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Mittwoch, 30 November 2011 19:28

Iranische Architektur und Kultur Teil 12

 In unserer Sendereihe über die iranische Architektur haben wir inzwischen über die verschiedenen architektonischen Stile im Iran berichtet und erklärt, welche Baumethoden hierzulande im Laufe von mehreren tausend Jahren angewandt wurden und welche Veränderungen sie erfuhren.  Geschichtliche Untersuchungen zeigen, dass die Art der Architektur eines Landes nicht nur von den  geographischen Bedingungen abhängt, sondern auch von den gesellschaftlichen Bedingungen beeinflusst wird.

Wir wollen ab nun im Laufe einiger Programmteile die iranische Architektur  als ein lebendiges geschichtliches Phänomen beleuchten, die klaren und verschlüsselten Momente der iranischen Architektur vorstellen und das Typische iranischer Bauwerke aufzeigen , und zwar von Bauwerken, die auf alter Tradition basieren, und, obwohl sie auch  viele Veränderungen erfuhren,  zahlreiche Gemeinsamkeiten miteinander aufweisen. Diese Gemeinsamkeit und gleichen architektonischen Momente erinnern an die Verwendung von Wörtern zur Konstruktion eines Satzes oder zur Reimung eines Gedichtes.  Bei einem Satz und einem Gedicht ist nicht nur auf die Bedeutung jedes Wortes zu achten sondern auch ihre kulturelle Tragweite und die verschiedene Anwendungsmöglichkeiten der Wörter sind zu beachten.  

Auf die Architektur übertragen bedeutet dies:

Zwischen den einzelnen Bestandteilen eines Gebäudes wie Wände, Fenster, Boden, Decke usw. sehen wir einen Zusammenhang, der besonderen Gesetzen gehorcht und diese Gesetze sind wie die Grammatischen Regeln der Sprache. Aufgrund dieser Regeln setzen wir jedes Wort an der Stelle ein, wo es hingehört und gewinnen einen geordneten Satz und übermitteln anderen den Sinn dieser geordneten Einheit.  Auch die Regeln der Architektur gehorchen in großem Umfange einer geometrischen Ordnung .  Beim Anblick und der Feststellung der verwendeten Regeln können wir schnell herausfinden, welchem architektonischen Stil  ein Gebäude zuzuordnen ist.

Aber mit einer anderen Methode können wir tiefgehender eine Bauweise kennenlernen, nämlich dadurch, dass wir auf den Sinn der Bestandteile dieser Architektur und die Art und Weise wie diese Bestandteile zur Umsetzung eines Entwurfes miteinander kombiniert werden.  Zum Beispiel sind die Bestandteile des Moscheenbaus die Kuppel, das Minarett und (Goldasteh) Großminarett, der Eywan (Säulen-Vorterrassen) und  die Mihrab (die Gebetsnische). Miteinander zusammengefügt ergeben  diese architektonischen Bestandteile einem Gebäude die Bedeutung einer Anbetungsstätte. Dabei sollte man sich über den  kulturellen Ursprung und die Überzeugungsgrundlage  jedes einzelnen Bestandteiles (Kuppel, Minarett und Gebetsnische) ebenso im klaren sein, wie die Gesamtheit des Bauwerkes „Moschee“. Jedenfalls muss man zur analytischen Betrachtung eines  architektonischen Werkes  seinen Formplan kennen und wir möchten daher einige Grundbedeutungen und –Grundwerte für die iranische Architektur vorstellen.

                    

Das persische Wort „Nazm“ bedeutet Ordnung,  Geregeltheit, und Zusammenhalt und wird mit „geeigneten Regeln“ und „Gesetz“ übersetzt.  Wenn wir „Ordnung“ in einer Summe von Bestandteilen untersuchen, betrachten wir   die Art der Beziehung dieser Bestandteile zueinander.

Das Prinzip der Ordnung wird von allen befürwortet, von Religionen, Regierungen und menschlichen Denkschulen. Alle sehen in dem Geordnetsein und der Regelung eine Grundlage für die Gestaltung von Phänomen und der Lebewesen und als Grundlage für ihren Weiterbestand und sogar als Faktor für die ästhetische Erscheinung.  Das Dasein scheint fest mit dem Phänomen „Ordnung“ verschmolzen.

                       

Der australische Kunstexperte Kollar schreibt darüber: „Ein Bauwerk muss wie ein Eis- und Mineralkristall, wie ein Baum oder wie eine Muschel  eine geometrische Raumordnung demonstrieren, welche das Ziel seiner Erbauung erkenntlich macht.“

Das Studium der Geschichte der Architektur und des Städtebaus zeigt, dass in der Regel eine feste Ordnung über die Gestaltung von Städten und von Gebäuden herrscht. Diese Ordnung wird von der göttlichen,  natürlichen  und menschlichen Ordnung abgeleitet.     

                              

Mit göttlicher Ordnung wird die Ordnung bezeichnet, die Gott erschaffen hat und die über die Daseinswelt herrscht. Dem Menschen wurde stets ans Herz gelegt, diese Ordnung zu erforschen und zu beachten. Diese Ordnung sollte das Modell für alles Tun des Menschen sein.

Die natürliche Ordnung ist die Ordnung, die über die Natur und die Daseinswelt und die natürlichen Phänomene herrscht. Bei dieser Definition kommen sogar  äußerliche Störungen der Ordnung zustande und zwar wenn gegen die natürliche Ordnung verstoßen wird.

Als menschliche Ordnung wird eine Ordnung betrachtet, die der Mensch zur Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander oder als Rahmen für die gesellschaftlichen Beziehungen aufstellt.

Im islamischen Weltbild fällt die menschliche Ordnung auch in den Bereich der göttlichen Ordnung, denn die menschliche Ordnung wird durch die Denkkraft und Überlegung des Menschen hervorgerufen und der Mensch selber wurde von Gott erschaffen.

               

Aus der Vogelperspektive gesehen bietet eine Stadt ein geordnetes System von meist geraden Linien, die sich nach einfachen mathematischen Regeln zusammenfügen.  Länge und Breite der Straßen und Gebäudehöhen usw. weisen Regelmäßigkeiten auf. Doch fragen wir uns:

Wer steht in diesem Straßennetz höher: Das Kraftfahrzeug oder der Mensch?

Und: Wie wirkt sich das Stadtverkehrsnetz auf die Seele des Menschen aus?

 

Sachverständige sind der Ansicht: Die Art der Definition von Ordnung in einer Weltanschauung schlägt sich direkt in der Bauweise und dem Städtebau nieder. Einige Theoretiker vergleichen die Architektur eines Gebäudes oder das architektonische Bild einer Stadt mit dem Körper des Menschen und haben Kopf, Herz und Leib verglichen mit: Zentrum der Regierung, Zentrum der Spiritualität und Zentrum von Arbeit und Handel. Auch die islamischen Gelehrten haben sich mit der Ordnung, die den menschlichen Körper beherrscht, auseinandergesetzt , was sich auf die islamische Architektur auswirkte.  Die schmucken Beispiele iranischer Architekturkunst insbesondere in der Islamischen Epoche  zeigen, dass die iranischen Architekturplaner sich oft von der Körperordnung des Menschen inspirieren ließen  und dadurch wurde sogar der Städtebau geprägt.

 

Der bekannte muslimische Historiker Ibn Chaldun hat sehr häufig die Wörter  Madaniyat und Tamadon , welche beide „Zivilisation“ bedeuten und vom Wort Madineh – gleich Stadt abgeleitet wurden, benutzt. Tamadon bzw. Zivilisation hat mit der Ansiedlung in Städten zu tun . In diesem Zusammenhang erhält die Ordnung einer Stadt eine neue Sinnbedeutung. Eine Stadt liefert das Modell für ein geordnetes Leben im Gegensatz zu dem Nomadenleben.  Der Raum, in dem sich das Nomadenleben abspielt, nämlich die freie Natur, unterliegt keinen Schranken und erfordert keine großartige menschliche Ordnung.

 

    Die Zivilisation des antiken Irans und danach die islamische Zivilisation besaß große Städte mit einem geordneten Verbindungsnetz. Dank dieser Errungenschaft der iranischen Kultur sind  im Laufe der Jahrhunderte im Bereich iranischer Zivilisation große und schöne Städte entstanden. Die Iraner wussten also seit alten Zeiten  Ordnung und Regelung in ihrem Gesellschaftsleben zu schätzen.

 

Antike iranische Städte wie Hegmatana (heute: Hamadan) und Pars oder große islamische Städte wie Bagdad, Isfahan, Schiras, Tabris und Rey widerspiegeln menschliche und islamische Werte und besonders die Ordnung.

Jede Stadt ist wie ein Haus. In der iranischen Kultur ist ein Haus ein Ort der Ruhe. Ein in sich geschlossener, interner Raum, in der eine kleine oder Großfamilie zusammen leben. Dieser Raum ist in kleinere persönliche Räume eingeteilt. Nach außen hin ist nichts von dem Leben in diesen Bauwerken zu spüren.

Nadschmiddine Bammate schreibt in seinem Buch „Islamische Städte“:

„In islamischen und iranischen Städten verläuft eine Straße entlang von Mauerwänden und Stätten, deren Fenster nach ihnen gerichtet sind und diese Häuser bieten daher von außen ein besonderes Bild. In ihrer ursprünglichen Gestalt sind sie von außen eintönig und einfach gehalten. Die  Familien, die in diesen Häusern leben, bleiben  fremden Blicken entzogen. Dies rührt von der Überzeugung der Muslimen her, dass die Privatsphäre in einem Haus geschützt werden muss.“

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