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Sonntag, 17 März 2013 13:01

Volkstümliche Erzählungen aus Iran (14)

Volkstümliche Erzählungen aus  Iran (14)
  Wir sagten beim letzten Mal, dass einige der volkstümlichen Erzählungen Mathal genannt werden, was so viel wie Beispiel und Parabel oder auch Sprichwort bedeutet. Es handelt sich dabei um kurze
lehrreiche Geschichten, die oft in einem Sprichwort auf den Punkt gebracht werden. Literaturforscher sehen darin Weisheiten, an die das Volk selber in Folge langjähriger Erfahrung und kluger Überlegung gelangt ist. In den wenigen Wörtern eines Sprichwortes oder Mathal spiegeln sich oft ganz alltägliche Ereignisse wieder.

 

Die Wörter in einem Mathal stammen aus allen Lebensbereichen der Menschen und sind ein Spiegel ihres Alltags. Sie geben auch die moralischen, religiösen und gesellschaftlichen Regeln  in einer einfachen Sprache wieder. Die Mathal sind einfach zu verstehen, denn es geht um alltägliche Erfahrungen.

Die Verallgemeinerung ist ebenso typisch für ein Mathal. Mit dem Mathal na bil zadam na payeh, angur chordam beh sayeh – (ich hab weder geschaufelt noch einen Rebstock aufgestellt, aber im Schatten Trauben gegessen,) ist allgemein gemeint, dass man mühelos einen Gewinn gemacht hat oder jemand ohne Mühe etwas erreichen will.  Gerade durch ihr Anwendung auf andere Situationen haben die Mathal schnell Verbreitung gefunden.  Deshalb sind sie wie die Weisheiten und Meisterwerke der Großen  kostbare Bestandteile der mündlichen Literatur.

Doch nun möchten wir wieder eine Geschichte bringen. Es ist ein Beispiel für ein Mathal, auf die das  Sprichwort: Kodscha chosch ast? Andscha ke del chosch ast, hinweist.

 

 

Ein altes Mütterchen hatte einen Sohn. Sie waren arm und eines Tages sagte der Sohn zu seiner Mutter, er wolle in eine andere Stadt auf Arbeitssuche gehen und wenn er etwas Geld verdient habe, zurückkehren. Die Mutter gab ihm notgedrungen ihre letzte Münze zusammen mit etwas Brot und Wasser und wünschte ihm: „Gott möge dich auf deinem Weg begleiten.“

 

Der Junge begegnete unterwegs auf einem Bazaar einem alten Derwisch. Dieser rief: „Gibt es denn keinen, der meine Lebenserfahrung für eine Münze ersteht?“

Anscheinend gab es niemanden, der wissen wollte, welche Erfahrungen der Derwisch behütete. Der junge Mann aber dachte: Ich besitze doch eh und je nichts. Ich sollte diesem alten Mann meine Münze geben. Gott wird mir schon das tägliche Brot schicken.

Also gab er dem alten Derwisch die Münze und bat: „Nun erzähl mir aus deinem Leben.“

Das sagte der Derwisch:

„Niemand ist mit dem  Ort, wo er ist, zufrieden. Er denkt, er müsse wo andershin gehen, damit es ihm gut geht. Aber ich denke anders und sage: „Es ist dort schön, wo das Herz froh ist! Das Frohsein ist wichtig und nicht der Ort.“

Der junge Mann dankte und  setzte seinen Weg fort, bis er in einer großen Steppe angelangt war. Da sah er viele Menschen, die um einen Brunnen versammelt waren. Er fragte: „Ist was passiert?“ Sie sagten: „Unsere Karawane ist in der Hoffnung auf Wasser zu diesem Brunnen gekommen.  Wir sind nun alle durstig, ebenso wie unsere Pferde und unser Vieh. Mehrmals haben wir am Seil einen Eimer in den Brunnen heruntergelassen, um Wasser zu schöpfen. Aber alle Eimer sind in den Brunnen hineingefallen. Wir haben auch jemanden in den Brunnen geschickt, damit er unsere Eimer wieder hochholt, aber er ist nicht zurückgekehrt. Wir wissen nicht, was da unten in diesem Brunnen los ist.“

 

Der junge Bursche dachte, es sei eine gute Gelegenheit einigen reichen Leuten seine Eignung vor Augen zu führen. Vielleicht würden sie  ihn in der  Karawane einstellen. Deshalb bot er sich an, in den Brunnen zu steigen.

Die Leute aus der Karawane trauten sich selber nicht in den Brunnen und freuten sich über den Vorschlag. Sie banden ihm ein Seil um und ließen ihn in den Brunnen runter. Schließlich erreichte der junge Bursche die Wasseroberfläche. Gerade wollte er im Wasser nach den Eimern suchen, als er einen großen schwarzen Dämon vor sich sah. Der fragte: „Was machst du hier? Ein Pferd verliert aus Angst seine Hufe und ein Huhn seine Federn, wenn sie in diesen Brunnen fallen.“

Der junge Bursche hatte auch Angst vor dem Dämon. Dennoch  grüßte er ihn. Der Damön lachte dröhnend und sagte: „Du bist ein höflicher junger Mann. Ich werde dich etwas fragen. Wenn du richtig antwortest, dann darfst du heil wieder zurückkehren und Wasser mitnehmen. Wenn nicht, werde ich dich wie den anderen Kerl, der mir vor den Kopf gestoßen hat, in diesem Brunnen gefangen halten.“

 

Da dachte der junge Mann: Wärst du doch nur nicht in den Brunnen gekommen! Aber es gab  keinen Ausweg.  - Ich muss auf Gott vertrauen und sehen, was dieser Dämon vorhat, sagte er sich und sprach: „Geht in Ordnung! Frag mich ruhig!“

 

Der Dämon fragte: „Wo ist es schön? - Kodscha chosch ast?“

Der junge Bursche dachte bei sich: Ist doch klar, auf der Erde und in einem Garten ist es schön. Aber dann dachte er, dass der Dämon verletzt sein wird, wenn er das hört, weil er doch in diesem dunklen Brunnen lebt. Da fiel ihm ein, was ihm der Derwisch gesagt hatte, und er antwortete:  „Es ist doch klar, wo es schön ist. Da wo das Herz froh ist.  Überall wo das Herz froh ist, ist ein schöner Ort.“

Da freute sich der Dämon und sagte: „Ah, du bist wirklich ein kluger junger Mann. Der Bursche, der vor dir in den Brunnen kam, hat gesagt, es wäre in den Gärten auf der Erde schön. Aber mir gefällt es in diesem Brunnen und ich fühl mich hier wohl. Nimm dir die Eimer. Hier hast du noch drei Granatäpfel. Aber erzähl niemandem davon und nimm sie mit nach Hause.“

 

Der junge Bursche bedankte sich und brachte alle Eimer mit Wasser gefüllt zu den Leuten aus der Karawane. Er erzählte ihnen alles, aber von den  Granatäpfeln in seiner Tasche verriet er nichts.

Dann kehrte er mit der Karawane in seine Stadt zurück. Dort belohnten ihn die Händler der Karawane mit einer Kuh und einem Schaf und boten ihm an, er könne sie nächstes Mal in der Karawane begleiten und für sie arbeiten.

 

Die Mutter des jungen Mannes freute sich, dass er so schnell wieder zu Hause war.

Er erzählte: „Gott hat mir geholfen und nun habe ich eine Kuh und ein Schaf. Und in ein paar Tagen werde ich in der Karawane arbeiten.“

Abends saßen Mutter und Sohn beim Abendessen. Als sich Mutter zum Schlafen hingelegt hatte, schnitt dieser  die Granatäpfel auf. Da sah er dass sie voller funkelnder Edelsteine waren. Am nächsten Tag verkaufte er sie auf dem Markt. Mit dem Geld kaufte er einen Geschäfsladen und begann ein gutes Leben.

 

Aus der Geschichte wurde ein Sprichwort und zwar  sagt man über jemanden , der wie der Dämon an einem unschönen Ort lebt oder wenig verdient, aber dennoch froh und zufrieden ist: Kodscha chosch ast? Andscha keh del chosch ast!

„Wo ist  es schön? Dort wo das Herz froh ist.“

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