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Mittwoch, 24 August 2016 08:41

Mit uns durch Iran-182

Im Namen Gottes. Willkommen zu einer weiteren Folge aus dem Reisejournal "Mit uns durch Iran."

 Letzte Woche besprachen wir die Geschichte Teherans. 1875 ernannte Agha Mohammad Khan Qadjar Teheran zu seiner Hauptstadt. 1795 ließ er sich dort offiziell zum König krönen; fortan galt Teheran als Regierungszentrum. Der Qadjar-König richtete  einen Regierungs- und Verwaltungsapparat ähnlich dem der Safawiden ein; damit verlieh er der mitgenommenen Stadt neues Leben. Mit Aufbau und Entwicklung der Stadt nahm die Einwanderung und die Bevölkerung zu, es wurden neue iranische und europäische Gebäude gebaut und neue Verwaltungs- und Religionsgebäude haben zu großen Änderungen in der Städtestruktur geführt. 85 Jahre nach Eroberung Teherans durch das Qadjar-Heer verloren die Türme, Wall und die Tore von König Tahmasb ihre Bedeutung. Das traditionelle Teheran ließ notwendigerweise die Änderungen über sich ergehen, es nahm neue Gestalt an und die Nasseri-Regierungsstadt wurde gegründet. Darüber sprechen wir heute in unserem Beitrag.

Die Herrschaftszeit von Nasserdin Schah ist bekannt als die Nasseri-Ära; sie gilt als Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs in Iran. Beeinflusst vom industrialisierten Europa und der imperialistischen Politik des Westens schritt Iran in ein neues Zeitalter; die Konsequenzen zeigten sich unmittelbar nach dem Tod Nasseredin Schah in Form der institutionellen Bewegung und anderen Entwicklungen. Die 50-jährige Herrschaftszeit von Nasseredin Schah gilt als Zeit des Fortschritts und der Entwicklung der iranischen Hauptstadt. Leider wurden in dieser Zeit auch sehr wertvolle Werke zerstört. Zu Beginn seiner Herrschaft hatte die Bevölkerung so zugenommen, dass keine weiteren Bauten mehr innerhalb der alten Stadtmauern mehr möglich waren. So schloss man neue Ländereien dem Teheraner Territorium an, es wurden neue Wälle errichtet und neue Gräben gegraben, und so entstand das neue Regierungszentrum Dar-ul Khalafe der Nasseri-Ära.

"Amir Kabir"  ließ neue Anlagen errichten, die Darolfonun Schule, der Amir-Basar, der Schuster-Basar und das Amir-Basar-Viertel. 1826 fertigte der russische Orientalist Berezin eine erste Stadtkarte für Teheran an und druckte sie in St. Petersburg. 1237 im Sonnenkalender fertigte eine Gruppe unter Führung von Eetezad-ul Saltaneh in Zusammenarbeit mit dem Artilleriekommandeur, Lehrer Monsieur Kerschisch (کرشیش)und einigen Schülern der Darulfonun-schule eine zweite Teheran-Karte an. Das ist die erste Teheran-Karte im Verhältnis 1:1000; damals hatte die kartografische Gruppe keine technischen Möglichkeiten zur Verfügung, daher wurden die Distanzen mit Schritten und die Winkel schätzungsweise aufgezeichnet. Dennoch war die Karte bei der Darstellung von Form und Lage der Stadt, Viertel und Tore, sehr erfolgreich.

1867 erstellten französische Wissenschaftler eine neue Karte von Teheran. Neue Gebiete wurden einbezogen und die Stadt wurde von den Gräbern und neuen Türmen in einem Achteck eingegrenzt. Die Stadt erhielt 12 Tore (Darwazeh), wodurch der Verkehr floss: Darwazeh Schemiran, Doulat, Youssef-Abad, Duschan-Tappeh, Doulab, Khorassan, Bagh-Schah, Ghazwin, Gomrok, Hazrat Abdelazim, Ghar und Khani-Abad.

Nach dem tödlichen Terroranschlag gegen Nasseredin Schah bestieg 1895 Mozaffaredin-Schah den Thron. 1905 sah sich Teheran der Konstitutionellen Bewegung gegenüber. Ursachen, Motive und Folgen liegen jedoch nicht im Interesse dieser Sendung. Doch muss gesagt werden, dass bei der Gestaltannahme der Bewegung der Basar und Moscheen in Teheran eine große Rolle spielten.

Teheraner Bürger haben angeführt von Geistlichen nach langen Versammlungen und Demonstrationen in Moscheen schließlich 1906 den Konstitutionserlass von Mozaffaredin-Schah erhalten. Dieser starb nur wenige Monate, nachdem er den Erlass unterschrieb. Am 18. Januar des gleichen Jahres wurde Mohammad-Ali Schah im Golestan-Palast gekrönt. Er akzeptierte die Konstitution nicht und versuchte unter unterschiedlichsten Vorwänden, sie auszuschalten. 1908 rief er die Kosaken und ihre Soldaten zu Hilfe, ließ das Parlament unter Artilleriebeschuss nehmen und tötete einige Abgeordnete, andere ließ er inhaftieren und errichtete damit nochmals die Despotie.

Nach diesen Ereignissen erlebte Teheran durch die politische, wirtschaftliche und soziale Instabilität eher einen Rückschritt. Unter Mohammad-Ali Schah wurden alte und wertvolle Gebäude zerstört oder sie verfielen einfach. Durch die Kriege der Kosaken und der despotischen Kräfte gegen die Freiheitskämpfer wurden bekannte Gebäude wie das Baharestan-Gebäude und die Sepah-Salar-Moschee stark beschädigt.

Die letzten Jahre der Qadjaren gingen mit den Unruhen des ersten Weltkrieges und lokalen Scharmützel sowie Unsicherheit und Hungersnot einher. Die Entwickilung der Stadt war damit gestört. Die Regierungen waren schwach und mit politischen Belangen beschäftigt. So gab es keine sonderlichen Veränderungen in den Städten. 1921 putschte sich Reza-Khan Mirpandj an die Macht. Damit entstand eine neue Situation in Teheran. Das wichtigste Merkmal war, dass sich das Land Richtung eines kapitalistischen Systems und Modernität, die mit Diktatur und Unterdrückung einhergingen, bewegte. Daher setzte sich der Zug Richtung Westen, der von Nasserdin Schah und während der konstitutionellen Bewegung begonnen hatte, nochmals in Bewegung. Entwicklung und Fortschritt wurden fortan als absolute Nachahmung westlicher Länder definiert.

Regierungsapparate wurden ausgebaut; um Teheran entstanden zahlreiche Fabriken. Gleichzeitig wurden die Stadtwälle zerstört, die Gräben gefüllt und die Tore beseitigt. Die Bevölkerung nahm zu; Teheran war gegen Ende der Qadjaren-Zeit die größte Stadt Irans. Die ersten demografischen Studien in Iran fanden 1957 statt. Teheran war mit 1.560.934 Bürgern die bevölkerungsreichste Stadt des Landes.

Die hohen Einnahmen durch den Ölverkauf, der exklusiv dem Gefolge und Anhängern des Pahlawi-Regimes zugesprochen war, hat zu Investitionen in bestimmten Bereichen in Teheran geführt. Der Preis dafür war, dass andere Städte und Dörfer keinen Anteil an dem Reichtum hatten; Teheran erlebte einen unausgewogenen Aufschwung. Alle Möglichkeiten und Jobs waren in dieser Stadt konzentriert, was ihre Attraktivität wiederum erhöhte. Die zügellose Zuwanderung zwischen 1942 und 1977 bescherte der Stadt einen riesigen Zuwachs der Stadtfläche, es entstanden kleine und große Vorstädte und Vororte und Viertel im Süden, Westen und Osten der Stadt, die dann nach und nach zusammenwuchsen. Laut Volkszählung 1977 lebten 4.5 Mio. Menschen in Teheran; sie entwickelte sich zu einer internationalen Mega-Stadt.

Von 1977 bis 1979 nahm die Zuwanderung wieder ungeheure Dimensionen an; das Regime trachtete ungeachtet der katastrophalen kulturellen und sozialen Folgen immer weiter nach neuen Palästen an den Berghängen des Elburz, indem es das Volkseigentum plünderte. Die Probleme stiegen mit der Zeit. 1979 erhob sich das Teheraner Volk gegen das Regime, das dann schließlich stürzte.

Die Zeit nach der Revolution werden wir in der nächsten Woche behandeln. Bis dahin, auf Wiederhören!

 

 


 

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