Der Mann hörte seine Frau zum ersten Mal klagen. Er wunderte sich darüber. Aber seine Frau rief: „Worüber wunderst du dich! Hab ich nicht recht?! Jahrelang habe ich mich nicht über unsere Armut beklagt, aber nun kann ich sie nicht mehr ertragen. Niemand kommt uns mehr besuchen. Alle scheinen uns vergessen zu haben, weil wir so arm sind!“
Der Mann aber war genügsam und so sprach er zu seiner Frau darüber, wie flüchtig das Leben ist und dass der Mensch bescheiden und Gott dankbar sein muss.
Er sagte ihr: „Warum bist du undankbar! Auf den weltlichen Besitz ist doch kein Verlass! Glaubst du die Leute, die viel besitzen, sind glücklicher?!
Die Welt ist für die Schlechten ein Paradies und für die Guten ein Gefängnis! Du warst doch nie undankbar. Was ist los mit dir, dass du nun so redest? Jahrelang hast du dich mit diesem Leben zufriedengegeben!“
Seine Frau ließ ihn ausreden, sagte dann jedoch: „Ach, was verlange ich denn vor dir?! Ich möchte nur, dass es uns ein wenig besser geht. Habe ich gesagt, ich will einen Palast und eine Schatzkammer mit Gold und Silber? All die Jahre habe ich ausgeharrt und auf eine bessere Zukunft gehofft. Aber nun sehe ich, dass alle Hoffnung umsonst war. Du hast in dieser Zeit nichts unternommen, damit es uns besser geht!“
Der Mann sagte: „Bitte sei nicht ungerecht!“
Aber da brach seine Frau in Tränen aus.
Der Mann schwieg und schaute bekümmert auf seine weinende Frau. Schließlich sagte er zu ihr: „Du hast ja recht. Wir sind sehr arm. Aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich doch etwas in all diesen Jahren dagegen getan, oder?“
Die Frau schöpfte Hoffnung. Sie sagte: „Aber ich weiß, was du tun kannst. Du solltest nach Bagdad gehen. Ich habe gehört, dass es dort einen sehr gerechten Sultan gibt. Geh zu ihm und sprich mit ihm. Er soll sehr großmütig sein und keine Bitte zurückweisen. Er wird dir bestimmt helfen und wir werden aus dieser Not befreit werden.“
Der Mann fragte zweifelnd, unter welchem Vorwand er denn beim Sultan vorsprechen soll.
Die Frau sagte: „Ach das ist doch kein Problem! Ich habe schon eine Idee! Du kannst unter dem Vorwand, dem Sultan ein Geschenk bringen zu wollen, vorsprechen. Du brauchst nicht mit leeren Händen hinzugehen!“
Die Fortsetzung dieser Geschichte aus dem Mathnawi von Molavi können Sie beim nächsten Mal hören. Nun aber ist die Reihe an unserem Sprichwort:
Das Sprichwort von heute heißt
Oftadegi Amus agar Talab Feysi, har ges nachorad ab zamini keh boland ast.
Unter den iranischen Volkshelden – den Pahlavans - gab es einen, mit dem sich keiner messen konnte. Er hieß Puryaye Vali und war sehr berühmt. Puryaye Vali hatte alle anderen Ringern, die bisher gegen ihn angetreten waren, zu Boden werfen können, die alterfahrenen und die jungen.
An jenem Tag war ein starker Ringkämpfer aus Indien in die Stadt gekommen und allen fürchteten, er könnte Puryaye Vali besiegen. Auch Puryaye Vali hegte eine solche Befürchtung, aber er teilte sie keinem mit.
Pahlavan Puryaye Vali war zum Gebet in die Moschee gegangen. In dem Frauenteil der Moschee, der wie üblich mit einem Vorhang abgedeckt war, hörte er wie das alte Mütterchen des indischen Pahlavans betete. Die alte Frau flehte: „O Gott, lass meinen Sohn über Pahalvan Puryaye Vali siegen!“
Da rührte das Gebet des alten Mütterchen Puryaye Vali sehr ans Herz und sein Herz begann zu beben.
Puryaye Vali hatte das Gebet verrichtet und die Moschee verlassen. Das Gebet des Mütterchen ließ ihn nicht mehr los. Er war nicht mehr der alte Puryaye Vali und fühlte sich ganz verändert: Der Pahlavan rang innerlich mit sich selber. Ihm tat das Mütterchen leid. Auf der einen Seite wollte er den indischen Ringer besiegen , damit die Leute in der Stadt sich freuen, aber auf der anderen Seite wollte er nicht, dass das Herz der alten Frau bricht.
Der Tag des Wettkampfes war angebrochen. Alle hatten sich auf dem großen Stadtplatz versammelt. Überall hatte man zu diesem Anlass Rosenwasser versprengt und während die Bürger der Stadt Segensgrüße an den Propheten ausriefen, traten schließlich die beiden Ringhelden zum Kampf an. Der indische Pahlavan eröffnete seinen Angriff, doch Puryaye Vali wehrte ihn problemlos ab. Die Menschenmenge jubelte erfreut. Da aber erblickte Pahlavan Puryaye Vali das Gesicht der alten Frau in der Menschenmenge. Purjaye Vali schloss die Augen, damit er ihre Blicke nicht sieht und nur den Jubel der Leute hört. Er fühlte sich wieder wie der Ringer, den alle wegen seiner großen Kräfte kannten.
Purjaye Vali umklammerte den indischen Helden und warf ihn zu Boden. Wieder stieg der Jubel der Stadtbewohner zum Himmel: Unser Pahlavan hat gesiegt! Er hat ihn zu Boden geworfen!
Aber da sahen sie dass Purjaye Vali plötzlich selber zu Boden fiel.
Er hatte also doch nicht den Ringkampf zu Ende geführt und lag nun wie geschlagen auf dem Boden. Alle ahnten, dass es nicht der indische Ringer war, der ihn zu Boden geworfen hatte und dass Pahlavan Vali sich selber zu Boden geworfen hatte. Sie wussten aber nicht, dass er das Herz der alten Frau nicht brechen und ihr eine Freude bereiten wollte. Und es heißt das Puryaye Vali noch sagte:
Oftadegi Amus agar Talab Feysi, har ges nachorad ab zamini keh boland ast.
Und das ist das iranische Sprichwort, das wir heute erklärten. Es soll jemanden mahnen, der sich im Umgang mit anderen und bei Problemen unbescheiden und hochmütig verhält und lautet:
„Erlerne Selbstbescheidung wenn du Gnade und Segen suchst, denn eine Erde, die höher liegt, wird niemals von der Quelle Wasser erhalten.“



