Die Zerstörung ist noch immer massiv: In Beit Hanun, Shujaiyya, Khuzaa steht kaum ein unbeschädigtes Haus. Viele Menschen wohnen in Ruinen, in denen manchmal nur noch ein Raum nutzbar ist, und die so aussehen, als könnten sie jeden Moment zusammenfallen.  

Eine Alternative sind nur jene überfüllten Schulen des UN-Hilfsprogramms UNRWA, die noch immer Flüchtlinge beherbergen und in denen daher noch nicht das reguläre Schuljahr beginnen konnte. In anderen Schulen werden drei- oder vierfache Unterrichtsschichten pro Tag gestemmt.

Traumatisierte Zivilbevölkerung

Ein Besuch nach diesem jüngsten Krieg zeigt nicht nur das Ausmaß der Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, sondern auch der tiefen Traumatisierung der Menschen. Auch zwei Monate nach Ende des Krieges können sie an wenig anderes denken als den blanken Horror, den sie durchleben mussten. "Ich wollte mich in Behandlung begeben", sagt mir eine junge Bloggerin in Gaza, "aber mir wurde klar, dass auch die Psychologen traumatisiert sind". Während 51 Tagen gab es keinen sicheren Ort. Menschen mussten ihre Häuser verlassen und wussten nicht, wohin sie fliehen sollten. Viele haben unter den insgesamt über 2.200 Getöteten Verwandte oder Freunde zu beklagen.

Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem hat ein schockierendes Schaubild veröffentlicht: In 72 einzelnen Bombenangriffen wurden jeweils ganze Familien ausgelöscht, insgesamt 547 Menschen. Dieser Krieg hatte eine neue, noch beängstigendere Qualität als jene von 2008/09 und 2012.

Trauriger Schlusspunkt war die Zerstörung von drei hohen Wohntürmen. Nur vom "Italienhaus" steht noch eine mahnende Ruine. "Vielleicht wird das mal wie die Gedächtniskirche in Berlin", meint ein Freund, der in Deutschland studiert hat. Zwei andere Wohntürme, Al-Basha und Al-Thafer 4, wurden komplett von israelischen Raketen zerstört, abgeschossen von F-16 Kampfjets. In Al-Basha, sagt mir ein Fatah-Vertreter, wohnten "ausschließlich unsere Leute". 

Ein anderer Bekannter erzählt mir, dass er von dem bevorstehenden Beschuss Al-Thafers hörte und den Angriff mit seiner Handykamera auf einem Video festgehalten hat. "Wir dachten, einzelne Apartments würden beschossen, da die israelische Armee verkündet hatte, sie vermute dort Hamas-Quartiere." An diesen Orten der Zerstörung sind nun riesige Leerstellen und hohe Schuttberge. Bis zu vier Millionen Tonnen Schutt bleiben zurück. Wie soll der beseitigt werden? Ohne Baumaschinen, ohne Exportmöglichkeit, ohne Platz für Müllkippen. Was angeblich der militärischen "Abschreckung" dienen sollte, ist in jeder Hinsicht kontraproduktiv und erschüttert im wahrsten Sinne die elementaren Grundlagen der Gesellschaft und des Überlebens im Gazastreifen.

Besuch in einem großen Gefängnis

Seit drei Jahren reise ich im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung immer wieder in den Gazastreifen. Die jeweils wenigen Tage oder Stunden fühlen sich an wie ein Besuch im Gefängnis. Ist das eine harte, zu harte Beschreibung? An der Grenze, die den schmalen Küstenstreifen vom Süden Israels trennt, ragt eine hohe Mauer empor, in regelmäßigen Abständen von Aussichtstürmen mit Maschinengewehren gespickt, deren Läufe in das Innere des Gazastreifens gerichtet sind. Die Architektur gleicht einem Hochsicherheitsgefängnis, nicht einer Landesgrenze.

Ein Todesstreifen reichte bis zum jüngsten Krieg mindestens 500 Meter in den Gazastreifen herein, was bis zu 35 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im kleinen Gazastreifen der Nutzung entzog. Dazu kommen die ständige Überwachung aus der Luft und eine Seeblockade. Wer hier als Besucher verweilt, kann schnell Platzangst bekommen. Einige Meilen vor der Küste liegen israelische Kriegsschiffe, welche Waffenschmuggel verhindern sollen, aber fast täglich die kleinen palästinensischen Fischerboote beschießen, wenn sie der jeweils gerade geltenden Seemeilengrenze zu nahe kommen. Nach dem jüngsten Krieg sind es wieder sechs Seemeilen, nicht genug für die Fischer, um diesen einst wichtigen Wirtschaftszweig in Gaza aufrechtzuerhalten, und weniger als ein Drittel der einst im Oslo-Vertrag festgeschriebenen 20 Seemeilen.  

Die Blockade, die spätestens seit Juli 2013 auch von der ägyptischen Militärdiktatur unter Abdel Fattah al-Sissi auf der Seite der kleineren Grenze mit Ägypten rigoros durchgesetzt wird, hat den Gazastreifen in einen kollektiven Sozialfall, in eine menschengemachte humanitäre Krise verwandelt. Kläranlagen fehlen, Abwasser wird teils ins offene Meer geleitet, das Grundwasser versalzt. Der Boden wird unfruchtbar, die Stromversorgung reicht nur für wenige Stunden Elektrizität.

All diese Probleme haben sich nach dem jüngsten Krieg nochmal massiv verschärft. Wenn die Vereinten Nationen noch 2012 prognostizierten, dass schon 2020 der Gazastreifen faktisch unbewohnbar sein könnte, stellt sich die Frage, was das nach diesem jüngsten Krieg heißt. Viele Menschen, insbesondere die jungen, wollen hauptsächlich eins: raus aus dem Gefängnis Gazastreifen. Dafür nehmen sie sogar die lebensgefährliche Flucht mit Schlepperbanden nach Ägypten und dann auf See auf sich, wobei Hunderte bereits ertrunken sind. Wenn dies also ein Gefängnis ist, dann ist es eines mit besonders harschen Bedingungen. Denn in einem Gefängnis funktioniert wenigstens der Strom.

International besteht Einigkeit, dass Kriegsverbrechen auf beiden Seiten untersucht werden müssen. Dazu gehören die israelischen Angriffe, die zu enormen Opfern unter der Zivilbevölkerung und der Zerstörung ziviler Infrastruktur geführt haben. Und dazu gehören auch die Tausenden Raketen, die die Hamas nach Israel abfeuerte, die sich, auch wenn sie wenig Schäden anrichteten und meist vom "Iron Dome" abgefangen werden konnten, gegen israelische Städte richteten und in erster Linie Zivilisten bedrohten. Bisher wurden Amnesty International und Human Rights Watch von der israelischen Regierung an der Einreise gehindert und die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem befürchtet, dass Israel die Aufklärung auch in Zukunft behindern wird.

Auf palästinensischer Seite ist der Versöhnungsprozess zwischen den beiden großen Parteien Hamas und Fatah grundlegend. Ihre Einigung ist eine wichtige Voraussetzung, um die Krise im Gazastreifen und den Stillstand zwischen Israelis und Palästinensern zu überwinden. Eine Perspektive für Gaza wird weder mit militärischen Mitteln gegen die Hamas, noch mit virtuellen, international zugesagten Milliardenbeträgen zu erreichen sein. Eine Lösung, die grundlegend ist für die Sicherheit aller Menschen in Israel und Palästina, wird nur mit Bewegungsfreiheit, ökonomischen Alternativen und echten Entwicklungsperspektiven für die Menschen im Gazastreifen möglich sein.

Dr. René Wildangel ist seit Anfang 2012 Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah, zuständig für die besetzten palästinensischen Gebiete und Jordanien.
(Quelle: www.zeit.de)