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Donnerstag, 03 Januar 2013 06:47

Herrschaft und Steuern

Ronald Reagan Ronald Reagan
Das Universalgenie Ibn Khaldun ist bis heute Vorbild für eine moderne Steuergesetzgebung. Von Hanizah Andie

Der ehemalige Schauspieler und 40. Präsident der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan, schrieb 1993 in einem bekannten Artikel für die „New York Times“: „Ich möchte Ihnen den Rat des arabischen Historikers aus dem 14. Jahrhundert Ibn Khaldun geben, der sagte: ‘Zu Beginn eines Reiches sind die Steuerraten niedrig und die Einnahmen hoch. An seinem Ende sind die Steuersätze hoch und die Einnahmen niedrig.’ Und nein, ich kenne Ibn Khaldun nicht persönlich, obwohl ich glaube, dass wir einige Freunde gemein haben.“

(Lost ­Muslim History). Man kann mit der konservativen Wirtschaftspolitik Ronald Reagans übereinstimmen oder sie ablehnen, aber es besteht kein Zweifel über das Genie des ­Mannes, den er zitierte: Ibn Khaldun. Er war seiner Zeit um Jahrhunderte voraus. Sein gigantisches Werk – die 1377 veröffent­lichte „Muqaddima“ – ist nur schwer einzu­ordnen. Sie ist eine Quelle für Geschichtsschreibung, Islam, Wissenschaft, Soziologie, Wirtschaft, Politik, Kriegfüh­rung und Philosophie. Ein einziger Arti­kel über das gesamte Buch würde Ibn Khaldun und der großen Menge an Wissen Unrecht tun, die er für folgende Generationen hinterließ. Deshalb werden wir uns hier auf einige seiner ökonomischen Vorstellungen beschränken, die Jahrhunderte später eine der ­Grundlagen für die heutige Besteuerung darstellen.

Herkunft

Er wurde 1332 in Tunis als Sohn ­einer Familie wohlhabender Andalusier geboren. Seine Familie war gezwungen, ihre Heimat wegen der christlichen Eroberung ihrer Heimat zu verlassen. In ­jungen Jahren wurde er in den Wissenschaften des Qur’an, der Hadith, der Rechtswissenschaft, des Rechts, aber auch in Physik, Mathematik, Logik und Philosophie unterwiesen. Diese starke Fundierung in den vielfältigen Wissenschaften half ihm, seine Welt zu verstehen und gab ihm die notwendigen Methoden dafür an die Hand. Als junger Erwachsener arbeitete er in verschiedenen, kleineren ­bürokratische Stellungen in ganz Nordafrika. Als ihm 1364 ein Posten im andalusischen Emirat Granada angeboten wurde, ergriff er diese Gelegenheit beim Schopfe. Ibn Khaldun fungierte hier als Diplomat im Dienste der Regierung Granadas und handelte einen Friedensvertrag zwischen Granada und benachbarten christlichen Staaten aus. Eine politische Intrige ­führte jedoch dazu, dass er den Posen aufge­ben musste und nach Nordafrika heimkehrte, wo er an der „Muqaddima“ ­arbeitete.

Steuern

Es ist bezeichnend, dass die Behandlung des Themas Wirtschaft beinahe immer mit der Frage nach Regierung verbunden ist – und dem Aufstieg und Fall von Herrschaft. Der Historiker ­erkannte, dass Dynastien eine natürliche Lebensspanne haben; beinahe nie länger als drei Generationen [es sei denn, dass die Gruppensolidarität (Adabijja) durch Phänomene wie den Islam gestärkt werden]. An diesem Punkt kommen neue, die die alten ersetzen. Im direkten Zusammenhang mit jenem Lebensalter steht ein Muster der Besteuerung, das mitbestimmt, wie lange eine Dynastie ­beziehungsweise eine Regierung tatsächlich überleben kann.

Zu Beginn seines Abschnittes über Steuereinkünfte findet sich die Stelle, die von Ronald Reagan über das Verhältnis zwischen niedrigen Steuersätzen und hohen Einkünften beziehungsweise hohen Steuersätzen und niedrigen Einkünften (für die Regierung) zitiert wurde. Im nächsten Satz gab Ibn Khaldun eine Erklärung für das Phänomen: „Der Grund dafür ist, dass, wenn diese Dynastien den Wegen (Sunnan) der Religion folgen, sie nur solche Steuern erheben, die vom religiösen Recht festgelegt werden – wie die Wohlstandsabgabe (Zakat), die ­Steuer auf Land (Kharadsch) und die Kopfsteu­er. Dies bedeutet geringe Bemessungsmengen, da – wie jeder weiß – die Wohlstandsabgabe gering ist.“

Im Islam sind die religionsrechtlichen Richtlinien für Steuern tatsächlich begrenzt. Die Zakat (die verpflichtende Wohlstandsabgabe), die an die Armen und nicht an die Regierung geht, beträgt nur 2,5 Prozent des akkumulierten Wohlstands (an Gold, Silber und Handelsgütern). Die anderen Steuern – ­unter anderem auf Land und die Kopfsteuern – waren in der muslimischen Welt historisch niemals sehr erdrückend. Ibn Khaldun argumentiert hier, dass, wenn eine Regierung sich an die islamischen Regeln hält und nicht versucht, die Menschen übermäßig zu besteuern, größeren Erfolg bei der Erhebung von Steuereinkünften haben wird.

Ehrliche Regierung

In Zusammenhang dazu steht der nächste Abschnitt, in dem Ibn Khaldun feststellt, dass einer der Gründe, warum die frühe Steuereinnahme so hoch ist, darin begründet liegt, dass die frühen Herrscher mehr an der Einheit und dem Zusammenhalt eines Staates interessiert sind als am persönlichen Reichtum: „Zu Beginn einer Dynastie werden die Einnahmen unter dem Stamm und den Leuten verteilt, die Anteil an der Gruppensolidarität des Herrschers (Asabijja) haben. Dies steht im Zusammenhang mit ihrer Nützlichkeit, der Gruppensolidari­tät und weil sie bei der Errichtung der Dynastie benötigt werden (...). Unter diesen Umständen hält sich der Herrscher zurück, Anspruch auf die Einnahmen sie erheben, die sie gerne hätten.“

An dieser Stelle liefert Ibn Khaldun eine Erklärung, warum niedrige Steuern so effektiv im frühen Stadium einer Dynastie sind – das Fehlen von ­Korruption auf Seiten der Regierung. Solange die Regierung an der Einheit des ­Gemeinwesens und ihrer Effektivität interessiert ist, solange werden die Steuereinnahmen zur Unterstützung und Stärkung der gemein­schaftlichen Einrichtungen genutzt. Das Gegenteil dazu ist: Wenn ein Reich korrumpiert wird, fließt ein großer Teil der Steuereinnahmen direkt in die persönlichen Ausgaben des Herrschers. In dem Fall müssen die Steuern erhöht werden, um die allgemeinen Ausgaben zu decken.

Ein legendäres Beispiel dafür war der zweite Khalif des Islam, ‘Umar ibn Al-Khattab, der von 634 bis 644 ­(christlicher Zeitrechnung) regierte. Er war bekannt dafür, dass er zwei verschiedene Lampen besaß, mit denen er sein Haus beleuchte­te. Eine wurde mit Steuergeldern betrie­ben und er nutzte sie nur, während er in seiner Funktion als politischer Führer der muslimischen Welt arbeitete. Die zweite Lampe wurde mit seinen persönli­chen Einnahmen unterhalten und er zündete sie für alles andere an, das nichts mit der Regierungsfunktion zu tun hatte. Sein Grund war, dass er keine Steuerein­nahmen für seine persönlichen ­Ausgaben verschwenden wollte. Aus diesem Grund war das neue muslimische Reich ­während der Herrschaft ‘Umars sehr effektiv bei allem, was es unternahm.

Ein anderes Beispiel war die Regierungszeit von Salah Ad-Din Al-Ajjubi im 12. Jahrhundert. Als er 1193 starb, befanden sich nur einige wenige Gold- und Silbermünzen in seinem Besitz; obwohl er Sultan von Ägypten und Syrien war. Er verwendete alle Gelder der Regierung für die Stärkung seiner Armee oder andere Teile der Regierung. Derart war ­Salah Ad-Din in der Lage, ein starkes Gemeinwesen aufzubauen, dass Jerusalem von der Kontrolle der Kreuzfahrer befreite.

Angebotsorientiertes Wirtschaften

Ibn Khaldun spricht an einer anderen Stelle über ein weiteres Problem ­einer hohen Besteuerung: „Der Ergebnis [von hohen Steuern] ist, dass das Interesse der Untertanen an kulturellen Aktivitäten schwindet. Wenn sie ihre Kosten und Steuern mit ihrem Einkommen und Nutzen vergleichen, und erkennen müssen, wie wenig sie profitieren, verlieren sie jede Hoffnung. Daher halten sich ­viele von ihnen von jeder kulturellen Aktivität zurück. Das Ergebnis ist, dass die Gesamtheit der Steuereinnahmen sinkt, genauso wie die Menge der individuellen Bemessungen sinkt.“

Ibn Khaldun geht davon aus, dass die hohe Besteuerung der Menschen durch die Regierung (insbesondere jener, die Wohlstand generieren) dazu führt, dass sie deutlich weniger Anreiz haben, ihr Geld in Geschäften und Verträgen zu investieren (er bezeichnet Geschäfte hier als „kulturelle Aktivitäten“). Der Grund dafür ist simpel: Wenn die Regierung unseren Wohlstand besteuert, dann haben wir weniger Geld für Geschäfte. Dies führt wirtschaftlichem Stillstand und so zu einem allgemeinen Niedergang der Steuereinnahmen.

1981 verkündete Präsident Reagan in einer Fernsehansprache einen Plan zur Steuersenkung. Er wurde stark von ­einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik beeinflusst. Diese Idee ist heute ein grund­legendes Prinzip einer solchen Wirtschaftslehre. Leute, welche für diese Art der angebotsorientierten Ökonomie sprechen, gehen davon aus, dass Unternehmen und die Wohlhabenden geringere Steuersätze haben sollten. Denn ­geringe Steuern würden ihnen mehr Geld an die Hand geben, mit denen sie ihre Geschäfte ausbauen können. Dies soll den weniger Wohlhabenden (durch mehr Arbeitsplätze) größere Möglichkeiten schaffen. Aus diesem Grund wird ein solcher Ansatz auch als „trickle-down-economics“ [Theorie des Durchsickern, auch als Pferdeäpfel-Theorie bezeichnet, Anm. IZ]. Diese Annahme bildet eine Basis für viele konservative Wirtschaftstheorien in der modernen Welt. Konservative Politi­ker (wie Ronald Reagan) haben diese Theorie benutzt, um ihre geringen Steu­ersätze für Reiche verteidigt – gegenüber sozialistischeren Vorstellungen bezüglich höherer Steuern für die gleiche ­Gruppe.

Die Laffer-Kurve

Ibn Khalduns Vorstellung über das Finden eines Gleichgewichts bei der Besteuerung, die das bestmögliche Ergebnis zeitigt, wurde später als die Laffer-Kurve bekannt. Sie wird heute von ­einem Teil der Ökonomen benutzt, um den optimalen Steuersatz zu ermitteln, der zu den höchsten Einnahmen für eine Regie­rung führt.

Üblicherweise hat sie eine parabolische Form, bei der übermäßig niedrige und hohe Steuern gleichermaßen zu ­niedrigen Erträgen führen. Nach dieser ­Vorstellung gibt es einen perfekten Steuersatz in der Mitte, der zu höchstmöglichen Einnahmen führt, ohne dass die Leute so stark besteuert werden, dass sie keinen ­Anreiz mehr haben, ihr Geld zu investieren.

Benannt wurde sie nach dem amerika­nischen Ökonomen Arthur Laffer. Er selbst übrigens hatte nie behauptet, sie entwickelt zu haben und stellte klar, dass er die Idee von Ibn Khaldun übernommen hatte. „Die Laffer-Kurve wurde nebenbei gar nicht von mir entwickelt. Ibn Khaldun beispielsweise, ein muslimischer Philosoph des 14. Jahrhunderts, schrieb in seinem Buch ‘Muqaddima’: ‘Es ­sollte bekannt sein, dass die Besteuerung zu Beginn einer Dynastie – bei kleinen Bemessungssätzen – zu großen Erträgen führt. Am Ende einer Dynastie erbringt die Besteuerung – bei hohen Bemessungssätzen – geringe Einkünften.’“

Die wirtschaftlichen Ideen von Ibn Khaldun zu diesem Thema war seiner Zeit weit voraus. Obwohl er im 14. Jahrhundert lebte, sind seine Vorstellungen mit denen einer modernen Ökonomie kompatibel. Die ökonomischen und politischen Erkenntnisse in seiner „Muqad­dima“ sind zeitlose Richtlinien, die mit Sicherheit eine Rolle in der modernen Welt spielen sollten. Erstaunlich an diesem Werk ist übrigens, dass es sich nicht nur auf diesen Bereich beschränken lässt. Sie ist auch angefüllt mit Philosophie der Geschichte, Regierung, Religion, Gesellschaftswissenschaft, Psychologie und Erziehung.

Das wahre Genie des Muslims aus Nordafrika geht weit über Steuersätze und Laffer-Kurven hinaus.

Quelle: islamische-zeitung

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