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Freitag, 02 Januar 2015 01:15

Eine kleine, florierende Gründerszene im Iran

Teheran: Junge Iraner beim Arbeiten und Musizieren (Symbolbild) Teheran: Junge Iraner beim Arbeiten und Musizieren (Symbolbild)
Written by:  lavassani
 Kopien von Amazon, YouTube, Google Play: In Iran entwickelt sich eine kleine, florierende Gründerszene. Die internationalen Sanktionen gegen das Land schaffen Raum für eigene Firmen.
(Raniah Salloum)  Mit einer Notlüge hat die Erfolgsgeschichte von Nazanin Daneshvar vor drei Jahren angefangen. Die 30-Jährige wollte in Iran ihr eigenes Unternehmen gründen. Doch die Vorbehalte ihr als junger Frau gegenüber waren groß.

Jedes Mal, wenn sie sich mit möglichen Geschäftspartnern aus traditionellen Handelsfamilien traf, sagten die nur: "Kommen Sie mit Ihrem Manager wieder." Also nahm sie ihren Vater zu den Treffen mit und gab ihn als Chef aus. "Mein Vater hat kurz Hände geschüttelt und sich dann still in die hinterste Reihe gesetzt, während ich meinen Vorschlag präsentiert habe", erzählt Daneshvar heute lachend.

Damit ist es längst vorbei. Die 30-Jährige hat sich in Iran ihren eigenen Namen gemacht als Start-up-Pionierin. Mittlerweile hat Daneshvar 60 Angestellte. Bereits nach wenigen Monaten war ihr Start-up Takhfifan profitabel. Es ist eine iranische Version der Gutschein-Plattform Groupon - Takhfif heißt übersetzt Rabatt. Nebenbei hat sie ein zweites Start-up gegründet, die iranische Version der Empfehlungsplattform Yelp.

In Teheran tut sich etwas: Eine kleine erfolgreiche Gründerszene ist entstanden. Es gibt regelmäßige Branchentreffen, Risikokapitalgeber und mehrere sogenannte Acceleratoren, die Gründer unterstützen. "Als ich anfing, hatte noch keiner das Wort 'Start-up' gehört. Nun sind Start-ups plötzlich Mode", sagt Daneshvar.

Am Know-how fehlt es vielen iranischen Gründern nicht: Sie haben oft langjährige Auslandserfahrung bei Top-Adressen. Daneshvar beispielsweise arbeitete jahrelang in London und Berlin unter anderem in der Start-up-Szene.

Zuhause kommt ihnen Irans junge, techaffine Bevölkerung zugute: 70 Prozent der Iraner, knapp 54 Millionen Menschen, sind unter 35. Kostenloses Wifi gibt es in den Städten in vielen Cafés. Präsident Hassan Rohani will nun auch 3G und 4G ausrollen. Die Start-up-Szene bastelt bereits an mobilen Angeboten.

Zudem helfen den iranischen Start-ups ausgerechnet die strengen Sanktionen im Atomstreit. Denn sie schrecken europäische und amerikanische Unternehmen davon ab, selbst den iranischen Markt zu erobern und legen internationale Zahlmöglichkeiten wie Paypal, Visa und Mastercard lahm. Also füllen findige Iraner die Lücke.

Der "World Startup Report" führte kürzlich Irans drei größte Internetunternehmen auf. Sie alle haben prominente internationale Vorbilder.

  • Digikala ist Irans Amazon. Es wird auf 150 Millionen Dollar geschätzt. Daneben gibt es kleinere iranische Amazon-Varianten wie Albasco und Chare.
  • Apara t ist Irans YouTube und wird zusammen mit Cloob, Irans Facebook, auf 30 Millionen Dollar geschätzt. Viele Iraner sind gleichzeitig auf den einheimischen Plattformen und auf YouTube und Facebook aktiv. Die iranische Internetzensur umgehen sie.
  • Café Bazaar ist Irans Google Play, wo Android-Apps gekauft werden können. Es wird auf 20 Millionen Dollar geschätzt.

Daneben gibt es kleinere iranische Kopien wie ZarinPal, Irans Paypal, oder eSam, Irans Ebay.

Seit kurzem gibt es den ersten ausländischen Investor in Irans Start-up-Szene: Romak. Es will Digikala Konkurrenz machen mit Einkaufsplattformen. Dahinter, berichtete die "Financial Times", stecke ein Joint Venture des deutschen Start-up-Inkubators Rocket Internet und des südafrikanischen Telekommunikationsunternehmen MTN. Doch Rocket Internet schrieb SPIEGEL ONLINE, es sei nicht in Iran aktiv, der Kooperationspartner MTN allerdings schon. Auch Rocket Internet ist wegen der Sanktionen vorsichtig.

"Wir schauen uns internationale Erfolgsgeschichten an und setzen sie in Iran um", beschreibt Daneshvar das Vorgehen der iranischen Start-up-Szene. Kopieren ist nicht einfach - eine gute Idee allein reicht nicht. Die erfolgreiche Umsetzung ist die Herausforderung.

Der "Global Entrepreneurship Index" beschreibt, wie die Chancen in einem Land für Gründer stehen und im jüngsten Bericht hat Iran im Jahresvergleich weltweit den größten Fortschritt verzeichnet. Allerdings hat das Land weiterhin ein eher schlechtes Ranking. Schuld daran sind vor allem der niedrige Grad der Internationalisierung - eine Folge der Sanktionen - und, so der Index, ein geringes Maß an Innovation.

An Irans Start-up-Szene kann man beobachten, was das heißt. "Wenn man die grundlegenden Websites nicht hat, kann man nicht innovativ sein", stimmt die Unternehmerin Daneshvar zu. "Die Sanktionen sind für Irans Start-ups Segen und Fluch zugleich", sagt sie. "Sie schützen uns vor der internationalen Konkurrenz, aber sie verhindern auch Investitionen und Innovation."

(Quelle: spiegel-online.de)

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