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Sonntag, 03 Februar 2013 04:34

Volkstümliche Erzählungen aus Iran Teil 8

Volkstümliche Erzählungen aus Iran  Teil 8
Wir haben bereits mehrere Merkmale von Volksmärchen aufgezählt und beschrieben, z.B. das sie ungewöhnliche Ereignisse schildern und Ort und Zeit nicht konkret festliegen. Ein weiteres Merkmal von Volksmärchen ist ihr Hang zur Verallgemeinerung.
In einem Volksmärchen begnügt man sich mit verallgemeinernden Angaben. Man   achtet nicht auf seelische und moralische Einzelheiten der Figuren.  Auch die Ereignisse werden  zusammenfassend beschrieben. Zum Beispiel heisst es: Ein König hatte zwei Söhne, einen guten und einen schlechten. Es wird nicht gesagt, wieso der eine gut ist und der andere schlecht.  Die Eigenschaften der Figuren fallen nicht aus dem Rahmen des Üblichen. Ein Held wie Rustam (aus dem Schahnameh des Ferdouwsi) besitzt seine Eigenschaften von Geburt an und sie passen auch auf jeden anderen Helden.  Wenn bei einem guten oder einem üblen Charakter eine Veränderung eintritt, dann höchstens in Bezug auf eine  einzelne Eigenschaft. Aber es ereignet sich kein grundsätzlicher innerer Wandel.  In Volksmärchen sind die Figuren Stereotypen  mit  üblichen Eigenschaften und übliche Weltanschauungen. Sie werden dadurch zu generellen Beispielen.

 

 

 

Was auch bei den Volksmärchen auffällt, ist,  dass die Figuren ähnlich reden.  Ein gut erzogener Prinz redet genauso wie der normale Bürger, die Frauen drücken sich wie Männer und die Kinder wie Erwachsene aus.  Aus der Redensart der Figuren lässt sich nicht auf ihre Denk- und Empfindungsweise schließen.

In Volksmärchen ist die Rolle des Schicksals ausgeprägt.  Keiner kann seinem Schicksal entkommen. Aber die Schicksale sind verschieden.  Manche Literaturforscher sagen, dass die wichtigste Größe in den Volksmärchen das Schicksal selber ist und die Figuren im Märchen sein Spielball sind. Das Schicksal geht mit ihnen um wie der Wind mit einem Strohhalm.

 

Es gehört zu einem Volksmärchen, dass der Zuhörer oder Leser dauernd das Gefühl hat,  dass ihn der Erzähler durch außergewöhnliche Abenteuer verblüffen will.  Anfangs waren solche Märchen auch nur für die mündliche Wiedergabe gedacht. Der Erzähler wusste, dass sich bei jeder Sitzung neue Zuhörer einfinden werden, die seine Erzählung noch nicht kennen.

Charakteristisch für lange Volksmärchen ist, dass Ereignisse unabhängig voneinander eintreten. Jedes Ereignis ist  eine abgeschlossen Geschichte, aber indirekt besteht doch eine Art Verbindung mit  dem Gesamtentwurf des Märchens.

 

In der volkstümlichen Erzählung aus dem Iran, welche sie heute hören, kommen außergewöhnliche Taten und  Freunde vor.  Laut dem Aarne Thompson-Index  erscheint diese Geschichte in verschiedener Form auch in der Folklore anderer Länder nämlich in Schweden, Norwegen, Schottland, Frankreich, Polen, Türkei, Spanien, Finnland, Russland und Deutschland.

 

 

Ein König hatte eine Tochter. Deren Schöhneit war in aller Munde. Jedem Freier legte er so viele Hindernisse vor die Füße, dass viele sofort kleinlaut aufgaben. Eines Tages  schnürte ein kahlköpfiger Mann fünf Brote in ein Bündel und machte sich auf den Weg. Er wollte um  die Hand der Königstochter anhalten. Unterwegs kam er durch einen Wald. Mitten im Wald begegnete er einen Monster. Das sah sehr verbissen aus und schien großen Hunger zu haben. Da dachte der Mann: Ich sollte ihm diese Brote in meinem Bündel gegen.

Also gab er dem Monster das Bündel. Als er gehen wollte, sagte ihm das Monster: „Kahlkopf! Zieh dir eines meiner Haare aus!“ „Was soll ich damit?“ fragte der Kahlköpfige. Der Monster sagte: „Es wird dir irgendwann einmal etwas nützen!“   Da riss der Kahlköpfige dem Monster ein Haar aus und ging.

 

Der Kahlköpfige erreichte eine Quelle. Dort saß wieder ein Monster. Es zitterte vor Kälte und man hörte seine Zähne klappern, als ob es mitten im Winter sei.  Da dachte der Kahlköpfige bei sich: „Dem armen Tier ist kalt. Ich sollte ihm meine Jacke geben. Ihm ist kälter als mir.“  So zog er seine Jacke aus und legte sie dem Monster über die Schultern. Als er gehen wollte, sagte das Monster zu ihm: „Junger Mann, zieh dir eines meiner Haare aus!“ „Was soll ich damit?“ fragte der Kahlköpfige. Der Monster sagte: „Zögere nicht lange! Es wird dir irgendwann einmal etwas nützen!“   Da riss der Kahlköpfige auch diesem  Monster ein Haar aus und ging.  Er ging und ging, bis er an einem Fluß angelangte. Da sah er eine lange Reihe von Ameisen am Flussufer stehen. Diese wollten offensichtlich auf die andere Seite des Flusses. Aber eine nach der anderen ertranken bei dem Versuch, den Fluss zu überqueren. Da nahm sich der kahlköpfige Jüngling einen langen Stock und baute eine Brücke für die Ameisen. Als er gehen wollte, rief ihn jemand. Es war eine Ameise. Sie saß hinter seinem Ohr. Die sagte: Die Ameise sagte: „Junger Mann, reiss dir ein Haar aus und nimm es mit!“ „Was soll ich damit?“ fragte der junge Bursche. Die  Ameise wieder: „Ich bin der König der Ameisen. Ich werde nicht vergessen, wie du uns geholfen hast. Vielleicht können auch wir einmal etwas für dich tun!“ Da riss der Kahlköpfige auch dem Ameisenkönig ein Haar aus, legte es in sein Taschentuch und machte sich wieder auf den Weg.

 

 

Der junge Mann setzte seinen Weg fort, bis er schließlich den königlichen Palast erreichte. Da klopfte er an das Tor. Jemand kam und fragte ihn: „Junger Mann, was willst du hier?“ Der kahlköpfige junge Mann sagte: Ich will um die Hand der Prinzessin anhalten.“ Da wurde er gefragt: „Für wen willst du um ihre Hand anhalten?“ Der Kahlköpfige: „Das ist doch klar. Für mich selber!“

Da ging der Mann und sagte dem König Bescheid: „Hoch lebe der König. Ein Glatzkopf steht vor dem Palast und sagt, er will bei eurer Majestät um die Hand der Prinzessin anhalten.“ Da ordnete der König an: „Bereitet die Badekammer vor und werft ihn hinein!“

Aber hört, was das für eine Badekammer war. Der König hatte sie extra bauen lassen. Sieben Tag und Nächte lang wurde sie aufgeheizt und jeder Freier, der um die Hand seiner Tochter gebeten hatte, war von ihm in dieses Bad geschickt worden. Keiner von ihnen hatte dieses Bad wieder lebendig verlassen.

 

Sie führten den Kahlköpfigen zum Bad und sagten: „Wenn du die Tochter des Königs zur Frau willst, musst du erst hier ein Bad nehmen.“

Der Kahlköpfige ahnte, was es mit diesem Bad auf sich hatte und dass ihn der Tod erwartet.Die Wände glühten schon   vor Hitze und im Becken brodelte das Wasser. Da fiel dem Jüngling das zweite Monster ein, dem es so kalt gewesen war. Er setzte dessen Haar in Flammen und sofort erschien dieses Monster vor ihm und sagte: „Junger Mann! Was befiehlst du mir?“ Da  erklärte der junge Mann, was man mit ihm vorhatte.“ Das Monster sprach: „Keine Sorge!“ Er holte tief Luft  und verschluckte alle Hitze. Da kühlte das Bad sofort ab.

Am Morgen kam jemand und schloss die Badekammer auf. Da sahen sie den Kahlköpfigen munter und unversehrt und stellten fest, dass das Bad richtig kalt geworden war. Sofort gingen sie zum König und berichteten darüber.  Da sagte er König: „Das macht nichts. Kocht 300 kg Fleisch und 300 Kg Reis. Dann stellt dieses Essen vor ihn und sagt, er müsse alles verspeisen, oder es sei um ihn geschehen!“

Der zweite Teil der Geschichte folgt im nächsten Beitrag.

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