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Donnerstag, 12 Februar 2015 17:36

Martin Lindhoff

"Sehr geehrtes iranisches Radio, ich freue mich sehr, daß Sie ihr deutsches Programm aufrecht erhalten. Deutsch ist zwar keine Weltsprache wie das Englische, aber so 100 Millionen werden es schon sprechen, in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Luxemburg, Norditalien und als Fremdsprache in ein paar angrenzenden Ländern. Mein Englisch ist zwar ganz passabel, aber Deutsch ist meine Muttersprache.

Also ich freue mich sehr über Ihre Seite, schon weil ich ein alter Kurzwellenhörer bin (bin 53) und vor allem Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre viel Kurzwelle gehört habe. Damals gab es aus-gesprochen viel deutschsprachiges Programm im Bereich der Kurzwelle, fast jedes Land hatte eines. Davon wurde das meiste eingestellt, aber ein paar Perlen gibt es immer noch, wie das Programm von Radio Rußland ( jetzt Sputnik), Radio China, Radio Schweden, Radio Kroatien und Radio Korea. 
Es freut mich aufrichtig, daß es noch ein paar Länder gibt, die die Absicht haben, von Deutschen oder Österreichern wahr genommen zu werden, Länder wie die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan oder Polen scheinen eine solche Absicht nicht zu haben, wenn sie mir diese bissige Bemerkung mal gestatten. 
Ganz verstehen kann ich das offen gesagt nicht, denn in den guten alten Zeiten des Kurzwellenempfangs, als es viele deutschsprachige Sender gab, waren gute Kurzwellenempfänger teuer und nur wenige hatten sie. Heute dagegen, wo fast jeder Internet hat, die potentielle Reichweite solcher Sender oder Seiten viel größer ist, scheint das Bedürfnis, sich anderen Ländern mitzuteilen, aber offensichtlich gegen Null zu gehen.

 
Danke auch für die Vermittlung ihrer islamischen Spiritualität. Sie wird mich vielleicht wieder einmal dazu anregen, etwas in meinem Koran zu lesen. Zwar bin ich Christ, aber ich denke, daß die Unterschiede zwischen den Religionen nicht überbetont werden müssen. Ich habe den Koran gelesen und finde darin viel von meiner christlichen Spiritualität wieder. So wird auch der Christ - Gott als Einen sehen. Wenn es aber eine Dreifaltigkeit im Christentum gibt, so war es immer meine Überzeugung, daß diese immer die Theologen mehr interessiert hat, als den einfachen Gläubigen. Das ist jedenfalls meine Meinung. 
Wie ich dann den Iran sehen soll, weiß ich nicht. Vom Expräsidenten Ahmadinedschad habe ich nicht viel gehalten, nehmen Sie mir das nicht übel, von Khatami viel. Der neue Präsdent Rohani scheint aber wieder ein sehr vernünftiger Mann zu sein. Daß der Iran dieselben bürgerlichen Freiheiten hat wie der Westen, bezweifle ich, aber wenn man sich das teilweise totale Chaos in Teilen der islamischen Welt ansieht, muß man konstatieren, daß der Iran in den vergangenen Jahrzehnten ein Hort der Stabilität war. Im Übrigen bin ich kein Laizist und die Deutschen sind auch keine Laizisten wie die Franzosen, das heißt, Staat und Kirche sind in Deutschland verquickt, die Christdemokraten sind in Deutschland die stärkste Partei, und der Einfluß von Kirchen über Medienaufsichten in öffentlichen Medien ist nicht zu unterschätzen. Aber ein "Gottesstaat" wie der Iran sind wir wohl nicht, aber wir haben noch kein Problem damit, wenn Kirchen oder Religion auch struktureller Teil der Gesellschaft sind. Insofern sehe ich die Zukunft der iranischen Gesellschaft, der ich alles Gute wünsche, pragmatisch.

Sehen Sie, es ist doch so, in einem Punkt teile ich schlicht das iranische politische Modell, nämlich dahingehend, daß es sicherlich immer religiöse Menschen geben wird und auch eher säkulare - die werden Sie auch im Iran haben – aber, daß das Thema Religion nicht zum politischen Streit taugt. Das Thema Religion sollte aus dem politischen Streit heraus gehalten werden, wenn dann also "Islamische Republik" heißt, daß das Thema Religion weitestgehend aus dem politischen Streit heraus gehalten wird, dann ist das eventuell ein gutes Zukunftsmodell.

In dieser Hinsicht nun verfolge ich die gesellschaftliche Entwicklung im Iran mit Interesse, das heißt bestimmt nicht blauäugig, aber die iranische Gesellschaft ist dahingehend interessant, als sie am Ende weniger gespalten ist als etwa die türkische, die zwar größere liberale Freiheiten hat, die ich auch anerkenne, die aber unter der Spaltung zwischen "Säkularen" und "Religiösen" leidet, was ich auf Dauer nicht für gesund halte. Dazu kommt zweitens, daß ich hinter religiösen Werten dahingehend stehe, daß ich zwar nichts gegen "bürgerliche Freiheiten" habe, daß man aber konstatieren muß, daß nur wenige Menschen mit diesen Freiheiten leben können, während eine Mehrheit der Bevölkerung auch verroht und moralisch verkommt, wenn sie ihre religiöse Bindung verliert. Das ist jedenfalls meine Meinung. 
Deshalb sage ich noch mal, ich wünsche der Islamischen Republik Iran alles Gute dahingehend, daß sie auf der Basis des Islams wirklichen politischen Wettbewerb lernt, der dann zu gewissen liberalen Freiheiten führt, ohne daß diese liberalen Freiheiten gleich zu einer Verrohung der Gesellschaft führen. 
Deshalb sage ich noch mal: Danke für ihre Seite, der Iran ist sicherlich eine interessante Gesellschaft, auch wenn ich gewisse Dinge skeptisch sehe. Gut, aber grundsätzlich gesagt will ich Sie nicht belehren, das sollte man als Außenstehender auch nie tun, möglicherweise können auch wir Deutsche von der iranischen Gesellschaft mal das eine oder andere lernen, in der Zukunft vielleicht noch mehr als heute. Es ist ja eigentlich noch eine sehr junge Gesellschaft, die sich auch noch entwickeln kann. 
Also noch mal gesagt, ich freue mich sehr über ihre Seite, da ich ein am Iran sehr interessierter Mensch bin. Das heißt nicht, daß ich den Iran idealisiere, überhaupt nicht, aber ich dämonisiere ihn auch nicht und ich unterstelle grundsätzlich den Menschen dort einen guten Willen. 
Mit herzlichen Grüßen Martin Lindhoff "

 

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