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Donnerstag, 05 Februar 2015 11:25

Rede des IRH-Vorsitzenden vor dem Hessischen Landtag

Ramazan Kuruyüz Ramazan Kuruyüz
Mündliche Anhörung im Hessischen Landtag zum Thema Islamismus/Salafismus  Rede des IRH-Vorsitzenden Ramazan Kuruyüz bei der mündlichen Anhörung

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,

sehr geehrte Mitglieder des Innenausschusses, des kulturpolitischen Ausschusses und des sozial- und integrationspolitischen Ausschusses,

meine Damen und Herren,

im Namen der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen/IRH bedanke ich mich bei Ihnen recht herzlich für Ihre Einladung auch zur heutigen mündlichen Anhörung.

Bei der heutigen mündlichen Anhörung will ich als Ergänzung zu unserer vorgelegten schriftlichen Stellungnahme nur drei grundsätzliche Aspekte für die möglichen Ursachen bzw. den Nährboden des Extremismus und der Radikalisierung in den Reihen der Muslime und mögliche Lösungsansätze dafür darstellen. Deshalb werde ich heute hier viele weitere  Aspekte, die schon in den Ihnen vorgelegten Stellungnahmen von uns und anderen Institutionen und Religionsgemeinschaften dargestellt wurden, nicht wiederholen.

Ein Staat ist gut und klug beraten, die Erziehung mündiger, selbstbewusster und komplexfreier Bürgerinnen und Bürger zu fördern, die ihre Meinungen frei äußern und auch politische und gesellschaftliche Missstände ohne Angst benennen können. Eingeschüchterte Menschen handeln heuchlerisch und nicht aufrichtig, ausgegrenzte Menschen werden radikalisiert. Beide Erscheinungen sind für einen Staat und eine Gesellschaft schädlich und gefährlich.

Als Islamische Religionsgemeinschaft Hessen verstehen wir uns seit unserer Gründung als Teil der hessischen bzw. deutschen Gesellschaft und setzen uns mit all unseren  Möglichkeiten für das Wohl, den Frieden und die Sicherheit in unserer hessischen und deutschen Heimat ein. Gerade deshalb setzen wir uns auch mit Missständen sowohl in unseren eigenen Reihen hier und der islamischen Welt selbstkritisch als auch mit Missständen in unserem Land Hessen und Deutschland sowie in den anderen Teilen der Welt kritisch auseinander. Wir sind offen und transparent und haben keine Komplexe. Aber vor allem bemühen wir uns zur Lösung und Überwindung der Missstände und Probleme konstruktiv beizutragen.

Nun darf ich Sie herzlich bitten meinen heutigen (selbst-) kritischen Kurzvortrag im Sinne eines konstruktiven Beitrags zu verstehen.

Nährboden/Ursachen des Extremismus unter Muslimen und Lösungsansätze

1. Die westlich-europäische Politik in der islamischen Welt und ihre Auswirkungen auf unser Zusammenleben hierzulande

Seit ca. einem Jahr beschäftigt uns und die ganze Welt der ISIS/Islamischer Staat in Irak und Syrien, neulich genannt IS/Islamischer Staat. Er wird nunmehr von einer internationalen Allianz unter Führung der USA durch militärische Operation bekämpft. Ob das Terrorregime „Islamischer Staat?“ militärisch vernichtet werden kann, ist fraglich. Wenn der IS geht, kommt eine andere Terrororganisation mit einem anderen Namen, so lange der Nährboden und die tatsächlichen Ursachen des Terrorismus nicht mit richtigen Mitteln bekämpft werden. Wir müssen die Tatsache einsehen und zugeben: Mit ihren militärischen Aggressionen nach dem 11. September 2001 gegen den Irak und Afghanistan mit ihren Folgen von Millionen Opfern, mit ihren einseitigen pro-israelischen Parteinahmen im israelisch-palästinensischen Konflikt, ihren falschen Strategien in Syrien und mit ihrer Unterstützung für Diktaturen und mit ihrem doppelmoralischen Demokratieverständnis in der islamischen Welt wie zuletzt in Ägypten haben die USA und die westlich-europäischen Staaten entscheidend dazu beigetragen und sind mitverantwortlich, dass sich Teile der islamischen Welt zu einem Sumpf des Extremismus, des Terrorismus und der Gewalt verwandelt haben.

Wir alle können mehrmals den Terrorismus verurteilen, aber es ist schon die Zeit, dass wir uns nun über die Ursachen und die Folgen des Extremismus und des Terrorismus sowie über die richtigen Methoden zu deren Bekämpfung gründlich und ernsthaft Gedanken machen. Ohne die ursprünglichen Ursachen zu beseitigen, kann man den Extremismus und den Terrorismus nicht erfolgreich bekämpfen. Das heißt nicht, dass der Terrorismus und das Töten von Menschen durch irgendwelche Gründe auch immer zu legitimieren und zu rechtfertigen sind.

Die Politik der westlich-europäischen Staaten im Nahen Osten und der islamischen Welt wird von der überwiegenden Mehrheit der Muslime da und hier als doppelmoralisch, arrogant und demütigend wahrgenommen. Und gerade dies wird von extremistischen Gruppierungen auch hier in unserem Land zu ihren Zwecken instrumentalisiert, einen Kampf der Kulturen und Religionen, einen Kampf zwischen der westlichen und islamischen Welt zu schüren. So lange vor allem die westlich-europäischen Staaten ihre bisherige falsche Politik und Strategie im Nahen Osten und der islamischen Welt nicht korrigieren, können der Terrorismus und Extremismus in Teilen der islamischen Welt und ihre negativen Auswirkungen auf unser Zusammenleben hierzulande und Europa nicht überwunden werden.

Eine gerechtere Welt ist auch eine sichere Welt. Gleichberechtigt und gerecht behandelte Menschen neigen kaum zur Unterstützung von Extremismus und Terrorismus. Deshalb muss man einerseits den terroristischen Gewalttätern, unabhängig von ihren religiösen und nationalen Zugehörigkeiten und von ihren Beweggründen, entschlossen entgegentreten, andererseits muss man langfristige Anstrengungen verstärken, die zur sozialen Gerechtigkeit in der Welt und zum Frieden der Völker beitragen.

In diesem Sinne rufe ich Sie, die Vertreterinnen und Vertreter der Fraktionen im Hessischen Landtag und unsere Hessische Landesregierung auf, mit Ihren Möglichkeiten über die Bundesregierung zu einem Umdenken in der internationalen Politik im Zusammenhang der Lösung der Konflikte in der islamischen Welt und dem Nahen Osten beizutragen, um somit den Dialog und Frieden der Kulturen statt den Kampf der Kulturen zu fördern. Dadurch kann entscheidend dazu beigetragen werden, den Extremisten auch in unserem Land Hessen und Deutschland den wichtigen Nährboden und Missbrauch zu entziehen.

2. Verkehrtes Islamverständnis in den Reihen der Muslime und ihre Bekämpfung durch innerislamische, selbstkritische Erziehungsarbeit

Bei aller berechtigten Kritik an der Mitschuld der Großmächte an den Konflikten im Nahen Osten und ihren Auswirkungen auf Extremismus und Terrorismus hierzulande, welche ich eben darstellte, müssen wir Muslime in Hessen und Deutschland erst selbstkritisch unsere eigene Verantwortung hinterfragen und Muslime in der Region ihr verkehrtes Islamverständnis überdenken. Dieses verkehrte Islamverständnis ist nicht das Islamverständnis, das wir aus dem Qur’an und der Sunna ableiten.

Nicht nur Muslime, auch Nicht-Muslime werden von diesem Terrorregime des sog. „Islamischen Staates“ in Irak und Syrien brutal ermordet. Wir alle sind entsetzt über die Brutalität dieser Terroristen, über deren Massaker an Christen und Yesiden wie auch anderen Muslimen. Ihr Endziel ist – nach ihren eigenen Angaben - die Eliminierung aller Andersgläubigen, d.h. vor allem auch aller Muslime, die sich ihrem verkehrten Islamverständnis nicht unterwerfen. Dies zeigt, dass Opfer des Terrors alle Menschen werden, die nicht in das Weltbild der Extremisten passen. Zahlenmäßig sind die meisten Opfer Muslime. Es sind Sunniten, Schiiten und Alawiten in Irak und Syrien.

An dieser Stelle möchte ich die Worte des Vorsitzenden der Schura Hamburg Mustafa Yoldas bei der Fachtagung „Extremismus - als islamische und gesellschaftliche Herausforderung“ der Schura Hamburg vor kurzem, an der wir auch teilgenommen und mitgewirkt haben, gerne zitieren:

„Dieses Problem betrifft uns Muslime also ganz zentral. Dieser Extremismus ist zu einer realen Bedrohung für die Zukunft unserer Glaubensgemeinschaft geworden. Wir werden die Auseinandersetzung mit dem Extremismus innerhalb der muslimischen Gemeinschaft aber nicht gewinnen, wenn wir seine Ursachen verdrängen. Floskeln wie „das hat mit dem Islam nichts zu tun“ oder „das sind keine Muslime“ bringen uns da nicht weiter. Deshalb brauchen wir Muslime eine tiefer gehende innerislamische Auseinandersetzung darüber, was die ideologischen Grundlagen des religiösen Extremismus sind.

Es ist auch nicht hilfreich, die Verbrechen der Extremisten mit den Gewalttaten der vermeintlichen Feinde des Islams und Verschwörungstheorien zu relativieren, zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen, denn die Realität ist leider oft schlimmer als alle Verschwörungstheorien zusammen.

Es muss also im ureigenen Interesse der Muslime sein, sich von denjenigen zu bereinigen, die diese wunderbare Religion der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens in Misskredit und Verruf bringen. Schaut man sich die Ergebnisse der abscheulichen Gewalttaten dieser Mörderbanden weltweit an, so erweisen sie einen Bärendienst für den Islam und verstärken weltweit die Islamfeindlichkeit.

Gerade wir als islamische Verbände und Religionsgemeinschaften müssen hier klar Position beziehen und diese innerislamische Auseinandersetzung führen. Wir müssen sie in unsere Gemeinden und Vereine tragen und damit unsere Basis erreichen, insbesondere unsere Jugendlichen. Wenn nicht das richtige Bewusstsein entwickelt und gestärkt wird, finden  extremistische Verführer immer wieder Einflussmöglichkeiten, gerade wenn das islamische Wissen gering und die sozialen Probleme groß sind.“ 

Als Islamische Religionsgemeinschaft Hessen rufen wir in vielen unserer öffentlichen Veranstaltungen diejenigen muslimischen Jugendlichen auf, die dem Dschihad-Aufruf der extremistischen Gruppen dieses verkehrten Islamverständnisses, auch in Hessen und Deutschland, folgen und in diese Krisenregionen in der islamischen Welt reisen und da  im Namen dieses verkehrten Dschihad-Verständnisses kämpfen, dieses verkehrte Islam- und Dschihad-Verständnis kritisch zu hinterfragen.

Das oben dargestellte verkehrte Islamverständnis ist auf gar keinen Fall durch den Qur’an und die Sunna (Leben und Worte des Propheten Muhammed, Friede sei mit ihm) zu begründen. Dann werden Sie bestimmt die berechtigte Frage stellen: Wie kann man dann das Alles erklären? Abgesehen von vielen weiteren Ursachen und Gründen gebe ich hier eine kurze und grundsätzliche Antwort: „Bienen trinken Wasser, geben Honig. Schlangen trinken Wasser, geben Gift.“ In diesem Zusammenhang stellen wir immer wieder fest: Die extremistischen, fanatischen und den Qur’an formal studierenden Muslime und Islamhasser und Islamfeinde insbesondere in der westlichen Welt haben eines gemeinsam: Sie nehmen bestimmte Verse aus dem Qur’an losgelöst von ihrem Gesamtzusammenhang und ihrem historischen Kontext und ohne ihre Offenbarungsgründe heraus und nutzen diese Verse zu ihrem Zweck aus. Die ersten versuchen dadurch ihr verkehrtes Islamverständnis zu begründen und die zweiten wollen dadurch den Islam als eine böse und die gewaltverherrlichende Religion darstellen. Deshalb müssen wir alle gemeinsam, Muslime und Gesamtgesellschaft, gegen diese beiden, nämlich die extremistischen Muslime und Islamhasser, konsequent vorgehen! Denn sie stiften damit nur Unfrieden, Hass und Feindschaft!

3. Staatsverträge: Islamische Religionsgemeinschaften nicht als Sicherheitspartner, sondern als Kooperationspartner des Staates in allen Muslime betreffenden Bereichen anerkennen

Zum Schluss schlage ich unserer Hessischen Landesregierung vor, Staatsverträge mit islamischen Religionsgemeinschaften in Hessen abzuschließen. Muslime und islamische Religionsgemeinschaften dürfen nicht nur als Sicherheitspartner betrachtet und behandelt werden, sondern sie sollen als Kooperationspartner des Staates in allen Muslime betreffenden Bereichen anerkannt werden. Denn die Gleichbehandlung der islamischen Religionsgemeinschaften durch Staatsverträge wie mit den Kirchen kann und wird unter anderem und zugleich zu einer besseren und wirksamen Prävention gegen Radikalisierung in den Reihen der Muslime beitragen. Diese Staatsverträge werden die Identität bzw. das Zusammengehörigkeitsgefühl der Muslime mit und zu ihrer Heimat Hessen sowie das Vertrauensverhältnis zwischen dem Land Hessen und den Muslimen entscheidend stärken.

 

In diesem Sinne führen wir seit langem Gespräche mit allen Fraktionen im Hessischen Landtag. Wir setzen unsere diesbezüglichen Gespräche mit Fraktionen fort. Bei diesen Gesprächen stellen wir unser Konzept ausführlich dar. Aus zeitlichen Gründen möchte ich heute hier die Einzelheiten dieses Konzeptes nicht aufzählen. Ich stehe Ihnen heute für Ihre diesbezüglichen Fragen aber selbstverständlich gerne zur Verfügung oder auch für diesbezügliche Gesprächstermine in der Zukunft.

 Nochmals vielen Dank für Ihre Einladung zur Anhörung und Ihre Aufmerksamkeit!

 Wiesbaden, 22. Januar 2015

Ramazan Kuruyüz

Vorsitzender der IRH      

 

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