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Sonntag, 22 Juni 2014 10:35

Wie soll man reisen?

Araber in den Alpen: Die Touristen Miral, Matouga, Ali und Maad Sultan (v.l.n.r.) aus Saudi-Arabien besuchen das Schloss Neuschwanstein Araber in den Alpen: Die Touristen Miral, Matouga, Ali und Maad Sultan (v.l.n.r.) aus Saudi-Arabien besuchen das Schloss Neuschwanstein
Während sich unsere Autobahnmeistereien vorbereiten, für ausreichend Baustellen zu sorgen, und Nachzügler preiswerte Tickets in letzter Minute ­ergattern, stehen Sommerurlaub und die ­Karawane unzähliger Erholungsuchender vor der Tür.
Dieses Ritual ist so normal, dass wir uns keinen anderen Zustand vorste­llen können. Deutschlands Muslime nahmen bisher kaum am „Tourismus“ teil - ­bisher vor allem dadurch, dass sie in die Ursprungsregionen ihrer Eltern oder Großeltern fahren. In den kommenden Jahren, wenn der Fastenmonat auf die Sommerferien fällt, ist es wahrscheinlich, dass noch mehr in die Türkei, nach ­­Marok­ko oder Bosnien fahren, um dort den Ramadan zu verbringen.


Ein Blick auf die Quellen des Islam
Auch wenn sich in islamischen Quellen und diversen, regionalen ­Traditionen nichts unter dem modernen Schlagwort „Tourismus“ finden lässt, hat das Reisen (As-Safar) im Islam sowie im Alltag der Muslime eine nicht zu überschätzende Bedeutung, denn das Leben ist eine ­Reise: vom Augenblick unserer Geburt bis zu unserem letzten Atemzug. In der Sura Al-Baqara finden wir die folgende ­Stelle: „Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück.“

Das Reisen wird mehrfach im Qur’an erwähnt. Im Leben mehrerer Propheten, möge Allah ihnen allen Frieden geben, wie Musa, Jusuf oder Junus zählt sie zu wichtigen Elementen ihrer Geschichte. Die Reise des Propheten Musa (Moses), möge Allah ihm Frieden geben, beginnt mit ihm als hilfloses Baby in einem Weidenkorb, und führte ihn durch verschie­dene Herausforderungen und ­Abenteuer. Sie war ein essenzieller Bestandteil ­seiner prophetischer Realität, die in der Begeg­nung mit Allah mündete.

Allah berichtet in der Sura As-Saffat (in den Versen 139 bis 148) von der ­Rei­se und dem damit verbundenen Schicksal des Propheten Junus, möge Allah ihm Frie­den geben. Diese führte ihn in eine dreifache Dunkelheit: die der Nacht, in der Dunkelheit im Inneren des Wals und die der Tiefe des Meeres. Aus ­dieser Reise in eine dreifache Dunkelheit ­führte Allah ihn hinweg, gab ihm Anhänger, erhob ihn und machte ihn zu einem ­Seiner ­Gesandten.

Der letzte Prophet, unser Meister ­­­Mu­ham­mad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, machte auch die ­Erfahrung der Reise. Allah brachte ihn vom Haram in Mekka zur Al-Aqsa-­Moschee in Jerusalem und von dort zu einer Begegnung, die ihn in die ­größt­möglichste Nähe der Gegenwart des Herrn der ­Welten führte. „Preis sei Dem, Der ­Seinen Diener bei Nacht von der ­geschützten ­Gebetsstätte zur fernsten ­Gebetsstätte, ­­deren Umgebung Wir gesegnet haben, reisen ließ“, heißt es dazu im ersten Vers der Sura Al-’Isra.

Abgesehen von der Hadsch finden sich im Qur’an auch andere Hinweise auf das Reisen. Dazu zählt der zehnte Vers der Sura Muhammad: „Sind sie denn nicht auf der Erde gereist, damit sie das ­Schicksal derjenigen erkennen können, die vor ­ihnen kamen?“

Über das Reisen
In der islamischen Tradition finden sich verschiedene Motive für eine ­Reise. Über seine Bedeutung und Wirkungen schrieb der Rechtsgelehrte und Begründer der nach ihm benannten Rechtsschu­le, Imam Asch-Schafi’i: „Es findet sich für den Klugen und Verständigen keine Ruhe des Geistes im permanenten unbeweglich-sein. Also, verlasst eure Heimatländer (...)! Reist! Hier findet ihr einen Ersatz für das, was ihr zurückgelassen habt. Zieht hinaus! Hier findet sich die Süße des Lebens. Ich habe gesehen, dass stehendes Wasser fault. Wenn es fließt, ist es nahrhaft (…). Verlässt der Löwe sein Lager nicht, kann er nicht ­jagen. (…) Die Absichten des Reisenden sind ehrenwert. Wer reist, der wird wie Gold geachtet.“

Über die beschwerliche Aspekte des Reisens sagte der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Reisen ist eine Form von Bestrafung. Es ­entzieht einer Person Essen, Trinken und Schlaf. Hat der Reisende seine ­­Bedürfnis­se befriedigt, sollte er sich beeilen, zu ­seiner Familie heimzukehren.“

Im Islam wird jede Handlung nach ­ihrer Absicht bewertet. Und so lässt sich das Reisen allgemein in Empfehlenswer­tes, Abzulehnendes und Erlaubtes ein­tei­­len. Jede erlaubte Handlung kann den Rang einer lobenswerten annehmen, wenn sie die richtige Absicht hat und die entsprechende Person Allah näher bringt. Zu den empfehlenswerten Aspekten des Reisens zählen unter anderem der ­Besuch von segensreichen Orten wie der Al-Aq­sa-Moschee in Jerusalem, die Reise zu Leuten des Wissens, die Suche nach Wissen insgesamt, die Handelsreise sowie die der Suche nach Lebensunterhalt. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte über die Suche nach Wissen: „Wer sein Haus auf der Suche nach Wissen verlässt, befindet sich auf dem Wege Allahs.“ Der Prophet selbst be­­zeichnete dies auch als „Pflicht für ­jeden Muslim“. Schaikh Ibn ‘Adschiba stellte in seinem bekannten Kommen­tar auf ein Gedicht von Ibn Al-Banna aus Saragossa klar, dass mit ­“Wissen“ nützli­ches Wissen gemeint ist.

Es ist ebenfalls empfehlenswert, die Menschen zu besuchen. Abu Huraira überlieferte, dass der Prophet sagte: „Ein Mann machte sich auf den Weg, um einen Muslim in einem anderen Ort zu besuchen, und Allah entsandte einen Engel auf seinem Weg. Als der Mann den Engel traf, wollte jener wissen: ‘Wohin willst du?’ Der Mann entgegnete: ‘Ich möchte meinen Bruder in dieser Stadt besuchen.’ Der Engel sagte ihm: ‘Hat er etwas für dich getan?’ Der Mann antwortete: ‘Nein, ich will ihn nur sehen, weil ich ihn um Allahs willen liebe.’ Daraufhin sagte der Engel: ‘Ich bin ein Bote, der zu dir von Allah entsandt wurde, um dir zu sagen, dass Allah dich so liebt, wie du deinen Bruder liebst.’“

Einer der frühen Muslime sagte: ­“Allah hat Engel bestimmt, um auf die ­Absich­ten der Reisenden zu schauen, sodass ­jedem entsprechend seinen Absichten gege­ben wird. (...) Wessen Absichten auf die nächs­te Welt gerichtet sind, der ­erhält Weisheit, Scharfsinn und innere Einsicht und ihm wird sein Weg einfach ­gemacht.“

Der Adab des Reisens
Verschiedene Gelehrte haben über das Reisen geschrieben. In der Sammlung (As-Sahih) von Imam Al-Bukhari findet sich ein Abschnitt über „den Adab der Reise“. So wies der Prophet seine ­Gefähr­ten an, nicht alleine zu reisen: „Ein ­Reiter ist ein Schaitan, zwei Reiter sind zwei Schaitane, aber drei sind eine Gemeinschaft.“ Außerdem besteht Einigkeit darin, dass eine Gruppe Reisender immer jemanden haben sollte, der für die ­Dauer der Reise als Verantwortlicher agiert.

‘Abdullah ibn Sardschi berichtete: „Wenn der Gesandte Allahs reiste, ­suchte er Zuflucht vor den Beschwerlichkeiten der Reise, vor einer sorgenvollen Heimkehr, vor dem Verlust des Eigentums, (…) und vom schlechten Blick in Bezug auf seine Familie oder sein Eigentum.“

Abu Huraira gab die folgende ­Aussage des Propheten weiter: „Drei Bittgebete werden ohne Zweifel beantwortet: Das Bittgebet desjenigen, dem Unrecht angetan wurde, das Bittgebet des ­Reisenden und das Bittgebet eines Elternteils für sein Kind.“

Einsichten und Hinweise
Praktische Erfahrungen mit dem Reisen macht Rüstü Aslandur, Mitarbeiter der Hilfsorganisation muslimehelfen und langjähriger, aktiver Muslim. Über den Stellenwert des Reisens in seinem ­Alltag meint er: „Was ich öfters unternehme, sind Reisen im deutschsprachigen Raum, um in Veranstaltungen muslimehelfen vorzustellen. Diese Reisen sind natürlich ein Teil unserer Arbeit und zum Teil strapaziös. Das Gute dabei ist stets, dass wir das für die Bedürftigen tun dürfen.“

Reisen sei sowohl belastend, als auch bereichernd. Es sei wie so oft im Leben: Was Mühe mache, werde später als Erwei­terung empfunden. „Wenn man zum Beispiel in eine neue Gegend, in ein frem­des Land kommt“, berichtet er, „muss man sich orientieren und zurecht­finden. Aber das ist zugleich eine Bereicherung, weil man neue Dinge lernt und die Situation in seinem Heimatort ­besser zu schätzen weiß. Als ich einmal die Situ­a­tion der Menschen, die kaum Zugang zu sauberem Wasser in Kenia haben, kennen­gelernt hatte, ist mir der immense Wasserverbrauch daheim erst richtig bewusst geworden.“ Dabei sei - wie bei der Hadsch auch - Geduld das erste, „was man für für die Reise einpacken“ sollte. „Wichtig ist es, nur das Notwendigste und Wichtigste mitzunehmen.“ Ein wichtiger Tipp für alle, die sich später ärgern, weil sie beim Check-in wegen „Übergewicht“ nachzahlen müssen.

Es sei gleichermaßen wichtig - ob Muslim oder nicht - dass man die „Kultur und Sitten des Landes und der Menschen ­respektiert“. Ein flexibler Geist sei eine ­weitere, notwendige Einstellung für den Reisenden. „Es nützt nichts, wenn man die eigenen Vorstellungen und Bedingungen der Heimat dort vorfinden möch­ten; also ein ‘Ethnozentrismus’ wird ­einen nicht wirklich weiterbringen. ­Natürlich hilft eine vorherige Lektüre über das Land und die Kultur der Menschen, aber auch mögliche Gespräche mit Leuten aus dem Land, das man bereisen möchte“, fasste Rüstü Aslandur seine Erfahrung zusammen.

Informationen helfen
Zu den hilfreichen Handreichungen für Reisende, die sich gezielt auf ihre Gastländer vorbereiten, zählen die vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. herausgegebenen „SympathieMagazine“. Diese „Reiseführer der besonderen Art“ bieten eine Grundlage bieten, um Land und Leute zu ­verstehen. Der Geschäftsführer des Vereins, Klaus Betz, ist der Ansicht, dass man bei ­Reisen in „die muslimische Welt“ nicht pauscha­lisieren kann, „weil die Länder zwischen Marokko und Malaysia doch sehr vielfältig sind“. Sollten sich die jetzi­gen Unru­hen wieder beruhigen, so Betz, werden sich auch wieder mehr Menschen verstärkt für die muslimische Welt inte­ressieren. Wer einmal in der ­muslimische Welt war, „und die islamische Kultur live erlebt hat“, der reagiere wesentlich ­besser und souveräner auf das Reiseland - sei es die Türkei, Marokko, Ägypten oder die Länder Südostasiens.

Im Gegensatz zu früher könne man die Unterscheidung zwischen den „klassi­schen“ Bade-, Kultur- und Studienreisen­den nicht mehr aufrechterhalten. „Wer in diesem Jahr an einer geführte Studien­reise in ein muslimischen Land teilnimmt, kann im nächsten Jahr eine Pauschalreise ‘all inclusive’ unternehmen.“ In Ländern wie Ägypten ließe sich der klas­sische Badeurlaub mit Bildungsaspekten kombinieren. Auf der anderen Seite sei klar: „Was den Nahen und ­Mitt­leren Osten betrifft, sind kulturelle Gründe entscheidend.“ Wären nicht die aktu­ellen Entwicklungen in Syrien, so ­könnte man in den Museen und ­Märk­ten von Damaskus bis Aleppo die ­interessantesten Dinge entdecken.

Was den Wunsch nach fundierter ­Rei­sevorbereitung betrifft sei das Heft über den Islam das meistverkaufteste der ­Reihe „Religion“. Es bestehe - ­erkennbar an sei­nen Absatzzahlen - ein ­erstaunliches Interesse von Reisenden, sich mit ­mus­limischen Kulturen auseinanderzusetzen. Ob vorbereitet oder nicht, entscheidend seien die normalen und respektvollen Umgangsformen, wie sie auch bei uns in Deutsch­­land im zwischenmenschlichen Austausch erwartet werden ­können. Gefordert sei ein normales, von Respekt geprägtes Verhalten. Hilfreich sei aber trotzdem, sich vorher über das jeweilige Land zu informieren.

Wie reisen Muslime?
Ein Großteil des muslimischen Reisemarktes in Deutschland wird entweder noch durch die „Heimatländer“ der ­ers­ten Migrantengeneration oder aber von der großen oder kleinen Pilgerfahrt (Hadsch oder ‘Umra) geprägt, ­berichtet Hasan Balcok vom Essener Reisebüro Balcok. Allerdings häuften sich die ­Anfra­gen interessierter Muslime nach ­Angebo­ten, die spezifisch auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten seien. Ein auf Muslime spe­zialisierter Tourismus, der in den ­letzten Jahren als „Halal-Tourismus“ (siehe auch S. 9) bezeichnet wird, blieb ­bisher vor allem auf Reisende vom Persischen Golf und Südostasien beschränkt. Allerdings gibt es beispielsweise in der Türkei seit Längerem Hotels, die damit werben, muslimische Bedürfnisse zu ­befriedigen. Dazu zählen spezi­elle Menüs oder nach Geschlechtern getrennte Badestrände.

Hasan Balcoks Unternehmen bietet be­treute Gruppenreisen an. So gibt zu bestimmten Termine fünftägige Trips nach Istanbul, für die sich die Kunden anmelden könnten. Diese ­Gruppenreise geht gemeinsam nach Istanbul, „wo es dann ein fünftägiges Besuchsprogramm gibt. Dazu zählen am ersten die Tag ­große Moscheen wie die Blaue Moschee oder Eyüp Sultan. Am zweiten Tag kann man an einer Schiffsfahrt über den Bosporus teilnehmen. Und am dritten Tag steht ein Besuch auf dem Großen Basar an“. Diese Gruppen seien gemischt, das heißt, es nähmen Muslime und Nichtmuslime teil.

Hasan Balcok hat die Erfahrung ­gemacht, dass die Nachfrage nach gezielten Angeboten für Muslime immer ­größer wird. „Die jährliche Standardreise in die Heimat der Eltern ist normal. Es gibt aber ein immer größer werdendes Interesse an Besuchen muslimischer ­Kulturstätten.“ Europanah zählen dazu Rundreisen in der Türkei, in Bosnien, aber auch im spanischen Andalusien (siehe S. 21).

Quelle: IZ

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