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Mittwoch, 28 November 2012 05:29

Religiöses Brauchtum im Herzen des Ta`ziyeh

Religiöses Brauchtum im Herzen des  Ta`ziyeh
    Die Muslime insbesondere die Schiiten sehen seit Jahrhunderten in dem Geschehen von Aschura nicht nur ein Ereignis, sondern ein Stück Kultur. Eine Kultur, die lebt und Geschichte hervorruft und mit ihrem Leben verflochten ist. Sie beinhaltet Bräuche,
in deren Mittelpunkt das Aschura-Geschehen am 10. des Monats Muharram steht. Die Aschura-Kultur hat nicht nur das religiöse Leben der Muslime fruchten lassen sondern ist auch ein Verbindungsglied zwischen den Islamanhängern auf der Welt.

 

 

Die Wirkung der Aschura-Kultur ist im iranischen Alltag genauso zu verspüren wie in den Errungenschaften des gesellschaftlichen und kulturellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Bereiches.

Sie spiegelt sich in Dichtung und Musik und Wandbemalung, Malerei und Kalligrafie, der Architektur von Imam-Hussein-Trauerhallen und Moscheen und selbst in der Moral und dem sozialen Verhalten und den Aktivitäten der Bevölkerung von Iran wieder.

 

Aschura und das Geschehen am Aschura-Tag in Karbala hat viele Künstler inspiriert . In der Vergangenheit ist die Verbildlichung der Opfertaten der Märtyrer von Karbala und der Untaten des Heeres des Ummayadenherrschers Yazid eines der wichtigsten Motive auf Leinwänden und bei iranischen Theaterstücken gewesen. In der religiösen Literatur Irans hat sich die Seele der Tragödie vom Aschura-Tag und der Märtyrertod Imam Husseins in einem dramaturgischen Schauspiel namens Ta`ziyeh manifestiert. Einige nennen dieses Schauspiel ein religiöses Drama. In diesem Drama wird der opferbereite Kampf des Fürsten der Märtyrer, Imam Hussein, und seiner Gefährten im Jahre 61 nach der Hidschra ( Ende 7. Jahrhundert nach Christus) in den Mittelpunkt gerückt.

Zu dem Ta`ziyeh gehören auch die darauffolgenden Geschehnisse und die Gefangenschaft der Familie Imam Husseins in Schaam (Syrien) und ihr mutiges Auftreten am Hofe des Ummayadenherschers Yazid.

Der Teheraner Schriftsteller Ali Bulukbaschi, 77, hat ein wertvolles Buch über die Kunst des Ta`ziyehs geschrieben, das jetzt auf dem iranischen Büchermarkt erschien. Dieses Buch mit dem Titel „Der Ta`ziyeh-Vortrag – heilige Überlieferung der Leiden im traditionellen Schauspiel“ تعزیه خوانی : حدیث قدسی مصائب در نمایش آئینی beschreibt die Entstehung dieses Passionsspiels und seine Geschichte bis in die Gegenwart. Bulukbaschi hat Psychologie und Soziologie studiert und sich in seinen Forschungen mit Themen der Iranistik und der Ethnologie befasst. Er hat sein Werk über das Ta`ziyeh-Trauerspiel in 4 Teile gegliedert.

Zu Beginn erfahren wir über die Entstehung und die Geschichte des Ta`ziyeh und daraufhin wird die Verbindung des Trauerspiels zu den Mythen, der Religion und den religiösen Rechtsschulen untersucht.

Ta`ziyeh wird in diesem Buch als traditionelle Handlung und ein heiliges Schauspiel behandelt.

Der Schriftsteller schreibt: Das Ta`ziyeh ist als Darstellung des Ereignisses von Karbala in dichterischer Form und in seiner Ähnlichkeit zu dem alten griechischen und römischen Theaterformen, eine Theaterkunst in drama-ähnlicher Sprache bezeichnet worden. Viele Forscher haben den ausschließlich religiösen Charakter als Grund dafür bezeichnet, dass das iranische T`aziyeh-Drama von dem europäischen Drama verschieden ist. Einige sind sogar der Ansicht, dass das Ta´ziyeh eine Form des Theaters ist, welche Bertold Brecht in Deutschland zu erzielen versuchte, ohne wirklich dabei erfolgreich zu sein. Aber in Wahrheit lässt sich das Schauspiel Ta`ziyeh , welches religiösen Inhalt hat und auf Überlieferungen beruht, nicht mit anderen Theaterarten vergleichen.“

 

Weiter heißt es in dem Buch über das iranische Passionsspiel Ta`ziyeh: „Die entscheidenden Unterschiede zwischen dem Ta`ziyeh-Chani und geläufigem Theater bestehen in drei Dingen: Zum ersten die Durchführung des traditonellen Schauspiels Ta´ziyeh ist ein Brauch, der nur in den (Trauer-)Monaten Muharram und Safar durchgeführt wird.

Zweitens: Das Ta`ziyeh wird an bestimmten Plätzen aufgeführt, die meisten nicht überdacht sind und auf denen kein anderes Bühnenstück stattfindet.

Drittens: die Zuschauer und Zuhörer von Ta`ziyeh sind besonderer Art und zahlreich. Sie können im Grunde nicht als Publikum bezeichnet werden, sondern die Bezeichnung: „Mitbeteiligte“ oder „Mitveranstalter“ würde besser passen.“

 

Das Buch erläutert daraufhin aufgrund psychologischer und soziologischer Aspekte des Ta`ziyeh-Passionsspiels, so die beruhigende Wirkung auf die Trauernden um Imam Hussein und die Festigung der Einheit unter ihnen, die Läuterung von Seele und Geist und die Stärkung des Gedankens des Märtyrertodes und des Dschihads unter der Bevölkerung.

 

 

Im zweiten Teil des Buches über das Pasionsspiel Ta`ziyeh wird das Ta`ziyeh unter den Qadscharen, d.h. in der Zeit von 1785 bis 1925, insbesondere unter Fathali-Schah betrachtet. Unter Fathali-Schah erreichte das Ta`ziyeh seinen Höhepunkt und in den Trauermonaten war die Durchführung des Passionsspiels weit verbreitet. Die Bevölkerung bereiteten selber besondere Plätze und Stätten für die Durchführung von Trauerzeremonien und das Ta`ziyeh vor, die sich Takiyeh nannten. Takiyeh bedeutet soviel wie „Stütze“. Gemäß einer Statistik gab es im Jahre 1269 nach der Hidschra und dem Mondkalender, d.h. 1878 nach Christus alleine schon in Teheran 54 solcher Takiyeh.

Diese Takiyeh lassen sich entsprechend ihrer Erbauer unterscheiden nach Takiyeh von ethnischen Gruppen und Umsiedlern aus anderen Städten wie das Kurden- oder das Türken-Takiyeh, oder Takiyeh von bestimmten Berufsgilden wie das Schuster- oder das Goldschmied-Takiyeh. Es gab auch Takiyeh, die Wohltätige errichteten und die dann nach deren Namen benannt wurden, wie das Mirza Hussein Hakim-Baschi- Takiyeh und Takiyeh, die nach den Namen von Regierungsbeamten benannt wurden und von den Leuten, die zum Staatsapparat gehörten , aufgesucht wurden.

Einige Takiyeh waren auch neben Pilgerstätten, Moscheen oder Modaress (Lehrstätten) errichtet und deshalb nach diesen benannt worden.

 

Ali Bulukbaschi beschreibt in seinem Buch auch eine Ta`ziyeh-Sitzung in Teheran. Er stützt sich auf die Beschreibung des Passionsspiels über den Sohn Imam Hassan a.s. namens Ta`ziyeh Hasrate Qasem, durch ausländische Reisende. Dabei zitiert er den Franzosen Eustache de Lorey der über den Ta`ziyeh-Brauch Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Buch „Queer Things about Persia“ schreibt. De Lorey bereiste den Iran zur Zeit der Qadscharen. Das Ta`ziyeh überraschte ihn und er sah darin nicht nur einen religiösen Brauch sondern so etwas wie eine Demonstration mit nationalen Losungen.

Er lud alle, die mehr über die iranische Kultur wissen wollen ein, sich die echten iranischen Ta`ziyeh anzusehen und schrieb: „Die Ta`ziyeh-Darsteller genießen einen besonderen Respekt unter der Bevölkerung, denn sie verkörpern Heilige, welche einen festen Platz im Herzen der Iraner haben und von diesen mehr als jeder andere geliebt werden.“

 

Ein wichtiger Unterschied, den de Lorey zwischen dem Ta`ziyeh und den anderen Schauspielen nennt ist der, dass ein Ta`ziyeh nicht mit dem im Theater üblichen Händeklatschen zu Ende geht, sondern die Ta`ziyeh-Darsteller alle aufstehen und zusammen mit den Zuschauern beten, dass Gott die Dienste aller Anwesenden akzeptiert und ihnen verzeiht.

 

Der letzte Teil dieses lesenswerten Buches ist in Form eines Gespräches gestaltet, d.h. es werden Fragen, die möglicherweise für den Leser auftauchen, angeführt und der Autor antwortet wie ein Interviewpartner darauf.

Er gibt ausführliche Erklärungen über den Wandel, den das Ta`ziyeh erfahren hat und über die Kombination von Kunst und Musik in dieser Art des Schauspiels und über die Wahrung und Wiederbelebung dieser Kunst in der heutigen Zeit an die Hand.

Schließlich untersucht er fünf Ta`ziyeh –Sitzungen hinsichtlich der Spiel-Technik und des Textes.

Das Buch über das Ta`ziyeh-Spiel , welches im Amir-Kabir-Verlag erschien, enthält eine Reihe von sehenswerten Bilder über die Ta`ziyeh-Bräuche der letzten 100 Jahre.

 

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