Samstag, 17 Dezember 2011 08:50

So wird gesagt Teil 99

Als erstes setzen wir die Geschichte aus dem Mathnawi von Molavi fort. Sie erinnern sich: Einst regierte in Bagdad ein Sultan, der für seine Gerechtigkeit und Freigebigkeit bekannt war.
Unterdessen führten ein Mann und seine Frau in einem entlegenen Ort ein Leben in Not und Entbehrung. Die Frau, deren Geduld zu Ende war, beklagte sich bei ihrem Mann. Dieser rief sie auf, genügsam zu sein, aber da begann seine Frau zu weinen. Da hatte der Mann Mitleid mit ihr und sagte: „Du hast ja recht. Ich habe auch alle diese Jahre die Armut ertragen, doch weiß ich nicht, was ich gegen sie tun kann!“

Da schlug ihm die Frau vor, dass er zu dem großzügigen Sultan nach Bagdad geht und in um Hilfe bittet.

Der Mann fragte: „Unter welchem Vorwand kann ich bei ihm vorsprechen.“ Die Frau aber sagte: „Ich habe mir schon etwas überlegt, damit du nicht mit leeren Händen den Palast betreten musst. Bring dem Sultan etwas von dem Regenwasser, das wir in unserem großen Krug gesammelt haben und sag ihm, dass wir außer diesem Wasser nichts besitzen und in der Steppe leben und es in der Steppe keinen größeren Segen gibt als Regenwasser.“

Der Mann fand die Idee gut. Sie hatten ja wirklich nichts anderes als Geschenk für den Sultan. So stand die Frau auf, füllte Regenwasser in einen kleineren Krug ab, verschloss die Krugöffnung, hüllte das Gefäß in einen Stoff und gab es ihrem Mann mit auf den Weg, mit der Empfehlung: „Mach du dich jetzt im Namen Gottes auf den Weg. Und ich werde beten, dass du dort heil ankommst und diesen Krug dem Sultan überreichen kannst.“

Der Mann nahm den Krug und machte sich auf den Weg. Während er unablässig betete gab er gut acht, dass das Gefäß mit dem Regenwasser ihm nicht aus der Hand rutscht oder dass Wegediebe ihn überfallen. Schließlich gelangte er nach mühevoller Reise und während auch seine Frau zu Hause für ihn betete, zum Palasthof des Sultans. Er kam nicht aus dem Staunen über die Pracht des Palastes. Der Beduine ging zu den Palastwächtern und sagte: „Ich komme von weither und habe das beste Geschenk für den Sultan aus den weit entfernten Steppen gebracht. Ich bin in der Hoffnung gekommen, dass der Sultan mir eine Huld erweist, damit ich mich aus meiner Armut befreie. Ich werde bis ans Lebensende für ihn beten.“

Die Palastwächter hatten sofort, nachdem sie den Beduinen mit seinem Krug gesehen hatten, begriffen, dass er dem Sultan als Geschenk Wasser brachte.

Sie nahmen freundlich den Krug entgegen, brachten ihn dem Sultan und berichteten von dem Mann.

Der Sultan dachte ein wenig nach. Dann sagte er, man solle den Krug mit Goldmünzen füllen und ihm zurückgeben. Außerdem gab er Anweisung, dass sie ihn auf einem Boot über den Tigris wieder zurückbringen sollten. Der Mann nahm den Krug und bestieg das Boot. Als er den Tigris sah, wurde ihm klar, dass es in der Nähe des Sultans so viel Süßwasser gab. Da schämte er sich wegen seines geringfügigen Geschenkes und war von der großzügige Belohnung des Sultans für dieses minderwertige Geschenk beeindruckt.

Molavi will, dass wir aus dieser Geschichte lernen, und zwar, dass der Sultan aller Weltbewohner, Gott der Höchsterhabene, jedes gutes Werk, das wir tun, und wenn es noch so geringfügig ist, reichlich belohnt, wenn wir es mit ehrlicher Absicht tun, um Ihm näher zu kommen.

Unser dieswöchiges Sprichwort lautet: Kasseh tschi konam, dast gerefteh.

Ein Mann hatte einen zuverlässigen Diener. Was er auch sagte, führte der junge Mann durch. Dennoch war der Diener immer besorgt, dass er etwas tun könnte, was seinem Herrn missfällt.

Eines Tages rief ihn sein Herr herbei und sagte:

„Ich möchte, dass du mir heute auf dem Markt einen Eintopf kaufst. Nimm diese Porzellanschüssel und geh.“

Der Diener versprach dies zu tun, nahm sich die Schüssel und verließ dass Haus. Die Porzellanschüssel war ein kostbares Gefäß. Deshalb presste er es mit beiden Händen an die Brust. Er wollte nicht, dass das teure Stück ihm aus der Hand gleitet und zu Boden fällt.

Wie er so durch die leeren Sträßchen marschierte und in Gedanken vertieft war, hörte er plötzlich in der Nähe einen streunenden Hund bellen. Er erschreckte sich und fing an zu laufen. Plötzlich tauchte der Hund hinter ihm auf und begann ihm nachzurennen. Der Hund wollte dem Diener gar nichts antun und lief mehr oder weniger aus Spaß hinter dem jungen Mann her. Aber der arme Diener hatte wirklich Angst, rannte weiter und schaute in Abständen hinter sich um zu sehen, ob der Hund ihm wohl noch immer folgte. So stolperte er schließlich, stürzte, und die schöne Porzellanschüssel fiel zu Boden und zerbrach. Der Hund aber, der den jungen Mann auf dem Boden liegen sah, blieb stehen und trollte sich.

Der junge Diener war ganz verzweifelt über den Anblick der Scherben und rief nur noch: „O Gott, was nun? O Gott, was nun!“ Dabei schlug er ständig die Hände über dem Kopf zusammen.

Er war ganz verzweifelt und fürchtete sich vor der Strafe seines Herrn. Wie gelähmt hockte er am Boden. Wer an ihm vorbeikam fragte: „Was ist los?“ Er antwortete: Bebin digar tschi schodeh, kasseh tschini Arbab schekasteh, hala tschi konam. „Sieh doch nur was passiert ist, die Schüssel meines Herrn ist dahin! Was soll ich nun tun?“

Der Mann, der seinen Diener auf den Markt geschickt hatte, wartete vergeblich auf ihn. Besorgt machte er sich auf den Weg zum Markt und ging zu dem Geschäft, wo Eintopf verkauft wurde. Aber von seinem Diener keine Spur! Er fragte den Eintopf-Verkäufer: „Hat mein Diener keinen Eintopf bei dir gekauft?“ Und beschrieb ihm, wie sein Diener aussieht.

Der Eintopf-Verkäufer aber sagte: „Heute sind so viele Leute gekommen und haben Eintopf bei mir gekauft, aber darunter gab es keinen der so aussieht, wie du sagst. Vielleicht ist er woanders hingegangen?!“

Der Mann kehrte um und fragte unterwegs jeden nach seinem Diener. Einer seiner Nachbarn meinte: „Wo hast du ihn denn hingeschickt?!“

„Ach er ist mit einer Porzellanschüssel zum Markt um Eintopf zu kaufen!“

Da sagte sein Nachbar: „Na so etwas! Nicht dass es dieser junge Mann war, den ich gesehen habe!“

„Welcher junge Mann denn?“

„Ach, da sitzt in einer der Gassen sitzt ein junger Mann in einem Winkel und ist am heulen. Er schlägt verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen und ruft immer wieder: „O Gott was soll ich bloß machen. Kasseh tschi konam, dastesch gerefteh. Er ruft die ganze Zeit was soll ich nur mit der Schüssel machen!“

Das Sprichwort Kasseh Tschi konam, be dast gerefteh – bedeutet wörtlich „ Er hat die Worte `Was soll ich mit der Schüssel machen?` in der Hand“ ist eine Redewendung, die man gebraucht, um den Zustand eines Menschen zu beschreiben, der so sehr in Schwierigkeiten steckt, dass es keinen Ausweg mehr für ihn zu geben scheint.

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