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Freitag, 20 Juli 2007 13:44

Attar, ein persischer Dichter (Teil 5)

(Schaikh e Ssan`aan 1) K- Der Wiedehopf, der Reiseführer der Vögel zu ihrem König, dem Ssimorq, erzählte ihnen nun einige Geschichten, um ihnen die Etappen des Weges, die sie zurückzulegen hatten, verständlicher zu machen:

 

W- Es ist die Geschichte von dem Gottesfürchtigen, der sich bereits seit fünfzig Jahren in ein einfaches Darwischgewand hüllte.

K- Mit seinen vielen Schülern, vierhundert waren es, lebte er in der Nähe der Ka`ba, dem ältesten Gotteshaus der Welt, wo sie sich gemeinsam in Enthaltsamkeit und Gottesanbetung übten.

W- Er, Schaikh Ssan`aan, war sehr gebildet, gelehrt, und das, was er wusste und lehrte, praktizierte er auch. Fünfzigmal hatte er bereits das Hadsch-Ritual vollzogen. Ganz zu schweigen von den kleinen Hadschs, den „Hadsch e Omreh", die er natürlich sehr oft vollzog.

K- Ständig war er in Andacht und Gebet versunken, fastete häufig und alles, was seine Religion ihm sagte - ob Gebote oder aber Empfehlungen - erfüllte er. Und die Großen jener, die auf dem Wege der Gottesliebe wandelten, fühlten sich angesichts seiner Gelehrtheit und Weisheit klein und nichtig...
Er war es, zu dem der Leidende ging, um bei ihm Heilung zu finden.

K- Es begab sich, dass Schaikh Ssan`aan, jener weise Gottesfürchtige, mehrere aufeinanderfolgende Nächte lang einen seltsamen Traum hatte. Ihm träumte, dass er sich in römischen Landen befand und vor einem schönen jungen Mädchen niederkniete.

W- Nach diesen Träumen dachte er, erschrocken und beunruhigt:
„Es sieht ganz so aus, als ob das Ende meiner ruhigen und beschaulichen Zeit gekommen ist und ich nun - auf meinem Weg zu Gott und der Liebe zu Ihm - Schweres und Beängstigendes zu überwinden habe.
Ob ich durchhalten und den Weg heil und gesund hinter mich bringen werde, weiß ich nicht. Doch das ist nicht sonderlich wichtig, wichtig ist, dass mir mein Glaube dabei nicht abhanden kommt..."

K- Er rief seine Schüler, seine Jünger zu sich und sagte ihnen:

W- „Es scheint eine Schwierigkeit auf mich zuzukommen, deretwegen ich mich unverzüglich auf den Weg ins römische Land machen muss, um dort das Problem möglicherweise lösen zu können."

K- Schaikh Ssan`aan trat also die Reise an.
Seine Jünger begleiteten ihn.
Von der Ka`ba bis in jenes entfernte römische Reich hatten sie einen weiten Weg zurückzulegen. Bis sie dann endlich eine Stadt erreichten, in der ein wunderschönes Mädchen lebte.

W- Es war ein christliches Mädchen, voller Anmut und strahlend wie die Sonne. Und so liebreizend, dass es aller Blicke auf sich zog.

K- Die Blicke zahlreicher Bewunderer, die - wie einst Josef - ihr Herz an es verloren und sich in ihrem Bann verfingen.
In ihrem Haar trug die Schöne einen leuchtenden Diamanten, und hinter einem feinen Schleierchen verbarg sie ihr Gesicht.

K- Als des Schaikh Ssan`aans Blick auf das schöne Mädchen fiel, begann sein Herz heftiger zu schlagen. Wie verzaubert fühlte er sich. Er schlug sogleich seine Blicke nieder, doch zu spät. Sein Herz war bereits in heißer Liebe für das Mädchen entbrannt.

W- Das Feuer der Liebe hatte ihn ergriffen. Er wollte sich dagegen wehren, doch gelang es ihm nicht.
Unglücklich über sich selber klagte er:
„Nicht nur mein Herz gab ich aus der Hand, sondern auch meinen Glauben, meine Religion scheinen mir verloren zu gehen. Wie erschreckend ist doch diese meine Liebe für das christliche Mädchen."

K- Seine Jünger aber, sie waren bass erstaunt über ihren Meister, konnten es nicht begreifen, was ihm geschehen war, waren beunruhigt, verwirrt...
Was nur war geschehen?

W- Und begannen, ihn zu ermahnen. Ihm zu raten. Doch umsonst. Sie vermochten es nicht. Warum nur war das Liebesweh ihres Meisters nicht zu lindern, nicht zu heilen?

K- Eines Nachts, als
Schaikh Ssan`aan, eingehüllt in sein schwarzes Darwischgewand und in Gedanken versunken, vor seiner Hütte hockte, begannen die Sterne am Himmel mit einem Male glänzender und strahlender als je zuvor zu leuchten.

W- Und in jener Nacht geschah es, dass sein Inneres, sein ganzes Sein so sehr von stürmischer, überfließender Liebe ergriffen wurde, dass er sich selber verlor.
Was nur konnte und sollte er tun?
Heftiges Liebesweh ergriff ihn, er hockte da und weinte. Weinte und weinte...

K- Ununterbrochen.
In jener Nacht fand er keinen Schlaf. Unruhe, Erregtheit und drängende heftige Liebe für das schöne Mädchen überwältigten ihn...
Er verstand sich selber nicht mehr, wusste keinen Ausweg, und wandte sich in seiner Not an Gott. Klagte ihm sein Leid. Unter anderem:

W- Seine Jünger hörten sein Klagen, sein Seufzen, sein Weinen. Sie kamen zu ihm, versuchten ihn zu trösten, ihn zu beruhigen...
Doch was sie auch sagten, es nutzte nichts.
Als sie erkannten, dass er sich nicht beschwichtigen ließ, zogen sie sich bekümmert zurück.
Was nur konnten sie für ihren Meister tun?!

K- Unsere Beitragszeit ist um, wir müssen uns verabschieden. Was nun mit Schaikh Ssan`aan geschah, hören sie darum das nächste Mal. Bis dann also, Ihnen allen alles Gute...

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