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Donnerstag, 20 März 2014 12:45

Nouruzgeschichten (2)

Nouruzgeschichten (2)
 Sie lesen heute das bekannte Märchen von Amu Nouruz und Nane Sarma.

 

                                 

 

In der alten persischen Folklore tauchen in den Parabeln und kurzen  Geschichten viele Allegorien auf, die die  Veränderungen in der Natur und die Veränderungen im Menschen symbolisieren.   Es handelt sich bei diesen Erzählungen um mündliche Volksliteratur, die von einer Generation  an die nächste übertagen wurde, bis sie uns in der heutigen Form erreichte. Viele Literaturkenner  bezeichnen die iranische Figur des  Amu Nouruz  (den Onkel Nouruz), der  in den alten Erzählungen des Volksmundes vorkommt, als eine allegorische Gestalt für   den herannahenden Frühling.  Unterdessen verkörpert Nane Sarma (Mütterchen Kälte) den Winter.

Wenn Naneh Sarma  geht, nimmt sie die Kälte des Winters mit, aber vorher bereitet sie alles für  Amu Nouruz und das Eintreffen des Frühlings vor.   Die beiden Figuren Amu Nouruz und Naneh Sarma symbolisieren also in den alten iranischen Geschichten und der mündlichen Volksliteratur den Wandel in der Natur und die Veränderungen beim Menschen. Naneh Sarma oder Mütterchen Kälte  ist Wahrzeichen für  Stillstand und Winterkälte  und Amu Nouruz Wahrzeichen für  Wachstum und neue Frische. Es gibt viele Nouruz-

geschichten mit Amu Nouruz.  Wir bringen Ihnen nun ein Beispiel.

                                  

Vor langer langer Zeit lebte einmal ein Mann namens Amu Nouruz. Einmal im Jahr kam er vom Berg ins Tal  herunter. Dann  setzte er sich immer einen Filzhut auf und färbte sich das Haar und den Bart  mit Henna . Er trug ein hellblaues Hemd und Sommerschuhe aus Leinen mit dünnen Sohlen (Giweh)  an den Füßen und eine Hose aus Baumwolle.  Den Stock in der Hand wanderte er auf das Stadttor zu . Vor dem Stadttor lag ein kleiner Garten , in dem alle mögliche Obstbäume standen. Die Zweige der Bäumen waren voller Blüten und um dieses Gärtchen herum blühten sieben verschiedene Blumenarten:  Rosen, Narzissen, Veilchen, Lilien, Tulpen , Ringelblumen und Windröschen. Dieses Gärtchen gehörte einer alten Frau.

Die alte Frau liebte den Amu Nouruz  und sie stand am ersten Frühlingstag in aller Frühe auf.

Dann  räumte sie als erstes ihr Bettlager weg und begann Zimmer und Hof zu kehren. Als das Haus schön sauber war breitete sie einen Teppich auf der Hausterasse neben dem schönen Gärtchen und dem Springbrunnen aus. Und dann machte sie sich selber fein. Sie färbte sich das Haar mit Henna und verzierte mit Henna Hände und Füße.  Sie  zog sich eine Bluse aus Termeh-Stoff an und einen roten Rock. Dann steckte sie Räucherstäbchen an und rieb Moschus über Gesicht und Kopf und Haare. Das Kohlenbecken bereitete sie auch vor und  stellte ein kleines Säckchen mit Espand – dem Samen der Steppenraute,  neben sich (um davon später auf die glühende Kohle zu streuen, damit es gut duftet).  Nun brauchte sie nur noch  darauf zu warten,  dass Amu Nouruz kommt.  

Nane Sarma hatte, bevor sie sich fein machte,  ein schönes sauberes Tablett mit den sieben Sin hergerichtet. Auf diesem Tablett stand Sir und Serkeh, Sumach und Sendsched, Sib und Sabzi und Samanu: alles Dinge deren Namen mit dem persischen S beginnen,  und diese Dinge waren Essig, Gewürzsumach, Mehlbeeren, Äpfel,  frische grüne Weizensprossen und Samanu – eine kräftigende Speise aus Weizenkeimen .

Mütterchen Kälte hatte auch auf einem anderen Tablett sieben verschiedene Arten von Trockenfrüchten angerichtet und sie mit den Süßigkeiten und Kaniszuckerstückchen vermischt.  Und sie hatte eine Kerze in einen schönen Kerzenhalter neben das Tablett gestellt.  Alles war darauf vorbereitet, dass Onkel Nouruz kommt.

 

                                   

Mütterchen Kälte  saß also auf ihrem Teppich, neben dem Springbrunnen auf der Terasse vor ihrem Haus und  wartete und wartete. Von den vielen Vorbereitungen war sie richtig müde geworden  und allmählich fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein.  Sie schlief so fest ein,  dass man sie schnarchen hörte.  Aber da kam plötzlich Amu Nouruz herbei. Als er die alte Frau schlafen sah, brachte er es nicht übers Herz sie zu wecken.  Er setzte sich neben sie und legte ihr  eine Ringelblume, die er im Gärtchen gepflückt hatte, auf den Rock. Dann nahm er eine Pomeranze, halbierte sie und aß eine kleine Scheibe davon zusammen mit einem Zuckerwürfel und etwas Wasser.

Danach stand Amu Nourzu wieder auf und ging.

                           

Langsam begann die Sonne zu scheinen und da wachte die alte Frau auf. Erst merkte sie nichts , aber als sie dann richtig die Augen geöffnet hatte, sah sie die Ringelblume auf ihrem Rock und die halbierte Pomeranze. Da wusste sie, dass Amu Nouruz da gewesen und wieder weggegangen war,  und dass er es nicht übers Herz gebracht hatte, sie zu wecken.

Nane Sarma machte sich Vorwürfe:  

Ach, sie hatte sich soviel Mühe gemacht und alles vorbereitet! Aber dann hatte sie nicht achtgegeben und genau in der Stunde, in der sie hätte wach sein müssen, hatte sie geschlafen und so hatte sie es verpasst  Amu Nouruz zu sehen.

Nane Sarma begann,  diesem und jenem von ihrem Kummer zu erzählen und fragte, was sie bloß machen soll. Bis ihr schließlich jemand sagte: „Da hilft nichts anderes, als dass du wartest bis das Jahr abgelaufen ist und alle Jahreszeiten vorüber sind. Wenn dann der Winter zu Ende ist , der Frühlingswind weht und Amu Nouruz sich erneut zu Frühlingsbeginn auf den Weg ins Tal macht, kannst du ihn vielleicht sehen! „  Das alte Mütterchen meinte daraufhin: „Nun gut!  Das werde ich tun.“

Aber niemand weiß, ob sich  Amu Nouruz und Nane Sarma im nächsten Jahr gesehen haben oder nicht. Einige meinen sogar, dass die Welt zu Ende geht, wenn die beiden sich sehen. Sie sagen, weil die Welt noch nicht zu Ende ist, kann es also nicht sein, dass sie sich gesehen haben.

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