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Freitag, 20 Juli 2007 13:47

Attar, ein persischer Dichter (Teil 9)

K- Als der Wiedehopf, der Reiseführer der Vögel zu ihrem Herrn, dem Ssimorq, seine Rede beendet hatte, bat ihn einer der Vögel, nun doch auch noch zu sagen, wie weit der Weg hin zum Ssimorq sei.

W- Der Wiedehopf nickte. Sieben Etappen seien es, die zurückzulegen seien, sagte er und fügte hinzu: Allerdings sei niemand von denen, die den Ssimorq erreicht hätten, zurückgekehrt, um Genaues mitteilen zu können.
Doch folgendes könne er sagen, nämlich, dass der, der die Reise antrete, sich wappnen müsse mit Langmut und Ausdauer und dem festen Vorsatz, sich von Mühen und Härten nicht schrecken zu lassen.

K- Allein die erste Etappe, die Phase des Strebens nach dem Ssimorq, sei voller Beschwernisse und dauere lange Jahre.

K- Dann, wenn die erste Etappe des Weges zurückgelegt sei, erklärte der Wiedehopf, begänne der zweite Wegabschnitt. Die Phase der Liebe.
Ein jeder, der diese zweite Etappe erreicht habe, sei erfüllt von Liebe. Von heißer, brennender Liebe für den Herrn, den Ssimorq,

W- , denn der wirklich Liebende sei selber Feuer, heiß, brennend und vehement.
Liebe ist wie das Feuer, und der Verstand wie Rauch. Wenn Liebe das Feld beherrscht, entweicht der Verstand wie Rauch...

K- Die dritte Etappe des Weges zum Ssimorq aber ist die Phase des Mehr-Verstehens. Jeder in dieser Phase legt entsprechend seinem Wissen und Begreifen bzw. entsprechend seinem Vollkommenheitsgrad diesen Wegabschnitt zurück. Der eine schneller und zügiger, der andere langsamer.

W- Das heißt, von dem Befinden und Begreifen eines jeden hängt es ab, wie schnell er braucht, um zu seinem Herrn zu kommen und wie nahe er ihm kommt. Mit anderen Worten, jeder legt diesen Wegabschnitt gemäß seiner eigenen persönlichen Situation zurück.

K- Es folgt der vierte Wegabschnitt. Die Phase der Bedürfnis- oder Anspruchslosigkeit. Niemand ist, der sich selber rühmt, Ansprüche stellt...

K- Nun schließt sich, auf dem Weg zum Ssimorq, jene Phase an, in der das „Ich" nicht mehr zählt. Der Wanderer löst sich von allem, das nicht das Ziel, also nicht der Herr ist. Er sieht nicht mehr sich, sondern nur noch die Vereinigung.
Dann folgt die Phase hohen Erstaunens.


K- Und nun, nachdem auch diese Etappe zurückgelegt ist, beginnt eine schier unbeschreibliche Situation. Eine Phase, in der Abertausende irdischer Schleier angesichts der strahlenden Sonne in einem einzigen Augenblick dahinschwinden...

W- Wie schon zuvor, begleitete der Wiedehopf seine Erklärungen zu den sieben Phasen bzw. Wegetappen jeweils mit kleinen veranschaulichenden Geschichten.

K- Die Vögel der Welt versanken erneut in Gedanken. Ein wehes, banges Gefühl überkam sie.
Wie nur würden sie diesen weiten und beschwerlichen Weg zu ihrem Herrn zurücklegen können?

K- Doch sie wollten durchhalten. Ihr Wunsch, ihren Herrn zu erreichen, war zu stark und drängend.
Und so sie setzten die Reise fort.
Vieles wiederfuhr ihnen. Unsagbar vieles.
Wer diese Reise nicht selber antrat, kann sich kaum vorstellen, was ihnen an Schwerem und an Gefahren so alles begegnete.

W- Kurz, von all den vielen Vögeln, die die Reise begonnen hatten, waren es letztendlich nur wenige, nur dreißig, die das Ziel erreichten.

K- Und was schauten sie?
Ein Schloss, strahlendschön, inmitten einer Weite unbeschreiblicher Herrlichkeit und Pracht,

W- geschmückt von Abertausenden Sonnen, Monden und Sternen,
schwebend und tanzend - gleich kleinsten Stäubchen - im Raum,
und allüberall Glorie und Majestät, höher als alle Vernunft...

K- Die Vögel, zutiefst erstaunt, dachten: Wenn Sonne, Mond und Sterne angesichts der strahlenden lichten Pracht und Herrlichkeit nur gleich kleinsten Stäubchen sind, werden wir wohl überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden können. Wir sind angesichts ihrer, die selber nur wie kleinste Moleküle sind, ein Nichts...
Nein, das hatten sie nicht erwartet...
Sie waren wie benommen, begriffen nicht und fühlten sich verloren.
Eine Zeitlang...

W- Bis dann eines Tages der Hüter des Schlosses, hinaussah und sie erblickte.
Dreißig Vögel, erschöpft, fast leblos und bekümmert. Kaum ein Federchen war ihnen geblieben...

K- Was nun geschah, erzählen wir ihnen das nächste Mal, denn unsere Zeit ist wieder einmal um. Bis dann also...

 

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