Der junge Recke war bei den Bani Tai von einem sehr freundlichen Jüngling aufgenommen worden, der ihn beeindruckend gastfreundlich behandelt hatte. Als er sich am nächsten Tag für die Gastfreundlichkeit bedankte, sagte er beim Abschied: „Ich habe einen wichtigen Auftrag und muss sich beeilen.“
Dann überlegte er: Vielleicht kann mir dieser junge freundliche Mann helfen. Er scheint mir auch sehr klug zu sein. Und so fragte er ihn: „Kennst du jemanden namens Hatim Tai`?Er soll sehr großmütig sein. Der Befehlshaber von Jemen will seinen Kopf. Hör! Vollende deine Gastfreundschaft und sag mir wo er ist. Damit wirst du mir einen unvergesslichen Dienst erweisen.“
Da lachte der Jüngling und stellt sich vor: „Ich bin Hatim Tai. Tu was dir befohlen ist.“
Fassungslos starrte der Recke den Jüngling an und wusste nicht was er sagen sollte. Wie konnte es sein, dass dieser Mann ihn um die eigene Enthauptung bittet!
Der Jüngling aber sagt: „Beeile dich und verlier keine Zeit. Schlag mir den Kopf ab. Denn wenn es hell geworden ist und die anderen merken, was du vorhast, könnten sie dir etwas antun und dann kannst du deinen Auftrag nicht mehr durchführen!
Der Recke dachte: „Wie ist es möglich, dass ein Mensch so großmütig ist, dass er sogar seinen Kopf für seinen Gast hergibt!“
Hatim aber war niedergekniet und hatte den Kopf auf den Boden gelegt. Da sank auch der Recke auf die Knie. Er küsste dem Hatim Hände und Füße und schleuderte sein Schwert von sich.
Hatim sagte: „Warum tust du das, mein Held? Warum kniest du nieder. Steh auf. Verzögere nichts. Hast du deinen Auftrag vergessen?“
Aber der Recke rief gerührt: „Wie kann ich dir etwas antun?! Das verstößt gegen jede Regel des Anstands!“
Er stand auf, umarmte Hatim und küsste ihm die Augen. Dann verabschiedete er sich und kehrte nach Jemen zurück. Der Befehlshaber von Jemen aber wartete schon ungeduldig auf ihn.
Der Recke trat etwas besorgt, aber dennoch festen Schrittes vor. Als der Befehlshaber merkte, dass dieser Mann nicht seine Mission durchgeführt hatte, forderte er Berichterstattung.
Der Recke berichtete, wie er unversehrt zum Stamm der Tais gelangen konnte. Dann erzählte er: „ Hatim Tai habe ich schnell gefunden, aber ich konnte ihn nicht töten. Er ist ein weiser junger Mann und sehr beliebt. Er ist der anständigste Mensch den es gibt.
Ich wollte ihn töten, aber er hat mich mit dem Schwert des Guten und seiner Tugend besiegt.“
Dann erzählte er alle Einzelheiten über die Gastfreundschaft und die Größe des Hatim Tai.
Der Befehlshaber von Jemen hörte zu und senkte schließlich beschämt den Kopf. Er fühlte plötzlich überhaupt keinen Hass mehr auf Hatim Tai. Dieser Hatim Tai war wirklich ein großartiger Mensch, und so sagte er nach einem kurzen nachdenklich Schweigen: In der Tat. Hatim Tai verdient es „großzügig“ genannt zu werden.
Nach dieser Geschichte aus dem Bustan von Saadi wenden wir uns dem Sprichwort von heute zu. Es lautet: Pul-e dud-e Kabab, Sedaje Seke ast.
Hier nun die Erklärung:
Ein Derwisch war auf den Bazaar gegangen. Es war Mittag und er verspürte Hunger. Es verlangte ihn nach einem guten Essen. Da holte er einen Brotfladen hervor. Er nahm sich einen Bissen davon. Aber das Brot wollte ihm nicht so recht schmecken. Da stieg ihm der Geruch von geröstetem Hackfleisch in die Nase. Er ging in die Richtung aus der der gute Duft kam.
Der Derwisch blieb vor dem Laden stehen, wo es Fleischspieße gab. Er sah wie einige saßen und Brot mit geröstetem Hackfleisch genossen. Der Rauch von dem Feuer, über dem die Fleißspieße angebraten wurden, schlug dem hungrigen Mann ins Gesicht. Da hatte er plötzlich eine Idee. Er ging ein paar Schritte vor und hielt seinen Brotfladen in den Rauch hinein, damit es ein wenig von dem Duft des gerösteten Fleisches aufnimmt.
Dann biss er in sein Brot hinein und hatte ein wenig das Gefühl er wäre gerade beim Kebab-Essen. Nun schmeckte ihm das Brot viel besser. Da spürte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter: „He! Was machst du denn da?!“
Der Bettler sagte: „Das siehst du doch. Ich esse Brot mit Kebabrauch.“
„Wer hat dir das erlaubt?“
Der Derwisch: „Muss ich dafür eine Erlaubnis haben?! Der Rauch geht doch in die Luft und ich gebe meinem Brot nur einen besseren Geschmack damit!“
Der Besitzer des Kebab-Ladens sagte: „Das darfst du aber nicht! Ich schufte mich hier ab und du willst ganz umsonst Brot mit Kebab essen!“
- „Was redest du da! Das ist mein Brot und ich esse Brot mit Kebabrauch. Der Rauch ist nicht in deinem Laden. Er ist in der Luft!“
- „Nein! Mein Lieber! Entweder bezahlst du das Kebab oder ich bring dich vor den Richter!“
Der Derwisch: „Du kannst mich ruhig verklagen! Willst du mir Angst machen? Wenn ich Geld hätte, würde ich doch Kebab essen und nicht Kebabrauch.“
Der Kebabverkäufer brachte den Derwisch vor den Richter. Sie berichteten beide von dem was geschehen war. Der Richter dachte eine Zeitlang nach. Dann sagte er zu dem Kebabverkäufer:
„Möchtest du nicht auf dein Recht verzichten?“
Der aber meinte: „Warum denn das! Dieser Mann hat Kebab gegessen! Das muss er bezahlen!“
Der Richter wandte sich daraufhin an den Derwisch: „Und du?! Bist du bereit, diesem Mann das Geld für die Fleischspieße zu zahlen?“
„Ach, für welche Fleischspieße denn?“ fragte der Derwisch. Der Richter wieder:
„Nun für die Fleischspieße, die du mit Brot gegessen hast. Hast du überhaupt Geld?“
Der Bettler sagte: „Ich habe drei Münzen. Das ist alles, was ich besitze.“
Der Richter: „Gut, dann gib sie mir.“
Zögernd und besorgt gab ihm der Derwisch die drei Münzen. Der Richter nahm die Münzen warf sie auf den Boden und sagte zu dem Kebabverkäufer: „Nimm dir die Bezahlung für den Rauch des Kebabs.“
Der Kebabverkäufer wollte sich bücken und die drei Münzen aufheben, als der Richter schnell sagte:
„Die Bezahlung für den Rauch von Kebab sind aber keine Münzen, die Bezahlung für Kebabrauch ist das Scheppern der Münzen.“ Dann nahm er zum Erstaunen des Kebabverkäufers die Münzen wieder vom Boden auf und gab sie dem Derwisch zurück.
Er sagte abschließend: Der Fall ist erledigt. Dieser Mann hier hat für den Kebab-Rauch bezahlt: Pule Dude Kebab, Sedaje Seke ast.
„Der Rauch von Kebab ist mit Münzenscheppern zu zahlen“.
Dieses Sprichwort wird dann verwendet, wenn jemand ein Geld für eine Arbeit oder eine Ware verlangt, die er nicht geleistet bzw. die er nicht ausgehändigt hat.



