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Montag, 23 März 2015 09:09

Hörerpostsendung am 22. März 2015

Hörerpostsendung am 22. März 2015
Bismillaher rahmaner rahim  -   Gestern war es soweit, das heißt genauer gesagt in der Nacht zum Samstag um 2 Uhr, 15 Minuten und 11 Sekunden iranischer Zeit, da hat das neue Jahr 1394 hier bei uns begonnen. Wir begrüßen Sie heute liebe Hörerfreunde im neuen iranischen Sonnenjahr, dass zu dem Zeitpunkt beginnt, wenn die Sonne in den Frühlingspunkt des Himmelsäquators eintritt.

Dieser Punkt wird auch Widderpunkt genannt, denn die Sonne tritt jetzt auch ins Sternzeichen Widder ein. Außerdem haben wir an diesem Tag eine Tag- und Nachtgleiche, d.h. Tag und Nacht sind gleichlang. Die Uhrzeit dieses Ereignisses ist nicht jedes Jahr gleich, deswegen haben wir jedes Jahr hier zu einer anderen Uhrzeit den Jahresbeginn. Aber er fällt je nach Schaltjahr oder Normaljahr auf den 20. oder 21. März im christlichen Kalender, seltener mal auf den 19. März.

Die seit Wochen auf Hochtouren laufenden Vorbereitungen für dieses Ereignis hier in Iran und im Farsi-sprachigen Kulturkreis in einigen Nachbarländern sind erst einmal zu Ende, nun können das Neue Jahr und die freien Tage beginnen. Alle haben sich herausgeputzt um mit der ergrünenden und erblühenden Natur wettzueifern. Neue Kleidung Neujahrsgeld, Neujahrsbesuche, Neujahrsreisen und und und, all das hat jetzt seine besondere Bedeutung. Nüsse und Kerne, Obst und Süßigkeiten, leckere Speisen zu den Mahlzeiten, all das steht jetzt auf dem Plan. So sollen die ersten beiden Wochen des neuen Jahres hier nun ins Land gehen, dafür hat man sich gemüht und angestrengt in der letzten Zeit und nun sollen die Früchte dieser Mühen geerntet werden. Natürlich steht das Reisen auch ganz oben auf der Liste der iranischen Neujahrstraditionen. Viele Familien schnüren schon vor dem Jahreswechsel ihr Reisebündel um sich auf den Weg zu machen zu ihren Familien, zu den großen Pilgerstätten in Maschhad oder Qom, in Schiraz oder anderswo, um am Grabmal eines geehrten Mitgliedes der Prophetenfamilie das Neue Jahr zu beginnen. Aber auch die Orte mit historischen Sehenswürdigkeiten und Naturattraktionen werden aufgesucht oder Auslandsreisen gemacht. Ein reges Treiben auf Straßen, Eisenbahnschienen und Flughäfen hat schon lange vor Beginn des Neuen Jahres eingesetzt, denn viele Iraner wollen an diesem Fest zuhause bei der Familie sein.

Zu Beginn des Neuen Jahres in Iran, wenn sich die Familien an der "Sofreh Haft-Sin" – also dem besonders geschmückten Neujahrstisch versammeln, dann bitten die Iraner ihren Schöpfer mit folgenden Worten:

 

یَا مُقَلِّبَ الْقُلُوبِ وَ الْأَبْصَارِ یَا مُدَبِّرَ اللَّیْلِ وَ النَّهَارِ یَا مُحَوِّلَ الْحَوْلِ وَ الْأَحْوَالِ حَوِّلْ حَالَنَا إِلَی أَحْسَنِ الْحَالِ

 

"Oh du Wandler der Herzen und der Blicke, o du Verwalter von Nacht und Tag! Oh du Wandler der Zustände und des Befindens, verwandle unseren Zustand in den besten."

Damit meinen sie aber nicht nur ihre wirtschaftliche oder soziale Situation, sondern auch ihre spirituelle Entwicklung und die Annäherung  an ihren Schöpfer.

Ja Frau Tschupankare, zu diesem großen und besonderen Anlass in unserem Land hatten wir auch schon einen Glückwunsch in der Hörerpostsendung. Am 16. März kam eine Mail aus Mannheim:

"Sehr geehrte Frau Sheikholeslami, Frau Hosseini und Herr Sharokny,  hiermit wünsche ich Ihnen zum iranischen Neujahrsfest alles Beste. Vor allen Dingen aber Gesundheit und ein langes Leben und dass Ihnen alle Wünsche und Träume in Erfüllung gehen.

Mit besten Grüssen nach Teheran von
Andreas Pawelczyk"

Das ist sehr nett von Ihnen Herr Pawelczyk, vielen Dank.

Also jetzt schreiben wir das Jahr 1394 in Iran. Mit den Jahreszahlen hier bei uns können viele von Ihnen vielleichts nicht anfangen, wie z.B. Herr Eduard Alex in Isny. Er bekundete uns dies anlässlich des Empfangs einer  von uns gesendeten 2000 Rial-Münze und unserer Erklärung zu dem was auf der Münze steht. Er schrieb uns:

"Die Zahl 1393 und der Neubeginn am 21.3. auf 1394 nach iranischem Sonnenkalender kann ich nicht verstehen. Ich kenne nur unsere Zeiten und Jahre. Vielleicht erfahre ich irgendwo etwas über ihren Kalender ?"

Also Herr Alex und alle anderen in der Hörerrunde. Die Zahl 1394 als Jahreszahl in Iran kommt daher, dass der iranische Sonnenjahr-Kalender ab der Auswanderung des geehrten Propheten des Islam von Mekka nach Medina, im Jahre 621 nach Christus beginnt, wie man so schön sagt "nach der Hidschra".

Wenn Sie also von dem aktuellen christlichen Jahr 2015 die 621 abziehen, dann kommt 1394 heraus.

In der islamischen Zeitrechnung haben wir aber schon das Jahr 1436, das kommt daher, weil sich der islamische Kalender nach der Hidschra und dem Mond richtet, und die Mond-Monate kürzer sind als die Sonnenmonate. So das reicht erst einmal, sonst werden alle hier verwirrt mit so vielen Zahlen.

Möge Gott uns alle in jedem neuen Jahr, gleich wann es wo beginnt oder endet, segnen und schützen.

Das wünschte uns auch Helmut Dieterle, dessen Gedicht wir ja schon letzte Woche vorgelesen haben. Er hatte dazu noch geschrieben:

"Herzliche Grüße und alles Gute. Möge Allah Euch beschützen und die Feinde um Euch zurückschlagen !!!

Habt Mut und Vertrauen in die göttlichen Mächte, die Euch nie verlassen werden. Nicht aufgeben, einfach weitermachen und dran bleiben.

Euer alter Hörer Helmut Dieterle mit allen guten Wünschen"

  

Ja, der Frühling, der hat auch bei Hörerfreund Heinz-Günter Hessenbruch schon seine Spuren hinterlassen und nicht nur den Drang in den Garten geweckt, sondern ihn auch wissbegierig gemacht. Seinen Februarberichten fügte er am 1. März folgende Zeilen hinzu:

"Werte Damen und Herren,
heute beginnt ein neuer Monat, der März. Bin gespannt was er uns bringt, längst sollte ich mit der Gartenarbeit begonnen haben, aber das Wetter lässt es nicht zu. Der Gartenboden ist noch zu nass und aufgeweicht.
Wie ist es in Ihrem Kollegenkreis gibt es da auch Gartenfreunde, die sich in ihrer Freizeit im Garten betätigen? Wenn ja, was wird denn da angebaut und geerntet? Sind die Gärten am Haus, oder in einer Kolonie?
Oder sind Kleingärten in Teheran gar nicht üblich?
Ich sende Ihnen liebe Grüße aus Remscheid,
Heinz-Günter Hessenbruch"

Lieber Herr Hessenbruch, hier bei uns ist das ein wenig anders und Kleingärten im deutschen Sinne sind nicht so verbreitet. Denken Sie aber nicht, dass die Iraner die Bäume und Blumen nicht lieben, nein so ist es nicht. Vielleicht wissen Sie ja, dass die persischen Gärten eine große historische Bedeutung haben und neun Persische Gärten 2011 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

Die meisten Iraner haben, je nach räumlichen Möglichkeiten, immer auch einige Bäume und Sträucher an ihren Häusern oder in den Höfen, selbst bei den in den letzten Jahren so stark zugenommenen vielstöckigen Appartmenthäusern findet man immer auch grüne Pflanzen, und sei es in Blumentöpfen oder Kübeln. Traditionell sind Weintraubenstöcke, Granatapfel-, Mandel-, Feigen-, Maulbeer- u.a. Bäume, aber auch Ziersträucher wie Oleander, Blauregen, Jasmin, Geißblatt und natürlich die Rosen sehr beliebt. Durch das zumeist trockene und heiße Klima in Iran haben Gärten hier einen hohen Stellenwert und Blumen- und Gartenmotive spiegeln sich in den Teppichmustern wieder. Der Persische Garten wird auch in der islamischen Tradition gerne als Sinnbild des Paradieses gesehen.

Aber Kleingartenkolonien gibt es hier nicht und so typische Gemüsegärten am Haus wie bei Ihnen in Deutschland gibt es hier höchstens im grünen Nordiran wo man reichlich Niederschläge hat. Deshalb finden sich unter unseren Kolleginnen und Kollegen auch keine Hobbygärtner, was einige von uns sicher bedauern.

Ihnen wünschen wir baldigst schönes Gartenwetter und viel Spaß bei der Gartenarbeit.

Da wir nun schon beim Beantworten von Fragen sind, wollen wir heute auch mal kurz auf die Frage, die uns nebst freundlichen Grüßen vor geraumer Zeit aus Leipzig von unserem treuen Hörerfreund Dieter Leupold zugestellt wurde, eingehen. Die Frage lautet:

"Wie hoch sind die Mieten in der Hauptstadt Teheran, (Quadratmeterpreis in €).

Gibt es Eigenheime oder auch Mietwohnungen im Iran ?"

Lieber Herr Leupold, also es gibt hier sowohl Eigenheime als auch Mietwohnungen, und die Zahl an Mietwohnungen ist vor allem in den größeren Städten höher, als in ländlichen Gebieten. Wenn auch jeder Iraner gerne in den eigenen 4 Wänden leben möchte, so ist es doch auch hier nicht allen möglich ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung zu besitzen.

Dem iranischen Statistikamt zufolge betrug der Quadratmeterpreis für eine Mietwohnung im 1. und teuersten Bezirk Teherans im Herbst diesen Jahres 320 000 Rial, dass sind bei einem Wert von rund 40 000 Rial pro Euro also rund 8 Euro pro Quadratmeter. In weniger teuren Bezirken Teherans liegen die Preise so bei 2,5 Euro pro Quadratmeter. Die Preise sind natürlich wie überall auf der Welt abhängig von dem Zustand, der Lage, und den Ausstattungen der Häuser bzw. Wohnungen.

Auch Michael Lindner aus Gera hatte neulich in seiner Mail eine Frage, er schrieb uns:

"Habe kürzlich wieder mal eine Ausgabe der ADAC Zeitschrift in die Hände bekommen, wo über Autodiebstähle in Deutschland berichtet wurde. Auffällig war dabei, dass in den Grenzgebieten zu Polen und Tschechien die Autodiebstähle besonders hoch sind, u.a. auch in Berlin. Naja, ist ja auch ein lockendes Geschäft, wobei heute nicht wahllos geklaut wird, sondern nach Bestellung. Es sind auch keine Einzeltäter mehr, sondern gut organisierte Banden. Zum Glück gehört mein Opel Meriva nicht zu den Autos, die bevorzugt gestohlen werden. Schwacher Trost - oder?

Ja, wie sieht das bei Euch im Iran mit dem Autoklau aus?

Wäre doch mal ein interessantes Thema auch für die IRIB Hörer."

Lieber Herr Lindner,  ganz aktuelle Zahlen haben wir im Moment nicht für Sie, aber laut den Angaben eines Automagazins meldete das iranische Statistikamt, dass 1390, also vor 3-4 Jahren, 142 Fahrzeuge pro Tag geklaut wurden. Was die Statistiken dieses Amtes noch zeigen ist ein starker Anstieg der Autodiebstähle in den letzten Jahren. Von 1388 bis 1390 hat sich der Autodiebstahl mehr als verdoppelt.

 Frau Hosseini etwas ganz anderes wollte Herr Pawelczyk aus Mannheim wissen er schrieb:

"Wundern tut man sich allerdings wenn man Zahlen zum Pro-Kopf-Fischverzehr im Iran ließt. Im Iran liegt er im Durchschnitt bei 9,5 kg und in der Welt bei 19,5 kg jährlich. Warum das? Hat das Fischessen im Iran keine Tradition?"

Lieber Herr Pawelczyk Tradition hat das Fischessen in Iran schon, besonders jetzt zum Neuen Jahr, da wird am Vorabend des Neuen Jahres oder auch am Mittag des Neujahrtages traditionell Fisch gegessen. Aber einer Aussage des stellvertretenden iranischen Landwirtschaftministers zufolge essen 54 Prozent der Iraner keinen Fisch.

Iran hat zwar das Kaspische Meer im Norden und den Persischen Golf im Süden und die Fischzucht im Landesinneren wurde in den letzten Jahren stark vorangetrieben, aber im Verhältnis zu Ländern wie Japan oder Norwegen, die rundum von Wasser umgeben sind und einen Fischverbrauch von mehr als 70 kg pro Kopf und Jahr haben, kann es natürlich nicht mithalten.

Laut dem stellvertretenden iranischen Landwirtschaftsminister werden heute jährlich mehr als 14 000 Tonnen Forellen in Iran gezüchtet und damit liegt das Land an erster Stelle. Die Forellenproduktion nimmt damit einen Anteil von 25 Prozent beim Fischfang Irans ein. Beim Thunfischfang liegt Iran laut diesem Minister unter 30 Ländern im Westen des Indischen Ozeans an erster Stelle und im gesamten Indischen Ozean nach Indonesien an zweiter Stelle.

Außerdem ist die Garnelen- oder Krabbenproduktion in Iran im letzten Jahr um 30 Prozent gestiegen.

Die positiven gesundheitlichen Werte von Fisch werden auch in Iran zunehmend propagiert und haben die Bedeutung von Fisch auf der Speisekarte der Iraner erheblich gesteigert.

Aber jetzt gibt es erstmal unser heutiges Musikstück.

Unser heutiges "Frage- und Antwortspiel" beenden wir nun und gehen auf ein anderes Thema ein, das wie schon erwähnt, auch mit dem iranischen Neujahr zu tun hat, nämlich das Reisen.

In einem Brief von Herrn Wolf-Lutz Kabisch hieß es:

"Meine Frau und ich interessieren uns sehr für fremde Kulturen, besonders die asiatischen. Wir besuchten bisher schon – z.T. bis zu 6 Wochen-, 9 asiatische Staaten und nun zuletzt Ihr Land: Ihre Sendungen machten uns neugierig. – Das Geschehene und Erlebte kann man nicht vergessen! Vieles war einmalig, vieles fügte sich in den weiten Kulturkreis ein – trotz z.T. großer, vor allem religiös bedingter Unterschiede. – Immer wieder waren wir begeistert von den einfachen und zweckmäßigen Bauten in Städten und Dörfern; sie alle zeugen vom Geist und Können von Generationen von Menschen.

In diesem Sinne Ihr Hörer Wolf Lutz-Kabisch"

Für asiatische Kulturen interessiert sich auch unser Hörerfreund Helmut Matt, das hat er mit seinen beiden Büchern  'Im Zauber der weissen Schlange' und 'Schmetterlingsliebe', die uns die chinesische Kultur näher bringen, bewiesen. Aber auch europäische Länder haben es ihm angetan und Herr Matt setzt sein Talent ein, Länder wie Bulgarien und jetzt auch Estland besser bekannt zu machen. In einer seiner Mails heißt es da: "Estland gehört zu Unrecht zu den weniger bekannten Ländern Europas."

Heute wollen wir nun ein wenig in dem neuen Buch "Estland – Land der Lieder und Legenden" von unserem Hörerfreund Helmut Matt lesen, um auch Sie in der Runde an seinen Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben zu lassen und Ihnen damit sowohl einen Buch- als auch Reisetipp mit in die neue Woche geben. Auch Ostern und der Sommer sind nahe, also Zeit zum Lesen und Reisen. Auf gehts, schaun wir mal in die Leseprobe die uns Herr Matt freundlicherweise zugeschickt hat.

Im Vorwort heißt es:

Als wir damit begannen, uns mit Estland zu beschäftigen, drehte sich zunächst alles um das Sänger- und Tanzfest des Jahres 2014. Nur alle fünf Jahre findet dieses Ereignis in der estnischen Hauptstadt Tallinn statt. In erster Linie lockte uns die Begeisterung für traditionelle Musik und Volkskunst zum ersten Mal in das nördlichste Land im Baltikum. Was wissen wir schon über dieses kleine, aber in vieler Hinsicht reiche Land im Nordosten unseres Kontinents? Mir wurde recht bald klar, dass es eigentlich erst einmal sehr viel zu lernen gab, bevor wir überhaupt an eine Reisevorbereitung denken konnten. Je intensiver ich mich in estnische Geschichte und Gegenwart vertiefte, umso mehr wurde mir bewusst, wie fern uns die nordischen Themen eigentlich sind und wie wenig wir hier in unserem Kulturkreis über die drei Länder im Baltikum wissen, die ja mittlerweile Mitglieder in der Europäischen Union geworden sind.

Wohin fliegst du? Nach Estland? Ja, wo ist das denn? Ungläubige Fragen dieser Art hörte ich recht häufig, wenn ich Freunden, Bekannten oder Arbeitskollegen von unserem Reiseziel erzählte. Ich muss gestehen, dass ich zunächst, bevor ich damit begonnen hatte, mich auf die Reise vorzubereiten, ebenfalls viel zu wenig über Estland und die Esten gewusst hatte. Je mehr ich mich jedoch mit dem Thema beschäftigte, umso stärker wuchs in mir der Wunsch, ja das Bedürfnis, mehr zu erfahren über das Land und seine Bewohner.

Da sind zunächst einmal die engen historischen Bande zwischen dem kleinen Land im fernen Norden unseres Kontinents und meinem eigenen Heimatland, über die ich staunte und von denen ich zuvor ebenfalls eher oberflächliche Kenntnisse hatte. Wie schön ein Land, wie reich seine Kultur und wie kreativ seine Menschen sind, das lernt man immer erst wirklich in dem Augenblick der persönlichen Begegnung.

Als wir im vergangenen Juli nach Tallinn kamen, hatte ich mich schon recht gut vorbereitet und vieles gelesen und nachgeforscht über das kleine Land am Finnischen Meerbusen. In der Wirklichkeit aber, das wurde mir einmal mehr in meinem Leben bewusst, ist immer alles viel lebendiger, faszinierender und plastischer, als man sich das zuvor beim Studium von Büchern und Karten jemals vorstellen kann. „Estland ist ein schönes Land“, könnte man sagen. Aber was sagt das schon aus? Schön, das ist schon wahr, aber Schönheit ist immer variantenreicher und überraschender, als dieses Allerweltswort sie zu umschreiben vermag. Je näher ich das Land kennenlernte und je mehr ich erfuhr, desto größer wurden die Neugierde und die Begeisterung. Sehr bewegt hat mich der mächtige Drang der Esten zur nationalen Eigenständigkeit, ihre Liebe zur Heimat, und ihre Hingabe an Gesang, Tanz und Volkstum: Patriotismus ohne nationale Überheblichkeit, Stolz auf die Heimat ohne chauvinistische Entartung.

Das alles hat mich sehr beeindruckt und letztlich auch dazu motiviert, dieses Buch zu schreiben. Die Identifikation und Selbstfindung eines Volkes definiert sich immer aus vielen Faktoren. Ich will ein paar davon nennen: Da ist zum einem das Land, in dem man lebt. Da ist die gemeinsame Sprache. Wichtig sind aber auch Herkunft, Geschichte und nicht zuletzt die mündliche Überlieferung der alten Mythen, Märchen und Legenden. Ich hoffe, dass mein Versuch, diese Verbindung herzustellen, gut gelungen ist.

Jetzt lesen wir Ihnen noch die Legende über die Entstehung und Geschichte der Hauptstadt Tallinn vor und verabschieden uns damit für heute von Ihnen:

Linda war die Frau des Kalev und Mutter des riesenhaften Helden Kalevipoeg. Geboren wurde Linda aus dem Ei eines Birkhuhns. Als Linda zu einer Frau herangewachsen war, fand sie in dem heldenhaften König Kalev den Mann ihrer großen Liebe und ihres Lebens. Obwohl zuvor schon die Sonne, der Mond und die Sterne um sie gefreit und um ihre Liebe geworben hatten, heiratete sie Kalev. Sie schenkte dem Gatten ihr ganzes Herz und gebar ihm drei Söhne. Doch das eheliche Glück sollte nicht lange währen: Schon nach wenigen Jahren erkrankte Kalev schwer und verstarb. Untröstlich über den Tod ihres geliebten Mannes sammelte Linda Steine und häufte diese zu jenem mächtigen Grabhügel, der heute den Domberg von Tallinn bildet. Oben auf einem der Steine setze sie sich schließlich nieder, um den unwiederbringlichen Verlust zu beweinen. Ihre Trauer um Kalev kannte keine Grenzen. Die Tränen flossen in Strömen und sammelten sich unten am Grund des Grabhügels zum Oberen Ülemiste-See.

In Lindas See aus Tränen, so erzählt eine andere estnische Legende, lebt das Zwergenmännlein Järvevana. Jahr für Jahr steigt es in der Silvesternacht aus dem Wasser heraus und marschiert in die Stadt. Den erstbesten Bewohner, dem das Männlein dabei begegnet, fragt es, wie es mit der Stadt stehe und ob noch irgendwo gebaut werde oder die Stadt nun endlich fertig sei.

Der ebenso kleine wie böse Gnom trachtet nämlich danach, die ganze Stadt Tallinn zu überfluten und in den Wogen des Sees zu ertränken. Er kann aber seine teuflischen Pläne nicht verwirklichen, denn er hat keine Macht über die Stadt, solange diese nicht vollständig fertig erbaut ist. Jahr für Jahr muss also der Zwerg Järvevana aufs Neue erfahren, dass an dieser und jener Stelle gerade wieder gebaut wird. Man sagt in Tallinn, dass wohl das Männlein im See dafür verantwortlich sei, dass in der Stadt immer irgendwo gebaut und wohl auch nie ein Ende abzusehen sein werde.

 

 

 

 

 

 

 

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