Dabei fällt auch in die Novemberzeit so manch ein feierlicher Termin: Allerheiligen und Allerseelen, der Geburtstag von Martin Luther (ein in Hörerkollege Dieter Sommers Heimat Lutherstadt-Eisleben ganz groß gefeiertes Volksfest), und der bei den Martinsgänserichen und -gänsen auf dem ganzen europäischen Kontinent so schlecht angeschriebene und gefürchtete elfte November, der Martinstag. Später gibt es dann noch den Volkstrauertag und den Buß- und Bettag, und dem Toten- bzw. Ewigkeitssonntag folgt dann auch schon bald der erste Advent.
Trotzdem genügt dies alles offenbar nicht, um die Grillen bei Hinz und Kunz zu vertreiben und die Stimmung bleibend aufzuhellen. Was halten Sie also von einem letzten Versuch, die Lage zu retten, meine Damen und Herren?
Jawohl! Ein letzter Wurf: Der Hörerstammtisch!
Sie sehen es schon: Man kommt wieder mal nicht um den IRIB-Hörerstammtisch herum!
Na, dann soll er mal hergeben, was er hergeben kann. Nur hereinspaziert!
Hallo!
Da wär‘ er auch schon – der letzte Regenanbeter in durchweichtem Cape und erdverschmierten Stiefeln, der eben seinen Rest an Durchstehvermögen an den Nagel hängt und durch und durch verfroren hinüber an den warmen Ofen neben dem Hörerstammtisch schleicht.
Die roten Hände und Gesichter erstaunen nicht, und die tropfenden Regenschirme auch nicht. So kommt heute fast jeder daher. Das ist eben Hörertreff im November! Sie werden einfach zusammengeklappt, die Schirme, und in den Schirmständer gestopft. Und dann begrüßt man sich mit dampfenden Mündern und ein bißchen rauher Kehle, setzt die Mütze ab und zieht die Handschuhe aus und schüttelt sich warm die Hände.
Salü Volker! Na, hallo, auch wieder dabei?
„Jaja! Wie schnell doch das Jahr vergeht. Es scheint mir, als wäre es gestern gewesen, daß wir Neujahr gefeiert haben. Nun haben wir schon wieder Herbst, und der Winter steht auch bald vor der Tür.
Doch man muß die Tage genießen, wie sie kommen! Und schöne Tage hat auch der Herbst bereit mit seinen bunten Bäumen und den oft angenehmen Temperaturen.
Doch langsam meldet sich die kalte Jahreszeit, es wird naßkalt und damit auch ungemütlich. Andererseits hat man da wieder ein bißchen mehr Zeit Radio zu hören und natürlich auch IRIB...
Um bei IRIB zu bleiben: Heute habe ich wieder zehn Empfangsberichte für Euch, dieses Mal die Nummern 1441 bis 1450.
Ich hoffe, ich schaffe es noch in diesem Jahr, meinen 1500. Empfangsbericht zu erstellen. Eigentlich sind es noch viel mehr, die ich habe, denn ich habe ja schon 1971 begonnen Radio Teheran zu hören. Und wenn ich daher die Berichte vor der Zeit, in der ich angefangen habe, die Berichte zu numerieren, dazuzählen würde, nun, dann wären es schon mit Sicherheit über 2000.
Hier nun die neuen zehn Empfangsprotokolle. Über eine QSL-Bestätigung würde ich mich wieder freuen. Beste Grüße nach Teheran und alles Gute!
Volker Willschrey, Dillingen.“
Ja, die vorwinterliche Jahreszeit, die nun auch in unseren Breiten begonnen hat, ist eine Zeit, in der sich das Leben ein wenig mehr als vorher nach innen kehrt – sowohl im äußerlichen Sinn des Wortes als auch im übertragenen. Das Leben spielt sich jetzt wieder vornehmlich drinnen ab; während der Freizeit wird wieder öfter in die Ferne gesehen, im Internet herumspaziert, gehandarbeitet, gewerkt, in einem Buch geschmökert oder – wie Volker Willschrey schon sagt – lokal und weltweit Radio gehört.
Verschiedene religiöse Anlässe geben zusätzlich öfters einen Anstoß, den Verstorbenen auf den Friedhöfen einen Besuch abzustatten und auf ihren Gräbern ein immergrünes Gesteck abzulegen oder eine brennende Laterne abzustellen als Zeichen des Glaubens an die Ewigkeit, der Hoffnung auf eine selige Einkehr und ein glückliches Wiedersehen in der anderen Welt. Dazu gehören die besinnlichen Stunden innerer Einkehr im Gebet, für die in diesen Tagen Gelegenheit genug ist – auch bei uns im islamischen Raum.
Doch Leute: Daß es in den Stunden der Besinnung und des In-sich-Gehens nicht notwendigerweise auch immer trübselig und schwermütig zuzugehen braucht, sieht man am Beispiel des Hadsch-Zeremoniells. Vielleicht finden Sie ja in diesen Tagen auch einmal Gelegenheit, einen Blick über den Tellerrand hinaus in dieses muslimische Kapitel der Selbstfindung zu tun.
Dabei kann man feststellen: Die Überzeugung der Anhänger der islamischen Religion, daß Allah der barmherzigste und huldvollste Gott ist, den man sich vorstellen kann, schlägt sich darin nieder, daß – bei allem Schuldbewußtsein und aller Zerknirschtheit, die sich des Hadsch-Pilgers während seiner reumütigen Rückkehr zu sich selbst bemächtigt – , die Stunden und Tage mit ihrem enorm tiefen spirituellen Tiefgang trotzdem in Erleichterung und Freude gipfeln, und zwar am Tag des Opferfestes, des Id-e Qurban.
Das Opferfest – das vielleicht bedeutungsvollste und wichtigste Fest im islamischen Kalenderjahr: Es erinnert an die schwere Opferprobe des Erzvaters Abraham und die Erkenntnis, die er daraus zog: daß das Herz unteilbar ist und nur Ihm, dem alleinigen Herrn, zur Wohnung dienen darf.
Somit ist es ein Fest des neuen Bundes, mit dem das Leben gleichsam noch einmal beginnt; das Fest einer Wiedergeburt, das dem Menschen nach dem Verlust seiner bisherigen Chancen noch einmal eine neue Gelegenheit zur Bewährung gibt.
Der eine oder andere mag sich fragen: Was sind die Dinge, von denen sich der Mensch im Pilgergewand und reuevollen Gemütes so verzweifelt zu befreien sucht? Was mag sich wohl im Laufe des Daseins auf Erden zwischen Schöpfer und Geschöpf geschoben haben, daß die Stimme des Rufers das Herz nicht mehr erreicht?
Doktor Ali Schari’ati, der sein Leben für die Wiedererweckung des Islam im Iran der Schahzeit hingab, indem er auf einer Reise nach England vier Jahre vor der Islamischen Revolution plötzlich spurlos verschwand, notiert in seinem Buch „Abraham im Auf und Ab der Zeiten“ zu diesen Fragen die folgenden Gedanken:
„Nun, Hadschpilger, stehst du da, in Mina, wo Abraham gestanden hat, und bist Abraham und hast deinen Ismail mit zum Altar gebracht.
Wer ist Dein Ismail?
Was beabsichtigst Du zu opfern?
Ist es der Titel, den du hast? dein Ansehen, deine soziale Stellung, dein Beruf?
Oder ist es dein Geld? Haus, Garten, teurer Wagen oder deine Liebe?
Vielleicht auch die Familie? der Rang, deine Leistungen, das künstlerische Geschick, das du hast; dein Heiligenschein?
Kleider, Name, Uniform, Leben, Jugend, Schönheit und Reiz?
Wie könnte ich es wissen...
Du weißt selbst besser, was es ist, das dich in deinem Glauben schwächt;
das, was dich aufhält, wenn du dich aufschwingen willst zum Gehen, und dich bei der Erfüllung deiner Aufgabe durch das Einflüstern von Zweifeln bremst;
das, was dich bindet;
das, was dich festhält;
das, was nicht zuläßt, daß du der Botschaft des Rufers folgst, um dich zur Wahrheit zu bekennen.
Du weißt besser, was dich zum Davonlaufen verleitet;
was dich dazu verführt, Ausreden zu finden und dir stets passende Erklärungen zurechtzulegen, und was es ist, dessen Liebe dich blind und taub macht.
Du bist Abraham, und deine Schwäche gegenüber Ismail macht es dem Satan leicht mit dir...“
Am Montag, dem zehnten Tag des heiligen Hadsch-Monats, ist es soweit: Die Welt feiert das „Qurban-Fest“, das Opferfest – den Sieg Abrahams über seine „ismailische“ Schwäche. Und sie feiert den Sieg all jener Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte später in seine Fußstapfen traten und es ihm gleich taten: sich den Versuchungen und Neigungen und menschlichen Schwächen zum Trotz schließlich dafür entschieden, daß nur Allah, allein und teilhaberlos, Besitz von ihren Herzen nahm.
Religiöse Gefühle liegen den meisten Menschen nicht fern, auch wenn sie solche nicht gern äußern und sie auch nicht notwendigerweise gleich einem konkreten Religionsbekenntnis zuordnen würden. Uninteressant sind die Hintergünde des islamischen Opferfestes daher bestimmt nicht, auch wenn man als Zuhörer Schwierigkeiten haben mag, alles in Gedanken nachzuvollziehen.
Aber eines können Sie davon sicherlich mit nach Hause nehmen: die Erkenntnis, daß die uralte Begebenheit, die ja auch Bibellesern wohlbekannt ist, für die islamische Glaubensgemeinde nach wie vor brandaktuell ist – und wichtig genug, um alljährlich Millionen Muslime zur Hadsch-Pilgerfahrt zusammenzutrommeln und sie das abrahamitische Ritual Mann für Mann und Frau für Frau neu durchleben zu lassen, jeder nach seinem Verständnis und seinem Vermögen, jeder für sich selbst.
Paul Gager in Deutschkreutz hat auf seinem unterhaltsamen Weg zum 2000. Empfangsbericht inzwischen die Wintersachen heraus holen müssen; bei der Kälte, die sich ja schon Anfang Oktober in ganz Österreich und somit auch im Burgenland breit gemacht hat, und den erhöhten Heizkosten wäre es ihm sonst sicherlich nicht möglich, noch weiter vor seinem Radiochen am Tisch auszuharren, um die restlichen RRs zu schreiben.
O je! Zwischendurch sind ja bei unseren QSL-Bestätigungen dummerweise 74 Berichte vergessen worden!
Na, diesen Lapsus wird meine neue Mitstreiterin Parissa schnell ausbügeln. Und die neun Augustberichte, die nebst Zeitungsausschnitten und allerlei anderen Beilagen zum Lesen, zum Stirnrunzeln und zum Schmunzeln mit der Briefpost über Berlin gekommen sind, zählen wir dann auch gleich noch dazu. Wir werden‘s doch hinkriegen, daß wir auf einen gemeinsamen Nenner kommen, oder nicht!
In Saalfelen am Steinernen Meer ist Heiko Mandel zu Hause. Und Heiko muß sagen, mit seinem alten Siemens RK 651 hört es sich angenehm: keine Interferenzen, keine Nebenräusche, mittlerer Signalschwund, starkes Signal.
Interessant ist heute einmal der Brief, mit dem sich Heiko zu Worte melden möchte. Wenn ich Sie dazu jetzt noch einmal um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte?
Also:
„Saalfelden, am 11. September
Liebe Deutschredaktion der Stimmer der Islamischen Republik Iran,
wie fast jeden Tag habe ich auch heute wieder Eure Abendsendung mitverfolgt. Ein Beitrag in der Sendung erweckte in mir allerdings Unwohlsein, und zwar der Beitrag über das neue Kernkraftwerk in Buschehr.
Zum einen glaube ich der Islamischen Republik, daß dieses Kraftwerk nur rein zur Gewinnung elektrischer Energie genutzt wird. Zum anderen aber ist diese Anlage wie auch alle anderen Kernkraftanlagen auf der Welt grundsätzlich eine neue tödliche Bedrohung für die Menschen im Iran selbst und in einem großen Umkreis um Iran. Vor allem die russischen Erbauer dieser neuen Anlage sollten das bestens wissen seit der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986!
Sie wissen es auch, doch ihre Gier nach Profit geht über das Leben von Menschen und die Zerstörung der Natur. Sie setzen Zeitbomben ins Land, die jederzeit hochgehen können!
So wird es auch geschehen, bzw. ist es vor kurzer Zeit erst wieder geschehen. In Fukushima/Japan zerstörte ein Erdbeben ein Atomkraftwerk. Die Folgen sind die gleichen wie damals in Tschernobyl. Berichtet wird darüber in den deutschen Medien mittlerweile so gut wie gar nicht mehr, obwohl sich die Lage dort bisher keineswegs verbessert hat!
Wie schon 1986 will man dem deutschen Volk die absolute Sicherheit der Kernkraftwerke in Deutschland vorgaukeln. Dabei gab es in deutschen Kernkraftanlagen bereits gefährliche Unfälle.
Im Jahr 2001 zum Beispiel explodierte im AKW Brunsbüttel eine Kühlmittelleitung am Reaktordruckbehälter. Sicherheitsventile schlossen automatisch, Glück gehabt, denn wäre die Explosion etwas näher am Druckbehälter erfolgt, wäre wohl der gesamte Reaktor explodiert...
Der Aufsichtsbehörde wurde dieser sogenannte ‚Störfall‘ lediglich als ‚kleine Leckage‘ gemeldet und erst zwei Monate später aufgedeckt, als die Anlage auf Drängen der Behörde inspiziert wurde. Stellen Sie sich vor: Dieses Wrack wurde trotz einer Explosion und einer fehlenden Kühlmittelleitung unter Volllast weiter betrieben!
Der nächste Super-GAU wird kommen. Wo, kann niemand sagen.
Die Atomkraft ist ein von Menschenhand geschaffenes Teufelswerk, welches absolut unkontrollierbar ist.
Meines Erachtens nach gibt es eine ‚friedliche Nutzung‘ der Atomkraft nicht. Mit jedem erbauten AKW setzt das Land das Leben des eigenen Volkes aufs Spiel.
Grüße aus Saalfelden am Steinernen Meer,
Heiko Mandel.“
Für diesen engagierte und deutliche Stellungnahme danken „Wir und unsere Hörer“ Heiko recht herzlich und hoffen, daß seine Worte die Ohren der zuständigen Verantwortlichen, wo immer sie auch sitzen mögen, erreichen können.
Ob Heikos Landsmann in Neumarkt am Wallersee, Matthias Dicker, über die Nutzung der Atomkraft genauso denkt, wissen wir noch nicht. Er hat uns nämlich heute zum ersten Mal einen Brief geschrieben, und dieser enthält nur einen Empfangsbericht und die Bitte um eine Empfangsbestätigung sowie freundliche Grüße, über die sich die Redaktion im Teheraner Funkhaus ja auch immer freut.
Wenn unser neuer Kontakt mit Matthias Dicker aber erst einmal warm geworden ist, gibt es bestimmt auch längere Post und ein paar Zeilen zum Vorlesen.
A propos neuer Kontakt: Zum Schluß der Sendung darf ich Ihnen auch in Landshut noch einen neuen Hörerbriefschreiber vorstellen. Es ist Michael Bauer. Sein Eindruck vom deutschsprachigen Programm aus Teheran ist, daß es „Professionalität“ beweise. Das telefonische Interview mit dem deutschen Politiker zum Beispiel, das es am 9. September über die türkisch-israelischen Beziehungen gab, war für ihn (also Michael Bauer in Landshut) sehr aufschlußreich, und der Aspekt der Beziehungen von Israel zu Kurdistan war ihm (wie er schreibt) „so nicht bekannt“.
Schön, wieder einmal eine Aufmunterung für das kleine Radiomacherteam!
Nun verbindet „Uns und unsere Hörer“ nach Bayern ein neuer Draht. Meinen Sie, ob daraus im Laufe der Zeit sogar ein „heißer Draht“ werden könnte?
Eine QSL-Karte wird jedenfalls ein erster Schritt in diese Richtung sein. Und sollte es tatsächlich dann auch gelingen – mit den neuen Frequenzen und bei diesem kalten Wetter – warum sollte unsere Hörerschaft in Landshut außer von Gerolf Tschirner zukünftig nicht auch von Michael Bauer fest vertreten sein?
Ade!



