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Sonntag, 17 März 2013 05:49

Noruz in der iranischen Folklore (2) (Amu Noruz und Naneh Sarma)

Noruz in der iranischen Folklore (2)  (Amu Noruz und Naneh Sarma)
Die mündliche Literatur in Persisch ist ein wichtiger Bereich der Folklore und allgemeinen Kultur Irans. ie besteht aus zahlreichen Arten wie Mythen, Märchen, Heldengeschichten, wahren Begebenheiten, Sprichwörtern und Satiren.
Die Märchen und Erzählungen sind die wichtigsten und bekanntesten Formen der mündlichen Literatur. Zusammen mit den geschriebenen klassischen Werken spiegeln sie Kultur und Denken eines jeden Volkes wieder.

 

 

Volksmärchen betreffen den Großteil einer Gesellschaft, nämlich die breite Masse und gelten als eine wichtige Art der mündlichen Literatur. Sie sind Schatzkammer der Überzeugungen und Sitten eines Volkes, die manchmal schon lange der Vergangenheit angehören.

Die mündliche Literatur eines Volkes stellt einen großen Bestandteil ihres spirituellen Kulturerbes dar. Sie wurde von Generation zu Generation mündlich weitergegeben und wahrte die kulturelle Wesensart des Volkes. Die Folklore rührt von der allgemeinen Kultur her und ist in Wahrheit eine Art Biografie jeden Volkes.

Die Volksliteratur ist eng mit dem Leben der Bürger verknüpft und gibt einen Eindruck von ihrem Kultur- und Sozialleben, von ihrer Arbeit und ihrem Handwerk, dem gedanklichen Wandel und dem Verhalten, der Religion bzw. den Überzeugungen, die in einer Gesellschaft galten und gelten.

 

Die Volksmärchen sind die ältesten erreichbaren Literaturquellen jeden Landes. Sie schildern Ideale, Überzeugungen und Sitten . Da viele Völker in der Geschichte zum Iran gehörten, besitzt das Land eine reiche Volksliteratur.

 

Volksmärchen haben eine besondere Struktur und bestimmte Thematik. Sie sind von anderen Geschichten verschieden. Keiner weiß genau, wo eigentlich die Wiege der mündlichen Literatur im Iran steht. Aber eines ist klar: Diese Literatur hat einen festen Platz in den Herzen der Iraner.

Für jeden Anlass und für jedes Fest der Iraner, insbesondere das Noruz-Fest gibt es Märchen, z. B. für den Yalda-Abend , die längste Nacht im Jahr, den Suri-Mittwoch – letzter Mittwoch vor Neujahrsbeginn, für Einladungen, die man anlässlich der Erfüllung eines Gelöbnisses macht und zu vielen weiteren Anlässen, und natürlich auch für das Neujahrsfest Noruz zu Frühlingsbeginn.

Anlässlich von Noruz, des großen Festes der Iraner, bringen wir nun das bekannteste Neujahrsmärchen. Daraufhin erfolgen einige Erläuterungen dazu.

 

Es war einmal ein alter Mann namens Amu Noruz (Onkel Noruz). Jedes Jahr kam Onkel Noruz am ersten Frühlingstag vom Berg herab und zum Tor der Stadt: einen Stock in der Hand, mit einem Filzhut auf dem lockigen Haupt und seinem Hana-gefärbten Bart, einem hellblauen Mantelhemd und einem breiten Schal um den Leib gewickelt, auf seidenen Schlüpf-Schuhen (Giweh).

Vor dem Stadttor lebte eine alte Frau namens Nane Sarma (Mutter Kälte). Mutter Kälte liebte den Onkel Noruz sehr . Jeden ersten Frühlingstag stand sie in aller Früh auf, räumte ihre Bettlager weg und begann, das Haus zu putzen und den Hof zu fegen.

 

Dann brachte sie ihren Teppich auf die Vorterasse vor den Springbrunnen, und breitete ihn gegenüber dem Gartenbeet aus. Ihr Gartenbeet war voller Obstbäume mit vielen Blüten und voller bunter Frühlingsblumen.

Mutter Kälte stellte sieben Dinge, deren Namen alle mit Sin beginnen, auf ein schönes Tablett: Sir, Serkeh, Sumaq, Sendsched, Sib, Sabzi, und Samanu (Knoblauch, Essig, Sumach, Früchte der Ölweide und, Äpfel, grüne Sprossen, eine kräftigende Speise aus Weizensprossen). Dann schüttete sie sieben verschiedene Trockenfrüchte und Noql (Mandelstifte im Zuckerguss) und Nabat (Kandiszucker) auf ein anderes Tablett.

Nach dem Hausputz nahm sie ein gründliches Bad und machte sich fein. Sie zog neue Kleidung an und verzierte Gesicht , Hände und Füße mit Hana (dem rotfärbenden Blättern des Hennastrauches). Ihr Kleid war aus kostbarem Termeh (aus Yazd) und sie parfürmierte Haare und Gesicht. Dann zündete sie ein Feuer in der Feuerschale (Manqal) an und setzte ein kleines Säckchen mit Espand daneben (Espand wird wie Weihrauch verwendet). Sie ging die Wasserpfeife holen und stellte sie neben sich. Aber sie zündete sie nicht an, sondern wartete auf Onkel Noruz.

 

 

Es dauererte nicht lange und da wurden Mutter Kälte die Augenlider schwer und langsam langsam überkam sie der Schlaf, bis sie schließlich fest eingeschlafen war.

Da kam Onkel Noruz. Er brachte es nicht übers Herz, Mutter Kälte aufzuwecken. Aus dem Garten pflückte er eine Ringelblume und legte sie ihr auf ihr Kleid. Dann setzte er sich neben sie. Aus der Feuerschale nahm er ein wenig Glut und tat sie auf den Wasserpfeifenkopf. Er machte ein paar Züge aus der Wasserpfeife. Dann zerteilte er eine Pomeranze in zwei Teile und aß eine Scheibe davon mit Zuckerwasser. Schließlich schüttete er von der Asche auf das Feuer in der Feurschale, damit es nicht zu schnell abkühlt und ging.

 

Langsam breitete sich das Sonnenlicht auf dem Eywan (der Vorterasse ) aus und Mutter Kälte wurde wach.

Erst bemerkte sie nichts. Aber als sie ein wenig die Augen geöffnet hatte, sah sie: Oh nein! – alles hatte sich geändert!

Auf der Wasserpfeife war Feuer.

Die Pomeranze war in zwei Hälften geteilt.

Das Feuer war unter der Asche.

Mutter Kälte begriff, dass Onkel Noruz da gewesen und wieder gegangen war. Sie begriff: Er hatte sie nicht wecken wollen.

 

Mutter Kälte war sehr bekümmert, dass sie nach all den mühevollen Vorbereitungen auf den Besuch von Onkel Noruz , genau in dem Moment, wo sie hätte wach sein müssen, eingeschlafen war und Onkel Noruz nicht gesehen hat. So klagte sie ihren Kummer jeden Tag einem anderen und fragte, was sie nur machen solle, damit sie Onkel Noruz sieht.

Eines Tages sagte ihr jemand: „Wenn du Onkel Noruz sehen willst, dann geht das nur, wenn noch einmal der Frühlingswind weht, erster Frühlingstag ist und Onkel Noruz erneut vom Berg in die Stadt herunterkommt.“

Das sah Mutter Kälte ein und sie nickte. Aber niemand weiß, ob Mutter Kälte Onkel Noruz im nächsten Jahr sehen konnte oder nicht.

 

Amu Noruz oder Onkel Noruz ist in diesem Märchen das Sinnbild des Frühlings. Er erinnert an die Figur des Zals aus dem Schahnameh von Ferdowsi.

Zal ist der Vater des Rostam , des legendären Helden Irans. Er kam mit weißen Haaren auf die Welt kam. Deshalb ist Onkel Noruz in dieser Geschichte ein alter Mann mit weißen Haaren und einem langen weißen Bart.

Sein langer Bart ist Symbol für die Zeit, die nie vernichtet wird sondern sich nur erneuert.

Mutter Kälte liebt Onkel Noruz und möchte ihn gerne sehen. Das geht aber nur einmal im Jahr, in der letzten Stunde des alten Jahres.

Wenn Noruz kommt ist es mit der Kälte aus.

Aber in diesem Noruz-Märchen stirbt Mutter Kälte nicht, sondern sie fällt nur in einen tiefen Schlaf.

Onkel Noruz kommt und hinterlässt Spuren, ohne Mutter Kälte zu wecken, dann zieht er weiter, damit der Lauf des Lebens weitergeht. Die Begegnung der beiden ist also ein Zeichen dafür, dass die Zeit der Kälte vorbeigegangen ist und die neue Zeit und der Frühling begonnen hat.

 

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