und offen, was er gesagt, getan und gewollt habe.
Im Gegensatz zu den Behauptungen der Feinde und Freunde ist die Schia die traditionalistische aller islamischen Glaubensrichtungen. Der Unterschied besteht überhaupt darin, das Ali und seine echte und kundigen Anhänger von Anfang an versuchten, der Häresie zu widerstehen und der Tradition des Propheten treu zu bleiben.
Nun sehen wir, wie alles ins Gegenteil verkehrt wird. In den schwarzen und blutigen Jahrhunderten, als der Islam der Unterdrückung und des Kalifats seine
Herrschaft in der Welt ausdehnte, wälzte sich der Islam der Gerechtigkeit und des Imamat in seinem Blut, im Blut des Märtyrertums.
Die Schia hat ebenfalls dieses Martyrium auf sich genommen und die Gewalt abgelehnt. Diese Entscheidung fiel ihr nicht leicht.
In der Geschichte des Islam war es nicht leicht, von Ali und Fatima zu sprechen. In diesem Zusammenhang erfahren die Worte des Dichters dieser kämpfenden Familie eine besondere Bedeutung, wenn er sagt: „seit 50 Jahren trage ich mein Kreuz au meinem Rücken“.
Ein engagierter Dichter, der die Worte zum Schwert des heiligen Kampfes umformt. So verläuft das Leben aller Frauen und Männer, die mit ihren Taten die Geschichte dieser Religion geschrieben haben, eine Geschichte, die mit dem Blut der Märtyrer geschrieben worden ist.
Die mutigen Vorkämpfer der Schia kannten die Philosophie, die später für uns zurechtgeschustert wurde, nicht: Habt Geduld, er wird kommen (gemeint ist der 12. Imam (16) ) und alles in Ordnung bringen“. Er solle selber kommen und die Religion seiner Ahnen wieder aufleben lassen. Wir hätten keine andere Wahl als unsere Gesinnung zu verheimlichen (17) und uns in Geduld zu üben.
Ibn Sakit war ein bedeutender Literat und Sprachkenner. Er war kein Kämpfer; er sympathisierte heimlich mit der Schia. Der Kalif Mutiwakkil wählte ihn aus, um seine Kinder zu unterrichten. Nach und nach bemerkte er, das seine Kinder eine Zuneigung zu Ali und seiner Familie gefasst hatten. Seine Agenten berichteten ihm, das diese Zuneigung auf den Einfluss des Lehrers zurückzuführen sei. Eines Tages betrat der Kalif unangemeldet das Klassenzimmer; er setzte sich, lobte den Lehrer und drückte seine Zufriedenheit über die Fortschritte seiner Kinder aus.
Während des Gespräches fragte er beiläufig:
„Was hältst Du von meinen Kindern?“
Darauf lobte Ibn Sakit die Kinder.
Plötzlich fragte der Kalif ihn: „Sind Dir meine Mutazz und Muayyad lieber oder Alis Kinder Hassan und Hussein?“
Ibn Sakit musste sich entscheiden.
Hier käme eine Verheimlichung der Gesinnung der Niederträchtigkeit und dem Verrat gleich.
Die Schia Alis aber kennt keine Verheimlichung der religiösen Gesinnung; diese Verheimlichung war damals eine Taktik zur Erhaltung des Glaubens; nicht wie
heute, zum Schutze des Gläubigen. Wo es um Glauben geht, ist eine Verheimlichung der Gesinnung verboten- komme , was wolle.
Deshalb zögerte Ibn Sakit nicht und antwortete ebenso geläufig:
„Qanbar, der Diener Alis, ist mir lieber als Du und Deine beiden Kinder“.
Mutiwakkil befahl, ibn Sakits Zunge auf der Stelle herauszureißen.
Es waren diese scharfen Zungen, die den Unterdrückern der Geschichte das Leben schwer machten. Wenn es auch nicht möglich war, politische Despotie, Ausbeutung der unteren Klassen und religiöse Verdummung zu beseitigen, so war es doch möglich, sie zu enttarnen und zu verurteilen.
Es wurde erreicht, das der Wunsch nach Gerechtigkeit, Aufklärung und revolutionärer Führung und der Wille zur Bekämpfung eines auf Macht, Vermögen und Pharisäertum aufgebauten Systems erhalten blieben und nicht in Vergessenheit gerieten.
Fiese heilige Flamme konnte im Verlaufe der Geschichte nicht ausgelöscht und aus dem Bewusstsein der Massen verdrängt werden.
Das Volk und die Gelehrten
Beide Gruppen hatten diese große und schwere Verantwortung zu tragen. Sie trugen ihr Kreuz seit Jahrhunderten auf dem Rücken. Die aufgeklärten und kämpferischen schiitischen Gelehrten, die das Imamat (den Führungsauftrag) nach den Grundsätzen der Schia als Fortführung des Prophetentums und die Wissenschaft als Fortsetzung des Imamat betrachteten, bildeten die eine Gruppe;
Die anderen waren die aufrichtigen und gläubigen Volksmassen, deren kühnes Schweigen die Folterknechte der arabischen Kalifen und der türkischen und persischen Sultane in Verzweiflung versetzte, deren blutüberströmte und ruhige Gesichter ihre Scharfrichter in Verlegenheit brachten. Sie widerstanden wie ein Fels den Peitschen der Herrschenden, als ob sie keinen Schmerz mehr empfinden könnten.
Vernunft und Liebe
Jede Religion, Denkschule, Bewegung oder Revolution wird von zwei Determinatenten bestimmt; Vernunft und Liebe. Die eine ist das Licht und die andere Bewegung; die eine verleiht Verstand und Erkenntnis, die andere Kraft, Begeisterung und Bewegung.
Nach den Worten von Alexis Carrel: „Vernunft ist wie der Scheinwerfer eines Automobils, der den Weg weist; Liebe ist wie der Motor, der es in Bewegung setzt. Jeder von ihnen ist ohne den anderen unvollkommen. Insbesondere ein Motor ohne Scheinwerfer ist wie die blinde Liebe lebensgefährlich und katastrophal“.
In einer Gesellschaft, in einer geistigen bzw. revolutionären Bewegung haben die Gelehrten und die engagierten Intellektuellen die Aufgabe, den Weg zu weisen und dem Volk die Denk- und Bewegungsrichtung zu zeigen ; das Volk hat die Verantwortung, der Bewegung Kraft und Leben zu verleihen.
Die Volksbewegung ist wie ein menschlicher Organismus: sie denkt mit den Köpfen der Gelehrten und liebt mit dem Herzen des Volkes.
Mangelt es in einer Gesellschaft an Überzeugung, Aufrichtigkeit, Liebe und Aufopferung, so ist das Volk dafür verantwortlich.
Mangelt es in an richtiger Erkenntnis, Aufgeklärtheit, Selbstbewusstsein, Vertrautheit mit den Inhalten und Zielen der Denkschule, so sind die Gelehrten daran schuld.
Insbesondere in bezug auf Religion sind beide Gruppen aufeinander angewiesen; denn die Religion ist eine Art selbstbewusste Hingabe oder ein hingebungsvolles Selbstbewu0tsein. Begeisterung und Überzeugung bedürfen der Erkenntnis; Vernunft und Gefühl sind unteilbar.
Mehr als jede andere Religion richtet sich der Islam nach diesen Grundsätzen. Er ist die Religion des Buches und des Kampfes, die Religion des Denkens und des Liebens.
Daher erkennt man im Koran nie die Grenze zwischen Vernunft und Glauben. Der Märtyrertod wird als das ewiges Leben betrachtet. Es wird auf die Schreibfeder geschworen. Unter den Gefährten des Propheten kann man den Asketen und den Kämpfer und diese und den Verkünder der Religion nicht auseinanderhalten.
Die Schia, insbesondere wegen ihre Geschichte und Kultur, ist ein Nährboden für Liebe, Begeisterung, Blut und Märtyrertum.
Sie ist der Mittelpunkt der entflammten und freigesetzten Gefühle; sie ist aber gleichzeitig eine Art Meditation und Erkenntnis wissenschaftlicher und rationeller Kultur und eine gewaltige geistige Bewegung.
Sie ist die Chronik der Erkenntnis, Zuneigung und Wahrheitsliebe in der Geschichte des Menschen, die auf den Namen Ali und sein Wesen zurückgeht; denn die Wahrheit ohne Liebe ist Philosophie und Wissenschaft und Liebe ohne Wahrheit ist Götzenverehrung und Leidenschaft.



