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Montag, 19 Mai 2014 13:16

Öffentliches Auftreten im Zeitalter des Internets: Wahrnehmung als Individuum oder Gemeindemitglied?

Huseyin Özoguz Huseyin Özoguz
von Bruder Huseyin Özoguz - Heutzutage erleben wir erstmals in der Geschichte der Menschheit den durch Technologie bedingten Umstand, dass jeder Einzelne ohne großen Aufwand seine Fragen, Meinungen, Diskussionsbeiträge, Lobungen, Kritiken usw.
für jeden Menschen sichtbar veröffentlichen kann. Die Fragestellung dieses Artikels lautet: Sollte man das überhaupt tun, ist das gut und verantwortbar? Ein älterer Bruder berichtete mir von dem damaligen Leiter unserer lokalen Gemeinde (aus meinen Kindheitstagen) , dass dieser geehrte Bruder stets darauf achtete, dass einerseits im kleinen Kreis jeder Einzelne seine Meinung, Fragen etc. frei und ungehindert äußern und diskutieren konnte, andererseits aber sehr streng darauf achtete, dass in der Öffentlichkeit eben nicht jeder veröffentlichte, was er gerade dachte, schon gar nicht im Namen der Gemeinde. Heutzutage ist es der modernen Technologien wegen kaum möglich, dies als Anordnung von oben herab festzulegen. Und gleichzeitig berücksichtigt aber die öffentliche Wahrnehmung die neuen Technologien dennoch nicht in diesem Sinne, sodass Äußerungen von Einzelpersonen trotzdem wieder mit ihren Gemeinden in Verbindung gebracht werden – sei es bewusst oder unbewusst. Um ein einfaches Beispiel zu bringen: Wenn ich als „Huseyin Özoguz“ einen Kommentar in irgendeiner Plattform veröffentlichte, so wird dieser Kommentar, insbesondere wenn er vielleicht kontrovers beurteilt werden kann, vielleicht von manchen nicht als individuelle Aussage eines einzelnen Bruders aus Deutschland gesehen, sondern gleich mit unserer Gemeinde „Islamischer Weg e.V.“ oder anderen hiesigen Aktivitäten in Verbindung gebracht. Es ist dann in den (durchaus nachvollziehbaren) Empfindungen vieler Geschwister schon fast so, als wenn die Gemeinde selbst dies oder jenes geäußert hätte – selbst wenn ich dies nur zwischendurch in meinem Alltag als Kurzkommentar in einem Forum geschrieben habe, ohne dass ich dies mit irgendwem abgesprochen hätte. Für andere Geschwister, die noch sehr viel stärker mit ihren jeweiligen Gemeinden identifiziert werden, als ich, gilt dies noch in stärkerer Weise. Ein weiteres Problem unabgestimmter Einzelmeinungen sind die jeweiligen Qualitäten dieser Aussagen. Leider sind solche Einzelaussagen (insbesondere im Zusammenhang mit kontroversen Themen) nicht selten sehr missverständlich, irreführend, vielleicht sogar verletzend – obwohl sie ganz anders gemeint waren. Nicht selten fehlt einem solchen Autor in so einem Moment die Geduld, seinen eigenen Beitrag und dessen voraussichtliche Wirkungen vor dem Abschicken noch mal zu überdenken und zu reflektieren, sodass er womöglich mehr schadet als nutzt. Ein zusätzliches Problem besteht in der Tatsache, dass manche Personen, die weniger bekannt sind, sich selbst nur lose einer Gemeinde zugehörig fühlen, evtl. gar kein Mitglied sind, aber in der öffentlichen Wahrnehmung dennoch einer bestimmten Gruppe zugerechnet werden. Wie soll damit umgegangen werden. Soll die Gemeinde sich immerzu distanzieren müssen, oder sollen die Leser differenzierter lesen und zuzuordnen lernen? Dieses ganze Thema wird in Zukunft innerhalb unserer Gemeinden immer wichtiger werden, zumal wir mehr und mehr die schädlichen Nebenwirkungen erkennen. Was ist also zu tun? Ein naheliegender Vorschlag ist, die Richtlinie des in der Einleitung erwähnten ehemaligen hiesigen Gemeindeleiters auch im Zeitalter des Internets in einer angepassten Form fortzusetzen. Wie wäre es z.B., wenn man möglicherweise disputable Beiträge, Kommentare oder Artikel vorher mit seinem Gemeindeleiter – oder allgemeiner: mit seinem Imam (der jeweiligen Ebene) – abspricht, wenigstens kurz seine Meinung oder die anderer qualifizierter Geschwister einholt, auch wenn man denkt, selbst schon genügend qualifiziert zu sein? (Dieser Vorschlag basiert hintergründig auf einem Lokal-Global-Konzept des Imamats, von Imam Mahdi (a.) bis hinunter zum Imam zwischen zwei sich auf Reisen befindenden Geschwistern, welches hier nur angedeutet werden kann und – inschaallah – in einem eigenen Artikel in nächster Zeit dargestellt werden wird.) Dieser Vorschlag beinhaltet viele Vorteile und Lösungen, setzt aber auch offensichtlich ein gewisses Maß an Disziplin des Einzelnen voraus! Es obliegt den Gemeinden und ihren Leitern jeweils, dieses Prinzip und die Disziplin in ihrer Gemeinde zu lehren und selbst vorzuleben – idealerweise beginnt diese Erziehung für jeden schon in der kleinsten „Gemeinde“, also im Elternhaus. Bedeutet dies nun, dass niemand mehr irgendeine persönliche Frage öffentlich stellen darf und stattdessen alles mit ihm nahestehenden Geschwistern vorher absprechen sollte? So allgemein gilt dies sicher nicht. Beispielsweise gehört die öffentliche Frage nach der Adresse einer Gemeinschaft bestimmt nicht zu dieser Kategorie von abstimmungswürdigen Äußerungen. Eine öffentliche Kritik an einer Aktivität einer anderen Gemeinde aber schon! Und idealerweise lehren Gemeindeleiter dies auch, indem sie die Gemeinde bei manchen Texten mit einbeziehen und ihren Rat einholen (was natürlich nicht bei jedem einzelnen Text möglich ist) . Selbst wenn sich nur ein Bruchteil der im Internet aktiven Geschwister auch nur hin und wieder an diesen Gedanken der Abstimmung und Besprechung öffentlicher Äußerungen hält, wird dies sehr wertvoll sein und unsere individuellen, gemeinschaftlichen und übergemeinschaftlichen Aktivitäten auf ein neues Kommunikationsniveau heben – inschaallah. Um noch mit einer kleinen und naheliegenden Selbstreferenz zu schließen: Diesen Beitrag habe ich geschrieben, aber vor der Veröffentlichung anderen Geschwistern hier zur Einschätzung vorgelegt. Wassalamu alaikum wr wb Euer Bruder Huseyin Özoguz

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