Nur noch ein schwacher Schimmer war von ihm zu erkennen. Sonst nichts. Er schien mit Horizont und Himmel verschmolzen zu sein...
Doch wir hörten ihn, sein Rauschen, das uns sein Lied wie aus geheimnisvoller Ferne herkommend zutrug...
Im Licht einer Strandlaterne sahen wir ihn auf uns zukommen. Ihn, Abdu, in seinem beigefarbenen Langhemd, einen jungen Lehrer der Insel. Wir hatten ihn, ganz zufällig, in einer Moschee kennengelernt, waren mit ihm ins Gespräch gekommen, und er hatte uns versprochen, uns abends, am Strand, aufzusuchen.
Abdu hatte also sein Versprechen gehalten....
Er war Geographie- und Geschichtslehrer, und so konnte er uns viel Interessantes erzählen. Über seine Heimat, seine Insel...
Mit breitem Lächeln und strahlenden dunklen Augen hockte er sich neben uns, und bald schon erfuhren wir von ihm, dass die Insel Qeschm vor langer Zeit, lange vor dem Islam, andere Namen trug, die sich jedoch mit der Zeit verloren. Die Bezeichnung „Keschm" oder „Qeschm" bürgerte sich so nach und nach ein.
In einer Zeit, als die Mongolen in Iran eindrangen, ließ sich das Oberhaupt des Stammes der Turan mit den Seinen auf der Insel nieder. Er bebaute sie, und bald schon nannte man ihn Turan-Schaah.Im Jahre 1507 war es, als die Portugiesen militärische Befestigungen
auf der Insel errichteten und die Kriegsschiffe anderer Länder daran hinderten, die Insel zu betreten.Und so blieb es bis zur Herrschaftszeit des Ssafawidenkaisers Schaah Abbaas.
Dann, 1645, schifften sich die Holländer in den Persischen Golf ein, und unter dem Vorwand, Iran habe gegen sein Handelsabkommen mit Holland verstoßen, stürmten sie gegen die Insel Qeschm und eroberten deren Festung - die sogenannte „Qal`eh e Qeschm".Die holländischen Truppen ließen sich also dort nieder, doch infolge des für
sie ungewohnten Klimas, der hohen Temperaturen und Schwüle, kamen viele von ihnen ums Leben. Holland sah sich gezwungen, seine restlichen Militärs dort von der Insel abzuziehen.
In den Jahren 1718 bis 1720 verschlechterte sich die Situation in der Region des Persischen Golfes.Der Herrscher von Omaan besetzte einige Inseln in der Nähe der
persischen Küste. Unter anderem Qeschm. Doch bald darauf schon wurden seine Truppen von englischen Kriegsschiffen, die dort aufkreuzten, vertrieben.
Nach dem Tode des Afscharidenkaisers Naader-Schaah nahm der iranische Einfluss im Bereich des Persischen Golfes ab. Agressive arabische Stämme dehnten ihre Attacken bis in die Nähe der iranischen Golfküste aus und nahmen 1760 Qeschm in Beschlag,
bis dass 1763 Karim-Khaan Sand, der weit und breit geschätzte Herrscher der Sand-Dynastie, der sich selber nicht als Kaiser, sondern als Vertreter des Volkes, als „Wakil ol Ro`aayaa" bezeichnete und sich tatsächlich auch so verhielt, zu Macht im Süden Irans und jenem geographischen Raum kam.
Dann, 1882, beschloss die englischen Herren in Bombay, sich einen Marine-Stützpunkt in der Region des Persischen Golfes zu schaffen. Und dazu erkoren sie „Baassa`idu", einen kleinen Ort an der Küste der Insel Qeschm.
Doch nachdem sie sich dort einen Stützpunkt errichtet hatten, sahen sie sich nach einiger Zeit bereits genötigt, die Insel zu verlassen und sich nach einem geeigneteren Ort für ihren Stützpunkt umzusehen.Überreste ihrer dortigen,Einrichtungen sind noch zu sehen.
Allerdings, im Jahre 1909 suchten sie den Hafen Baassa`idu erneut auf. Und zwar, um sich dort ein Erdöl-Vorratslager anzulegen. Was sie auch taten und dieses im Zweiten Weltkrieg auch kräftig nutzten, um ihre Kriegsschiffe aufzutanken. Nach Kriegsende aber beendeten sie ihre Aktivitäten in diesem Hafenort.
Voller Stolz fügt Abdu hinzu:
Nach dem Sieg der Islamischen Revolution in Iran gewann die Insel Qeschm an zunehmender Bedeutung. Der Hafen von Qeschm avancierte 1989, 1990 zum zweiten Freihafen Irans und zählt nun zu den wichtigen Handelshäfen im Bereich des Persischen Golfes und Golfes von Omaan.
Abgesehen davon aber tat sich auch sonst so allerlei auf der Insel. Etliche infrastruktuelle Verbesserungen und Neu-Einrichtungen erfolgten, die sowohl der einheimischen Bevölkerung als auch den Touristen zum Wohle sind. Dazu gehören die neue moderne Hafenanlage und der Internationale Flughafen von Qeschm.
Abdu hatte uns viel erzählt. Über seine Insel und ihre Geschichte. Er liebt seine Heimat, das war aus seinen Worten und die Art, wie er berichtete, deutlich herauszuspüren.
Doch da es inzwischen spät geworden war und wir gleich morgen früh weiter wollten zur Insel Kisch, verabschiedeten wir uns mit einem herzlichen Dankeschön von ihm, luden ihn, in den Neujahrsferien, zu uns nach Teheran ein und winkten ihm noch eine Zeitlang nach, bis er - in der Dunkelheit - nicht mehr zu sehen war.



