Diese Webseite wurde abgebrochen. Wir wechseln auf Pars Today German.
Samstag, 06 Juli 2013 07:46

Von Weimar bis Schiraz Teil 2

Von Weimar bis Schiraz Teil 2
Wir haben darauf hingewiesen, dass die politischen Verhältnisse im Iran zu Lebzeiten des iranischen Dichters Hafez denen in Deutschland zur Zeit Goethes
ähnlich waren. In unserem heutigen Beitrag möchten wir nun betrachten, inwieweit sich die kulturellen Situationen in diesen beiden räumlich und zeitlich auseinander liegenden Epochen ähnlich waren.


Wie bereits beim letzten Mal gesagt, wurden die einzelnen Gebiete im Iran von bestimmten Familienstämmen verwaltet. Die Herrscher der Provinz Fars hatten die Stadt Shiraz vor dem Angriff der Mongolen verschont, indem sie einwilligten, diesen Tributzahlungen zu leisten. So wurde Shiraz zu einem geeigneten Zufluchtsort für Literaten, Gelehrte und Künstler. Die Herrscher gründeten verschiedene Ausbildungsstätten und förderten so die Ausbildung von Wissensdurstigen. Ebne Dschasri rief eine Koranschule ins Leben, während Schah Schedscha' eine medizinische Ausbildungsstätte namens Daraschschefa erbauen ließ. Eine weitere Lehrstätte war die Madresseh Madschiyeh. Shiraz konnte auf eine lange historische Vergangenheit und seine Glanzepoche zur Zeit der Achämeniden zurückblicken. Ebenso besaß es auch relativ ausgeglichene Klimaverhältnisse und war eine schöne grüne Stadt. Auch heute noch schätzt man ihr Klima und ihre lange historische Vergangenheit im Iran.

Aber auch Weimar konnte sich über solche Vorzüge freuen. Es ist sogar wegen seines angenehmen Klimas und seinem vielen Grün das grüne Herz Deutschlands genannt worden. Weimar war zur Zeit Goethes ein Zentrum für deutsche Denker und Literaten. Namhafte Gesichter wie Gottfried Herder (1744-1803), Christian Martin Wieland (1733 bis 1833) Friedrich Schiller (1759-1805), Friedrich Hegel (1771-1813) und Friedrich Wilhelm Josef von Schelling lebten in Weimar. Die Universität Jena war das Zentrum, an dem sich Denker, Gelehrte und Künstler versammelten.

Der gemeinsame kulturelle Punkt zwischen Shiraz zur Zeit des Hafez und Weimar zur Zeit Goethes besteht aber nicht nur darin, dass sie beide Versammlungsort für Wissenschaft und Kultur waren, auch die Gründe, weshalb sich diese beiden Städten zu einem solchen Zentrum entwickeln konnten, ähneln einander. Einer der wichtigsten Gründe für die Entstehung eines wissenschaftlichen Zentrums in Shiraz war wahrscheinlich die Politik der herrschenden Atabakaan Solghari gegenüber der Herausforderung der Mongolen und die Gunst, die diese Herrscher Gelehrten und Künstlern entgegenbrachten. Und wenn wir nach Weimar herüberschauen, sehen wir, dass diese Stadt wegen der Politik des Karl August Versammlungsort der Gelehrten und Künstler wurde. Bevor Karl August zum Großfürsten wurde, lebte er mit seinem Bruder in der Obhut seiner Mutter. Die Mutter Carl Augusts war eine Enkelin Friedrich des Großen. Als Sohn Carl August 18 Jahre alt geworden war, überließ ihm seine Mutter, die bis dahin regiert hatte, das Amt des Großfürsten über die Staaten Sachsen, Weimar und Eisenach. Carl Augusts Mutter gab ihrem Sohn die Anweisung, alles zu unternehmen, um dieses Gebiet zu einem Ort werden zu lassen, wo sich die Großen aus Wissenschaft und Literatur umeinander versammeln. So kam es, dass auch Goethe von Carl August nach Weimar eingeladen wurde. Das war im Jahre 1774.

Genauso wie die Maßnahme des Herrscher von Shiraz zur Folge hatte, dass diese Stadt zum Zentrum von Wissenschaft und Kultur wurde, so verdankte die Stadt Weimar ebenso ihren Ruf als Versammlungsort der Gelehrten , Literaten und Denker der Initiative ihres Großfürsten.

Natürlich haben bei der Begegnung Goethes mit Hafez und die Art wie dieser weltbekannte deutsche Dichter von Hafeze Shirazi beeinflußt wurde, noch andere Faktoren eine Rolle gespielt. Aber es kann gut sein, dass die politisch-gesellschaftlichen und die kulturellen Ähnlichkeiten zwischen Weimar und Shiraz zur Zeit Goethes bzw. Hafez ein Grund dafür ist, dass Goethe sich von der Dichtung Hafez angezogen fühlte. Doch zweifelsohne ist einer der Gründe für das Interesse Goethes an den Werken Hafez darin zu suchen, dass diese beiden Dichter zum Teil ähnlich dachten. Wir werden noch auf diesen Punkt eingehen. Zuvor sollten wir betrachten, wie Goethe mit der Lyrik des Hafez Bekanntschaft schloss. Zunächst etwas über die allgemeine okzidentale Hinwendung zum Orient zur Zeit Goethes:

Mitte des 18. Jahrhunderts entstand im Westen eine Bewegung mit dem Ziel, sich mit den Gedanken und Ansichten im Osten und der dortigen Literatur und Philosophie vertraut zu machen. Philosophen und Denker wandten sich, der westlichen Kultur müde geworden, dem Orient zu. Edward Said, der bekannte arabische Schriftsteller sagt über das Wort "Orient" und dessen Bedeutung aus der Sicht der Europäer:

„Das Wort "Orient" ist eigentlich eine Erfindung der Europäer. Mit diesem Wort verband man seit eh und je die Vorstellung von der Entstehung von Liebesabenteuern, fremden Menschen, unvergessliche Erinnerungen und Landschaften sowie außergewöhnlichen Erfahrungen. Die Orientalistik ist daher eine Art Kompromissschließung mit dem Orient aufgrund der besonderen Stellung im Osten, die er in den Erfahrungen im Okzident und in Europa einnimmt. Der Orient liegt nicht nur in der Nähe Europas und ist mit ihm benachbart, sondern ist auch deren größtes, reichstes und ältesten Kolonienreich. Der Osten ist der Ursprung ihrer Zivilisation und ihrer Sprachen. Mit dem Wort Orient geht auch eine der stärksten und zugleich häufigsten Vorstellungen von anderen einher. Auf jeden Fall steht fest, dass im 18. Jahrhundert die Orientalistik entstand und nicht nur eine Quelle zur Inspiration der Schriftsteller und Denker im Westen wurde: Einige Anhänger der Bewegung der Romantik haben den Osten als die alleinige Ursprungsquelle der romantischen Literatur betrachtet und waren der Überzeugung, dass die Romantik ihr ideales Heimatland im Osten suchen sollte.
Im nächsten Teil werden wir betrachten, wie Goethe selber mit dem Orient Bekanntschaft schloss.

Medien

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren