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Dienstag, 16 Juni 2015 06:32

Irans Pavillon ist ein Höhepunkt der Biennale von Venedig

Fiel einst der Zensur zum Opfer – «Arabian Delight» von Huma Mulji. (Bild: Getty) Fiel einst der Zensur zum Opfer – «Arabian Delight» von Huma Mulji. (Bild: Getty)
Written by:  lavassani
Iran leistet sich auf der Biennale von Venedig einen bemerkenswerten Auftritt – unter dem Titel «The great game» sind 49 Künstler aus der Islamischen Republik und ihren Nachbarstaaten versammelt.

(Christian Saehrendt) - An der diesjährigen Biennale von Venedig beteiligt sich eine ganze Reihe von Staaten, die sich im Krieg oder in schweren Krisen befinden und dies ausdrücklich zum Thema der Kunst machen. Das Thema «Grenze» spielt etwa in der künstlerischen Selbstdarstellung von Georgien, Kosovo und Serbien die Hauptrolle. Für Serbien widmete sich Ivan Grubanov in seiner Installation «United Dead Nations» untergegangenen Staaten wie Jugoslawien oder der Sowjetunion, aber auch vergessenen und kurzlebigen Konstruktionen wie Grosskolumbien oder der Vereinigten Arabischen Republik, einer zwischen 1958 und 1961 von Ägypten und Syrien gebildeten Union im Geiste eines säkularen Panarabismus.

Flüchtlingselend und Kriegsgreuel

Heute befindet sich eine Nachfolgerin dieses Bundes, die Arabische Republik Syrien, im Auflösungsprozess und verzichtet dennoch nicht auf ihren Auftritt in Venedig. Unter dem Ausstellungstitel «Die Ursprünge der Zivilisation» tritt Syrien als Hüter des kulturellen Erbes auf – just zu dem Zeitpunkt, als die antike Stätte Palmyra an die Bilderstürmer des Islamischen Staates verloren ging. Die Schau, die vier syrische und sieben ausländische Künstler bestreiten, wurde von dem italienischen Verleger Christian Maretti organisiert und von Duccio Trombadori kuratiert. Ob die Regierung in Damaskus bis zum Ende der Biennale im Amt bleiben wird? Vielleicht gehört dann auch die Arabische Republik zu den «United Dead Nations». Auch der mittlerweile in drei Territorien zerfallene Irak ist in Venedig vertreten, die irakische Ruya Foundation organisierte die Schau mit fünf Künstlern aus Bagdad und Kurdistan, die von dem belgischen Kurator Philip van Cauteren ausgewählt worden waren – drei von ihnen leben im Irak. Flüchtlingselend und Kriegsgreuel sind in den Arbeiten ausdrücklich erkennbar.

Einen bemerkenswerten Auftritt leistet sich die Islamische Republik Iran, die als Schutzmacht der schwer bedrängten Regierungen in Damaskus und Bagdad gilt. Unter dem Titel «The great game» versammelte sie 49 Künstler aus Iran und seinen Nachbarstaaten. Hierbei handelt es sich um eine grosse Bandbreite von Themen und Techniken. Dabei sind zahlreiche international renommierte Künstler wie Huma Mulji und mit Lida Abdul, Bani Abidi und Mohsen Tasha Wahidi auch mehrere Documenta-Teilnehmer. Marco Meneguzzo und Mazdak Faiznia kuratierten die Schau. Das heruntergekommene, 2000 Quadratmeter grosse Ausstellungsgebäude in der Nähe des jüdischen Ghettos verbreitet einen improvisierten Charme, der in einem gewissen Gegensatz zu den pompösen Statements der offiziellen Vertreter des Landes steht, etwa des Ministers für «Kultur und religiöse Führung» – man könnte auch übersetzen: «Überwachung», denn das «Ershad» kontrolliert und zensiert bei Bedarf alle künstlerischen Aussagen.

«Starke Mitte»

Minister Ali Jannati zeigt sich überzeugt: «Kulturdiplomatie ist heute das Herzstück internationaler Beziehungen.» Einerseits preist man die Kultur hier als Feld des Austausches und der Diplomatie, anderseits beharrt man auf offensiver Selbstdarstellung. Denn die Passivität in künstlerischen Belangen führe dazu, dass man dem Einfluss anderer Kulturen ausgeliefert sei, mahnt die Kulturabteilung des Ershad. Opfer fremder Einflüsse zu sein wie im 19. Jahrhundert während des historischen «great game» der Grossmächte in Mittelasien – das ist das grosse Trauma Persiens. Lieber präsentiert sich Iran heute als «starke Mitte», als aktiver Spieler, der die Region kulturell und politisch stabilisiert und entwickelt. So sucht der Ausstellungstitel dazu beizutragen, den Begriff des «great game» aus iranischer Sicht neu und positiv zu definieren. Der selbstbewusste kulturelle Führungsanspruch der Iraner kommt in der Einbeziehung von Künstlern aus Indien, Pakistan, Afghanistan, dem Irak oder auch der kurdischen Region in die Schau des iranischen Pavillons zum Ausdruck.

Nicht nur vor dem Hintergrund dieses interessanten geopolitischen Anspruchs, der von den schweren kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region und von der auf kulturpolitischer Ebene ausgetragenen Rivalität zwischen Iran und Saudiarabien flankiert wird, ist die Ausstellung ein Höhepunkt der diesjährigen Biennale. Der Besuch des eher abgelegenen Ausstellungsortes lohnt sich auch wegen der künstlerischen Vielfalt und Qualität der Arbeiten. Mehdi Farhadians Gemälde «Abandoned Constitutionalism» fällt dem Besucher auf: ein prächtiges Ölbild, das einen leeren Parlamentssaal zeigt. Ob hier eine leise Kritik an der politischen Stagnation in der Islamischen Republik anklingt?

Ein weiterer Höhepunkt ist das Wiedersehen mit Huma Muljis «Arabian Delight», einem Werk, das bei der Art Dubai 2008 der Zensur zum Opfer fiel, weil angeblich das islamische Gebot, Tiere anständig zu behandeln, damit verletzt worden sei. Mulji, die in ihren Arbeiten die Arabisierung, also den Export des wahhabitischen Islam und den damit verbundenen Identitätsverlust, in Südasien thematisiert, hat ein lebensgrosses ausgestopftes Kamel in einem Riesenkoffer zusammengefaltet. Nicht zuletzt manifestiert sich in diesem tragikomischen Werk die gegenwärtige Spaltung der muslimischen Welt im mittelasiatischen Krisenbogen.

The great game. Iranischer Pavillon, Venedig. Bis 22. November 2015.

(Quelle: Neue Züricher Zeitung)

 

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