Durch Zufall ist Heike Pirngruber in eine landesweite Feierlichkeit geraten © Arshideh Shahangi

Durch Zufall ist Heike Pirngruber in eine landesweite Feierlichkeit geraten © Arshideh Shahangi

Heike Pirngruber ist eigentlich kein ängstlicher Typ. Sie kennt sich in der Welt gut aus. 2013 hat sie sich im Frühjahr in Heidelberg auf den Weg gemacht nach Australien – mit dem Fahrrad. Von Australien hat sie geträumt, seit sie sechs Jahre alt war. Mit 19 Jahren ist sie das erste Mal dort gewesen und seitdem immer wieder, außerdem in über 80 weiteren Ländern – mal allein, mal mit Freunden, mal mit Menschen, die sie auf ihren Reisen traf. Die 42-Jährige ist Weltenbummlerin, Radfahrerin und Fotografin. Vielleicht ist sie rastlos, vor allem aber ist sie neugierig auf die Länder dieser Welt, mit ihren unterschiedlichen Menschen und Kulturen.

Nun stand sie an der Grenze zum Iran und sah auf den Stacheldrahtzaun, der Armenien vom Iran trennt. “Du wirst eine tolle Zeit haben”, sagten die Grenzbeamten freundlich. Pirngruber zögerte. Obwohl ihr viele andere Radreisende berichtet hatten, wie einfach es sei, im Iran zu reisen und ihr von der Gastfreundschaft der Menschen vorgeschwärmt hatten, war sie unsicher. Dennoch reiste sie ein. Zur Vorsicht blieb sie allerdings auf der Hauptstraße – dabei bevorzugt sie auf ihren Radreisen kleine abgelegene Straßen und Pfade.

Inmitten karger brauner Felswände und engen Schluchten radelte sie Richtung Jolfa, einer kleinen Stadt im Norden Irans. Es war kalt. Die Berge waren bereits mit Schnee bedeckt. Nach einer Weile fuhr ein Auto neben ihr, der Fahrer kurbelte die Scheibe herunter und rief ihr zu “Welcome to Iran”.  Später, als sie auf der Straße von drei kläffenden Hunden umlagert wurde, schloss ein Auto zu ihr auf und der Fahrer vertrieb die Hunde. Das war ihr noch nie auf ihren Reisen passiert.

Die Radfahrerin in Esfahan © Heike Pirngruber

Die Radfahrerin in Esfahan © Heike Pirngruber

Iran - Esfahan - Heike Pirngruber - pushbikegirl

Iran: Kashan Aqabozorg Moschee © Heike Pirngruber

Iran: Kashan Aqabozorg Moschee © Heike Pirngruber

In Jolfa traf sie zwei Radfahrer, die sie sofort zu Freunden einluden. Dort legte sie ihre drei Mützen ab, die sie gegen die Kälte statt eines Schleiers trug und die dicke Winterjacke, die sie sich beim Radfahren um die Hüften gebunden hatte, um ihren Körper zu bedecken. An diesem Abend brauchte sie kein Kopftuch. In den folgenden Wochen passte sich Pirngruber immer den Gepflogenheiten ihrer Gastgeber an und hatte auf Grund ihrer Kleidung nie Schwierigkeiten im Iran. An diesem Abend bekochten ihre neuen Bekannten die Radfahrerin und luden sie ein, bei ihnen zu übernachten.

Pirngruber tauchte immer mehr in die iranische Kultur ein. Sie übernachtete bei Iranern, die sie über das weltweite Gastfreundschafts-Netzwerk “Warmshowers” für Tourenradler kannte oder über andere Radfahrer-Netzwerke, von ihnen wurde sie an Freunde weiter gereicht oder wurde von Fremden eingeladen. Wenn sie keine Unterkunft hatte, fragte sie beim Iranischen Roten Halbmond nach, die immer ein Zimmer und ein Bett für Radfahrer haben oder in der Moschee. Auch dort werden Fremde laut Pirngruber stets freundlich aufgenommen.

Unter Männern: Im Iran übernachtete sie beim Iranischen Roten Kreuz © Heike Pirngruber

Unter Männern: Im Iran übernachtete sie beim Iranischen Roten Halbmond © Heike Pirngruber

 

Im Iran schlief sie in einer Moschee auf der abgetrennten Frauenseite © Heike Pirngruber

Im Iran schlief sie in einer Moschee auf der abgetrennten Frauenseite © Heike Pirngruber

Pirngruber spricht kein persisch. Aber sie hat immer einen Zettel in der Landessprache bei sich, der erklärt, wer sie ist, woher sie kommt, dass sie mit dem Rad nach Australien fährt und dass sie beispielsweise eine Unterkunft für die Nacht braucht. Im Iran brauchte sie den Zettel selten.

Dort konnten manche Männer und Frauen nicht glauben, dass sie eine Frau ist. Manchmal wandten Frauen sich von ihr ab, weil sie dachten, sie sei ein Mann. Mit anderen saß sie stundenlang in der Moschee, trank Tee und schwatzte mit ihnen.

“Die Reaktion auf das was ich mache, hing im Iran oft vom Bildungsgrad ab”, sagt Pirngruber. Viele Iraner seien sehr gebildet, auch viele Frauen hätten studiert. Manche konnten auch deshalb Pirngrubers Beweggründe für die Reise verstehen, andere wiederum überhaupt nicht. Das wundert die Radfahrerin nicht. Derlei Reaktionen begegnen ihr überall auf der Welt.

Trotzdem war sie im Iran die Ausnahme, sie war eine Attraktion, ein bunter Vogel. Sie stand immer im Mittelpunkt. Das ist durchaus anstrengend. Jeden Tag beantwortete sie dieselben Fragen und wurde ständig mit und von Fremden fotografiert. Wenn sie Einladungen annahm, bedeutete das oft: Sie redete den ganzen Abend, hörte sich die Familiengeschichten an und blätterte in den Fotoalben der Familie. Geschlafen wurde meist in einem Raum mit vielen Menschen und oftmals erst sehr spät in der Nacht. Das ist interessant, auf Dauer aber anstrengend.

Bei dieser Familie war Heike Pirngruber Gast © Heike Pirngruber

Bei dieser Familie war Heike Pirngruber Gast © Heike Pirngruber

Iran: kurz vor den heiligen Stadt Mashad © Heike Pirngruber

Iran: kurz vor den heiligen Stadt Mashad © Heike Pirngruber

 

 

Heike Pirngruber dokumentiert hier in ihrem Blog “pushbikegirl” regelmäßig mit interessanten Beiträgen und eindrucksvollen Fotos ihre Reise – ein Besuch lohnt sich. Zurzeit ist sie in Vietnam.