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Samstag, 16 Februar 2013 07:39

Volkstümliche Erzählungen aus Iran Teil 10

Volkstümliche Erzählungen aus Iran Teil 10
Wie immer möchten wir als erstes die besonderen Merkmale von Volksmärchen beschreiben und ihnen danach wieder ein Beispiel aus der iranischen Folklore bringen.Wir hatten beim letzten Mal gesagt, dass es manchmal
in den Volksmärchen zu ermüdenden Wiederholungen oder sogar zu Erzählpannen kommt. Auch sagten wir, dass das Schicksal eine herausragende Rolle in der Folklore spielt.  Dabei wiesen wir auch daraufhin , dass der Inhalt der Erzählungen gerafft wird.  Bei dieser Art von Erzählungen, insbesonderen bei den geschichtlich jüngeren, wird tatsächlich eine extrem starke Raffung vorgenommen.  In Erzählbüchern wie Eskarnameh oder auch Ramuz Hamzeh, wo das Märchen sehr umfangreich ist, werden sehr wichtige Szenen in einigen wenigen Zeilen beschrieben. In diesen Erzählungen  betreten manchmal innerhalb von nur zwei Zeilen 50 bekannte Helden des Islams einen Schauplatz oder wird der Zauber eines Magiers vereitelt oder ein großes Land erobert.  Manchmal wirken diese Bücher wie ein Notizbuch oder die Auflistung der wichtigsten Dinge.  Folkloreforscher sind der Ansicht, dass der Verfasser dieser Manuskripte gerne ausreichende Erläuterungen gegeben hätte, aber keine Zeit dazu fand.

 

 

Das nächste Merkmal von Volksmärchen ist ihre „Endlosigkeit“.  Dies ist besonders bei Märchenbüchern, die für den mündlichen Erzählvortrag  geschrieben wurden, typisch. Überhaupt gehört es zu Volksmärchen, dass sie sich fortsetzen lassen. Zum Beispiel hat jeder der Heldenfiguren Söhne und jeder von diesen kann genauso wie sein Vater oder Großvater erneut die  Bühne betreten . Der Erzähler oder Autor kann also die Reihe der Helden beliebig fortsetzen.

 

Schließlich besitzen die Volksmärchen noch die Eigenschaft, alt zu sein. Sie behandeln alte Themen aus längst  vergessenen Zeiten und früheren Gesellschaften. In Wahrheit spiegeln sie ein Stück alte  Volkskultur (Folklore) und Ansichten und Sitten, die in alten Zeiten üblich waren,  wieder. Dabei unterlaufen auch öfters Irrtümer in Bezug auf geschichtliche Tatsachen.  Aber dennoch sind Märchen für Forschungen auf dem Gebiet der Literatur, Geschichte, Soziologie, Volkskunde, Mythologie u. ähnliche Bereiche wertvoll.

 

Hören Sie bitte nun den ersten Teil eines iranischen Volksmärchens. In ihm geht es erneut  um außergewöhnliche Taten und die Dankbarkeit eines Tieres.

 

Es war einmal ein Müller. Der mahlte den Weizen der Leute und als Lohn erhielt er etwas von dem Mehl. Dieses Mehl häufte er in einem Winkel seiner Mühle an. Aber jedesmal, wenn er morgens in die Mühle kam, war das Mehl verschwunden.  Da sagte er sich: Die Mühle ist doch zu und keiner kann rein! Wer hat dann mein Mehl gestohlen?

Der Müller  entschloss sich, abends in der Mühle zu bleiben, damit er den nächsten Diebstahl verhindert.

 

Die Nacht brach herein. Da sah der Müller wie ein Fuchs durch die Wasserrinne in die Mühle hereinkriecht und direkt auf das Mehl zuläuft und es aufzufressen beginnt. Er fraß so viel bis er satt war , sammelte dann das restliche Mehl ein und nahm es mit. Da dachte der Müller bei sich: „Nun weiß ich, wer der Dieb ist!“ Am nächsten Abend blieb er wieder in der Mühle. Als der Fuchs kam, verriegelte er die Wasserrinne, so dass der Fuchs nicht weglaufen konnte. Dann sagte er zum Fuchs:  „Jetzt kannst du etwas erleben! Ich werde dir das Fell abziehen und verkaufen, als Ausgleich für den Schaden, den du mir zugefügt hast.“

Da begann der Fuchs zu betteln und rief: „O Müller! Wieviel wirst du denn für mein Fell bekommen, wenn du es verkaufst? Lass mich laufen! Du wirst sehen, dass ich dir viel  mehr nützen kann als mein Fell. Wenn nicht, dann kannst du mich fangen und mein Fell verkaufen.“

Da wiligte der Müller ein und ließ den Fuchs laufen.

 

Es vergingen ein paar Tagen. In der Zwischenzeit hatte der Fuchs alle mögliche Lumpen und Schuhe und alte Sättel gesammelt. Er schleppte sie herbei und häufte sie in einem Winkel der Mühle auf. Da sagte der Müller: „Was soll ich mit dem Zeug? Das soll mir etwas nützen! Bis du nicht ganz bei Sinnen?  Was nützt mir dieser Schutt?“

Der Fuchs: „Du wirst schon sehen!“ Und dann lief er wieder weg und brachte erneut Lumpen und alte Schuhe usw. herbei. Das ging so ein paar Tage weiter, bis eines Tages ein Händler in der Stadt eintraf. Da kam der Fuchs zum Müller und sagte:  “ Nimm 4 Säcke Mehl und bring sie zum Händler. Sag ihm: Ich habe einen Herrn Fuchs, der dir dieses Mehl schickt und von dir einen Schal und ein Mantelhemd aus Termeh, einen Hut und eine Samtweste will.“

Der Müller ging murrend zum Händler und sagte ihm das. Der Händler nahm die Mehlsäcke und war einverstanden.  Er schickte das Gewünschte. Der Fuchs zog die Weste an, band sich den Schal um und setzte den Hut auf.  Dann machte er sich auf den Weg zum Königspalast.  An der Pforte zog er an einer Kette und brachte eine Glocke zum Läuten. Es war eine besondere Glocke. Jeder, der um die Hand der Königstochter anhalten wollte, läutete diese Glocke. Die Wächter gingen und sagten dem König Bescheid: „Eure Majestät lebe hoch! Ein Fuchs mit einer Weste, einer Samtmütze und einem Schal und in einer Robe aus Termeh-Stoff bittet um die Hand eurer Tochter!“ Der König sagte: „Lasst ihn kommen.“

Da holten sie den Fuchs vor den König. Der König fragte: „Fuchs! Was möchtest du?“

Der Fuchs sagte: „Eure Majestät lebe hoch! Mein Herr will um die Hand eurer Tochter anhalten und hat mich beauftragt, euch dies mitzuteilen.“

Der König: „Aber ich habe deinen Herrn ja noch gar nicht gesehen!“

Der Fuchs: „Ich gehe in holen!“

 

 

Doch wie ging es weiter mit diesem Fuchs? Er hatte sich einen neuen Namen für den Müller ausgedacht, nämlich den Namen Tusali Beyg. Beyg war ein türkisch-iranischer Titel für einen angesehenen Mann.

Er sagte also zum Müller: „Tusali Beyg! Steh auf und nimm diese Klamotten!Wir wollen zum König gehen.“

„Wenn meinst du mit Tusali Beyg? Was soll ich beim König? Ich kenne dich! Du bist gerissen und willst mich ins Verderben stürzen!“

Der Fuchs: „Rede nicht so viel! Lass uns gehen!“

Der Müller , der nun Tusali Beyg hieß, machte sich mit zusammen mit dem Fuchs und mit den Klamotten auf den Weg zum Palast.

Unterwegs kamen sie an einen großen Fluß. Der Fuchs nahm die Klamotten und warf sie in den Fluss und dann stieß er Tusali Beyg ebenso ins Wasser. Der Müller rief um Hilfe und schrie: „Nun hast du erreicht, was du wolltest!“ Aber der Fuchs zog ihn aus dem Wasser heraus . Dann lief er jammernd zum Königspalast.

 

Der König fragte den Fuchs: „Was ist passiert?“ Der Fuchs sagte: „Ich habe eine große Karawane vorbereitet, damit sie Geschenke für euch bringt, aber einer der Maulesel ist in den Fluss gestürzt und alle anderen sind auch der Reihe nach hinterher ins Wasser gefallen. Mein Herr, der auf einem Pferd saß, sprang ins Wasser und das Wasser hat ihn mitgerissen.

Mit großer Mühe konnte ich ihn retten. Aber alle Geschenke hat der Fluss mitgenommen und sein Gewand ist zerrissen.“

Der König befahl, man solle von seinen Gewändern dem Fuchs mitgeben, damit er sie seinem Herrn gibt und ihn herbeiholt.

Aber der König  schickte auch ein paar Leute aus, damit sie nachforschen, ob der Fuchs die Wahrheit sagt.

Die fanden im Wasser die zerfetzten Kleidungsstücke und berichteten dem König davon. Unterdessen hatte der Fuchs dem Müller das königliche Gewand übergegeben und gesagt: „Tusali Beyg, geh zum König, grüß ihn mit lauter Stimme und setz dich zu ihm- Aber schau dich nicht im Palast um, damit niemand denkt, du hättest so etwas noch nie gesehen!“

Der Müller begab sich also in den Gewändern des Königs zum Hof.

Wie es weiterging, erfahren Sie beim nächsten Mal.

 

 

 

 

 

 

 

 

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