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Freitag, 08 März 2013 19:28

Volkstümliche Erzählungen aus Iran Teil 13

Volkstümliche Erzählungen aus Iran  Teil 13
  Beim letzten Mal hatten wir über das Matal gesprochen, eine oft in Reime gefasste kurze Geschichte für Kinder. Heute möchten wir über das Mathal sprechen.  Unter Mathal sind kleine lehrreiche Geschichten zu verstehen, die oft auf Sprichwörter gekürzt werden
und  einen hohen Beitrag zur Kulturgestaltung von Völkern leisten. In ihnen spiegeln sich die Kultur und die sozialen Regeln, Ansichten und Gedanken, die Lebensweise und der Geschmack von Völkern wieder. Außerdem wird durch solche Mathal  der Wortschatz einer Sprache bereichert. Ein Mathal ist  bündig, einfach und ansprechend und darauf führen Forscher die außerordentliche Wirkung dieses Bestandteils der Folklore auf die gesellschaftliche Moral, die Sitten , das Verhalten und das Denken einer Bevölkerung zurück.

 

Eigentlich ist Mathal ein arabisches Wort und bedeutet : etwas ähnelt etwas anderem. In den Persisch- Arabisch Wörterbüchern sind mehrere Definitionen für das Mathal zu finden, zum Beispiel werden im Persischen dafür Wörter genannt, die auf Deutsch soviel wie  Erzählung, Sprichwort oder lehrreiche Geschichte, bedeuten. Im Persisch-Deutsch-Wörterbuch wird Mathal u.a. mit Parabel, Fabel, Sprichwort und Allegorie sowie mit Beispiel übersetzt. Im Persischen bedeutet Mathal im engeren Sinne eine Geschichte , d.h. eine Erzählung oder ein Märchen und in bekannten Werken der Persischen Literatur wie im Schahnameh des Ferdowsi  wird das Wort in diesem Sinne angewandt.

Literaturforscher grenzen Mathal und mathal-artige Geschichten wie folgt von der restlichen Volksliteratur ab: „Wenn eine Erzählung derartig ist, dass sie nicht nur eine Ähnlichkeit zwischen dem wörtlichen Inhalt der Geschichte und ihres Helden zu der angesprochenen Person aufweist, sondern auch für ihn etwas unter Beweis stellt, kann man von einem Mathal sprechen.“

 

Der bekannte spanische Dichter Don Miguel de Cervantes (1545-1616) schreibt über die Mathal im Sinne von  Sprichwörtern, dass sie kurze Sätze sind, die aus langen Erfahrungen hervorgehen.

 

Unsere Ausführungen über das Mathal werden wir beim nächsten Mal fortsetzen. Nun ist unsere heutige Volkserzählung an der Reihe.  Es handelt sich um die Geschichte um das lehrreiche Sprichwort: Gorbeh wa musch ba ham sachtand, wai be hal-e baqal – nämlich die Katze und die Maus taten sich zusammen, wehe dem Kaufladenbesitzer.

 

In einem Kaufladen hausten Mäuse und wenn der Kaufladenbesitzer abends nach Hause ging, feierten sie. Die einen stahlen vom Speisefett, die anderen vom Reis oder aus den Säcken mit  Hülsenfrüchten. Andere schleppten Walnüsse und Mandeln in ihr Nest. Der Kaufladenbesitzer zog mit Mausefallen und Streugift in den Kampf gegen diese Diebe. Aber das nützte nicht viel. Zwei Mäuse starben und vier neue kamen auf die Welt.  Freunde rieten ihm, er solle eine Katze in den Laden holen. Das tat er dann auch.

 

Tagsüber bekam die Katze Fleisch, Käse und eingefettetes Brot zu Essen und döste in der Sonne vor dem Kaufmannsladen vor sich hin. Und nachts lauerte das Tier den Mäusen auf. Keine Maus wagte sich mehr, etwas von den Nahrungsmitteln zu stehlen.

Der Kaufmann war erfreut, und auch die Katze war zufrieden.

Nur manchmal schaffte eine der Mäuse, die besonders schlau war, erneut etwas für sich und die anderen aus dem Laden zu stehlen, wenn die Katze gerade schlief. Da überlegte der Kaufladenbesitzer, wie er auch diesen Diebstählen einen Riegel vorschieben kann.  Deshalb gab er der Katze am Tag weniger zu Fressen, damit sie abends hungrig wird und auf Mäusejagd geht. Der Plan des Kaufmannes funktionierte vielleicht zwei Wochen. Die Katze fing nachts alle Mäuse, die sich in den Laden wagten  und stillte ihren Hunger. Der Kaufladenbesitzer war hoch erfreut, aber die Katze nicht. Sie hätte gerne sowohl Mäuse als auch viel Käse, Fett und Fleisch gehabt. Aber der Kaufladenbesitzer kümmerte sich nicht mehr so richtig um sie und so magerte sie immer mehr ab.

 

 

Die Mäuse hatten aus sicherem Abstand beobachtet, was sich zwischen dem Kaufmann und seiner Katze abspielte. Da berieten sie miteinander und ersannen einen Plan.

 

Es war Abend geworden und eine besonders mutige und schlaue Maus kam aus dem Mäuseloch heraus, rannte zu den Säcken mit Reis und Hülsenfrüchten und rief, vorsichtig hinter einem Sack hervorlugend, die Katze: „Hör, bevor du mich angreifst, nur einen Augenblick zu. Erstens habe ich mir vorher überlegt, wie ich vor dir fliehen kann. Zweitens ist es vielleicht zu deinen Gunsten, wenn du auf mich hörst.“

Erst wollte die Katze sich die Maus sofort packen, aber dann dachte sie bei sich: Es ist besser, wenn ich mir anhöre, was sie sagen will. Also miaute sie: „Was willst du mir denn sagen? Sag schon!“

Die Maus antwortete: „Seitdem du in diesen Laden gekommen ist, geht es uns schlecht und wir sind dabei zu verhungern!“

Die Katze rief: „Was habt ihr denn anderes erwartet? Ich bin doch eine Katze und ihr seid Mäuse!“

Die Maus aber sagte: „Ja, da hast du Recht. Aber es ist nicht schlecht, wenn man den Verstand nutzt. Überleg doch mal: Der Kaufmann ist ein Mensch und wir sind Tiere und stehen uns näher. Sollten wir uns nicht einigen?“

Die Katze war beleidigt und  wollte die Maus verschlingen. Doch die versteckte sich rasch zwischen den Säcken: „Hör  mir doch erst zu! Seit zwei, drei Wochen gibt dir der Kaufmann so wenig zu fressen, dass du bald sogar zum Mäusefangen zu schwach bist!“

Da musste die Katze der Maus recht geben und war etwas besänftigt. Sie sagte: „Sprich weiter! Ich werde dir nichts antun!“

Da wagte sich die Maus wieder hervor: „O Katze! Sicherlich würdest auch du gerne von einigen Dingen in diesem Kaufmannsladen kosten. Du hast nun schon seit längerem keinen Käse und kein Speisefett mehr abgekriegt.  Wir wollen dir einen Vorschlag machen. Du solltest dich jede Nacht eine halbe Stunde lang schlafend stellen, damit wir uns besorgen, was wir brauchen. Wir werden dann auch für dich alles aus dem Laden  besorgen, was du haben möchtest und für dich in einen Winkel stellen. Es ist doch für dich nicht so einfach, etwas aus dem Fass mit Speisefett und Käse herauszuholen.“

Die Katze war auf den Appetit gekommen. Sie war es leid, nur Mäuse zu fressen, da dachte sie sich: Ich könnte es ja eigentlich heute Abend mal ausprobieren.“  Deshalb sagte sie zur Maus: „Ich bin sowieso heute Abend sehr müde und will schlafen. Also, ihr könnt tun und lassen, was ihr wollt!“

Die Maus begriff, dass die Katze einverstanden ist. Schnell rannte sie zu ihren Freunden. Dann gingen alle zusammen auf Beutezug und nahmen sich, was sie wollten. Ein wenig stellten sie auch für die Katze beiseite und die Katze tat sich daran gütlich, nachdem die Mäuse in ihre Löcher zurückgekrochen waren. Dann legte sie sich wieder schlafen.

 

Sie vergingen mehrere Nächte auf die gleiche Weise. Katze und Mäuse waren zufrieden, nicht so der Kaufmannsbesitzer. Der hatte das Nachsehen.

 

Und die Geschichte von dem Bündnis zwischen Mäusen und Katze sprach sich herum und es entstand das Sprichwort:  „Gorbeh wa musch ba ham sachtand, wai be hal-e baqal – nämlich die Katze und die Maus taten sich zusammen, wehe dem Kaufladenbesitzer. Dieses Mathal dient als Hinweis darauf, dass Feinde aus Interessengründe eine Freundschaft gegen einen Dritten schließen können und welchen Schaden dies dann für den Dritten hat.

 

 

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