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Sonntag, 07 April 2013 06:48

Volkstümliche Erzählungen aus Iran Teil 15

Volkstümliche Erzählungen aus Iran  Teil 15
    Wir greifen heute wieder das Thema „Mathal“ (Aussprache: Massal) auf. Mathal sind kurze Geschichten, lehrreiche Parabeln und Sprichwörter über alltägliche Erfahrungen.  Ihr Inhalt  hat Allgemeingültigkeit, wodurch sie schnell unter der Bevölkerung verbreitet werden.
Es ist typisch für sie, weit verbreitet zu sein und alle benutzen diese Mathal in der gleichen Weise und ändern nichts an den Wörtern und dem Aufbau. Literaturforscher sagen, dass ein Satz oder ein Reim erst dann zu einem Mathal wird, wenn er vom Volk verwendet wird. Sie sagen, es sind die Bürger, die ein Mathal berühmt machen und dafür sorgen, dass ein bekannter Satz, eine tiefe Weisheit oder ein schönes Gedicht in aller Mund ist. Genauer gesagt wird ein Wort mit einer bestimmten Botschaft dann als Mathal geschätzt, wenn es unter der Bevölkerung laufend wiederholt wird.

 

Ein Mathal enthält etwas Lehrreiches.  Gerade deshalb  wird ein Mathal gern als Beweis zur Bestätigung oder Verwerfung einer Handlung herangezogen.  Wegen dieser Eigenschaft des Mathals  sind Literaturforscher der Ansicht, dass es  ein moralisches Gleichgewicht in der Gesellschaft erzeugt.  Ein Mathal lädt in netter, einfacher  Sprache und durch freundliche Mahnung  die Menschen  dazu ein, sich gute Sitten anzueignen.  Mathal gefallen eigentlich jedem. Die Fülle der Mathal in der Persischen Sprache deutet auf die vielen moralischen Weisheiten in der Kultur der Iraner hin.  Aus diesem Schatz an Weisheiten ist die Vielfalt von Werken über Lehre, Moral, Mystik und Literatur hervorgegangen.

Wir  bringen nun ein solches Mathal. Aus ihm ging die sprichwörtliche Redewendung Scharik-e Dosd wa Rafiq-e Ghafeleh hervor.

Früher brachten die Händler ihre Waren auf Pferden und Kamelen von einer Stadt zur anderen. Doch unterwegs lauerten ihnen oft Räuber auf. Diese verübten meistens nachts ihre Angriffe. Händler reisten daher niemals alleine,   damit die Wahrscheinlichkeit eines Raubüberfalles abnimmt.

Eines Tages hatte sich wieder eine Karawane auf den Weg in eine andere Stadt gemacht . Sie setzte sich aus mehreren Kaufleuten zusammen, und jeder von diesen führte viel Ware mit. Die Karawane war schon zwei Tage unterwegs, als sie sich einer kurvenreiche Stelle näherte, an der ihnen möglicherweise  Räuber auflauerten. Es begann schon dunkel zu werden, und der Karawanenführer schlug, vor die Karawane sollte vor der kurvenreichen Wegstrecke Halt machen und sie erst am nächsten Tag passieren. Tagsüber war die Wahrscheinlichkeit eines Raubüberfalls geringer.

Die Reisenden luden ihre Waren von den Pferden und Kamelen ab . Der Karawanenführer sagte zu den Handelsleuten:  „Versteckt lieber eure teure Ware zwischen den Felsen und in einiger Entfernung von eurer Schlafstätte, damit die Diebe sie bei einem Überfall nicht finden.

In den Augen der Händler war das ein guter Vorschlag und so versteckten sie  alle teuren Güter zwischen den umliegenden Felsgesteinen.  Aber unter den Händlern gab es einen, der völlig unbesorgt über einen Raubüberfall schien, obwohl er viel Ware bei sich hatte. Er half den anderen Händlern sogar beim Verstecken der Ware in einem größeren Abstand zu ihrer Feuerstelle, aber seine eigene Ware versteckte er nicht unweit von sich selber.

Nach dem Abendessen legten sich die Händler schlafen. Aber sie waren alle besorgt. Da sagte der eine , der allen beim Verstecken der teuren Waren  geholfen hatte: „Ihr solltet versuchen euch auszuruhen. Ich kann zwei Stunde Wache halten und werde dann einen von euch wecken damit er mich ablöst.“

Die anderen begrüßten den Vorschlag und waren dankbar, dass es unter ihnen einen so selbstlosen Mann gibt.

Der Händler wartete, bis alle tief eingeschlafen waren. Dann entfernte er sich auf leisen Sohlen in Richtung der kurvenreichen Wegstrecke. Dort angelangt erblickte  er einige dunkle Gestalten. Denen rief er zu: „He! Wenn ihr Diebe seid, dann hört mir gut zu. Ich bin alleine und unbewaffnet. Lasst mich zu eurem Chef. Ich möchte ihm ein Geheimnis anvertrauen.“

Da  stürzten sich plötzlich mehrere Diebe auf ihn. Sie brachten ihn gefesselt vor den Räuberhauptmann.  Der Mann erzählte von der Karawane und sagte: „Wenn ihr mir versprecht, dass ich meine Sachen behalten kann und ihr mir einen Teil eurer Beute abgebt, werde ich euch ein Geheimnis verraten.“

Der Räuberchef sagte: „Du hast mein Ehrenwort!“

Da erzählte der Händler alles: wieviel  Kaufleute zur Karawane gehören und wo sie genau ihre teuren Güter versteckt haben.

Er wurde freigelassen und kehrte rasch zur Karawane zurück. Es waren zwei Stunden vergangen. Also weckte er einen anderen Reisenden und sagt: „Ich stehe mehr als zwei Stunden Wache. Bitte lös mich ab, damit ich mich etwas schlafen legen kann.

Nach zwei Stunden kannst du einem anderen Bescheid sagen, damit er Acht gibt.“  Dann  legte er sich hin und stellte sich schlafend.

Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als die Räuber ihren Angriff auf die Karawane starteten.  Der Wächter weckte lärmend die anderen in der Karawane. Derweil suchten die Diebe zwischen den Steinblöcken nach den wertvollen Gütern und sammelten sie alle ein.  Aber  die Sachen des Händlers, der ihnen die Verstecke verraten hatte, ließen sie liegen.

Die Reisenden und Händler wehklagten bis zum Morgen über den Verlust  ihrer Ware. Am Morgen, als die ausgeraubte Karawane weiterziehen wollen, trennten sich einige von ihr. Sie hatten all ihr Hab und Gut verloren und wollten heimkehren. Einige andere aber zogen es vor, in die nächste Stadt zu ziehen und sich dort bei Bekannten und Freunden Geld zu leihen.

Allerdings wunderten sich alle, dass dem einen Händler nichts gestohlen worden war.Aber  sie sagten: „Er ist ein opferbereiter guter Mann. Er hat allen geholfen, damit sie ihre Ware verstecken und als Lohn für dieses gute Werk und dafür, dass er als erster Wache gehalten hat, ist ihm nichts gestohlen worden.“

 

 

Der vermeintlich gute Mann aber bedankte sich und sagte:

„Ich kann wirklich nicht  mitanzusehen,  dass meine Reisegefährten so bekümmert ist.  Es ist besser wenn ich mich von euch trenne und den Rest des Weges alleine gehe.“

Er band seine Waren auf dem Rücken von drei Tieren fest und zog davon. Am abgemachten Ort traf er sich mit den Räubern und erhielt, wie vereinbart, seinen Anteil von der Diebesbeute.

Ein paar Tage später gelangte die ausgeraubte Karawane in die Stadt. Die Händler gingen auf der Suche nach Freunden und Bekannten, die ihnen Geld leihen könnten, zum Bazaar. Sie wollten auch die wenigen billigen Waren, die ihnen noch verblieben waren, verkaufen.  Da sah einer von ihnen den Händler. Zu seiner Verwunderung verkaufte er nicht nur seine eigene Ware, sondern bot auch Sachen feil, die den anderen gestohlen worden waren.

Sofort versammelte der andere aus der Karawane  einige seiner Freunde und Reisegefährten um sich und berichtete von allem. Sie gingen gemeinsam zum Kadi und verklagten den diebischen Händler. Der Richter ließ den Mann festnehmen. Als der Kadi den Händler vor sich sah sagte er: „Aha! Du bist also der Scharik-e Dosd wa Rafiq-e Ghafeleh – Du bist der Komplize der Diebe und der Freund der Karawane. Du kannst etwas erleben!“

 

Seitdem sagte man zu heuchlerischen Leuten, die aus Habgier zu allem möglichen bereit sind und sogar für die Feinde Spionage betreiben: Komplize der Diebe und Freund der Karawane.

 

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