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Sonntag, 25 Mai 2008 03:18

Interview mit Mohammad Lanzl

über die Islamfeindlichkeit im Westen und insbesondere in Österreich

"Natürlich wollen manche Politiker Stimmung in der Bevölkerung machen gegen die Muslime, um auf diese Weise mehr Stimmen zu bekommen." Ein Interview mit dem Leiter des Zentrums für islamische Bildung und Kultur in Österreich, Mohammad Lanzl, über die Islamfeindlichkeit in Deutschland.

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Rundfunk: Herr Lanzl, seit einiger Zeit ist eine islamfeindliche Tendenz in den westlichen Gesellschaften zu beobachten. Das ist allerdings von Land zu Land unterschiedlich. Sie sind Österreicher, Sie leben in Österreich, deshalb möchte ich Sie fragen, wie die Lage in Österreich ist?

Lanzl: Zunächst möchte ich sagen, dass die Lage in Österreich im Grund eigentlich besser ist als im übrigen Europa. Das ist wie bekannt dadurch begründet, dass in Österreich der Islam als eine Religionsgemeinschaft gleichberechtigt mit den christlichen Kirchen ist und offiziell anerkannt ist und dementsprechend Unterstützung erhält, wie das für andere Religionsgemeinschaften und Kirchen auch geschieht. Das bedeutet beispielsweise, dass eben der Religionsunterricht bezahlt wird, dass die Religionsbücher bezahlt werden, dass die islamischen Privatschulen anerkannt werden und ähnliches mehr.
Aber in letzter Zeit hat es trotzdem auch in Österreich verstärkte islamfeindliche Tendenzen gegeben. Das hat sich beispielsweise gezeigt durch Äußerungen von Politikern, die direkt in den Islam eingegriffen haben oder aber auch Schwierigkeiten machen beim Bau von Moscheen, im Zusammenhang vor allem mit den Minaretten und Kuppeln und schließlich, dass der Islam als Thema der Wahlkämpfe missbraucht wird.

Rundfunk: Wie ist die Situation der Muslime in den anderen europäischen Ländern zum Beispiel in Dänemark und den Niederlanden?

Lanzl: Ehrlich gesagt, was die Lage der Muslime in Dänemark und den Niederlanden anbelangt, kann ich weniger genau sagen. Aber Sie wissen ja besser, dass gerade im Zusammenhang mit diesem Film, der da von einem Politiker gemacht worden ist über den Koran und dass es natürlich mit anderen Angriffen auf den Islam seitens der Künstler entsprechende Aufregung bei den Muslimen gegeben hat und dass deswegen selbstverständlich auch die Muslime dort ziemlich empört sind. Aber andererseits sind die Politiker - soweit ich weiß - in den Niederlanden auch vorsichtiger geworden und wollen die religiösen Gefühle der Muslime besser respektieren und üben deswegen Duck auf Künstler aus, hier maßvoller zu sein. Das Gleiche gilt ungefähr für Dänemark. Seit den Karikaturen ist - wie es scheint - Dänemark etwas vorsichtiger geworden, vor allem seitens des Staates. Aber die Künstler versuchen noch immer natürlich hier zu provozieren und die Muslime so quasi zu beleidigen und zu verhöhnen, aber es geschieht nicht so leicht, wie es früher der Fall war.

Rundfunk:  Was sind die Ursachen dieser islamfeindlichen Tendenz?

Lanzl:  Da gibt es, glaube ich, mehrere Ursachen:
Vielleicht zunächst einmal, die Tendenz in den europäischen Ländern die muslimische Zuwanderung zu beschränken, das heißt, die Zuwanderung von Muslimen, die aus dem Orient, vor allem aus der Türkei kommen, einzudämmen, um auf diese Weise den Anteil der Muslime im Vergleich zu den Einheimischen gering zu halten oder nicht weiter anwachsen zu lassen. Das ist ein Grund.
Aber wenn man will, das ist ein ethnischer Grund, es hängt zusammen mit wachsender Ausländerfeindlichkeit, die sich hier in Europa jetzt generell breitmacht, natürlich angesichts der wirtschaftlichen Probleme, die immer größer werden.
Dann, ein 2. Grund ist, dass man die Rechte der Muslime so quasi nicht voll anerkennen will als Angehörige einer Religionsgemeinschaft und dass man sie aus diesem Grund einschüchtern will, damit sie nicht die berechtigten Forderungen, die auf der Verfassung beruhen, also vor allem im Zusammenhang mit der Religionsfreiheit, dass man diese Muslime quasi durch Einschüchterung abhalten will, diese Rechte einzufordern.
Dann, der 3. Grund ist, dass natürlich manche Politiker Stimmung in der Bevölkerung machen wollen gegen die Muslime, um auf diese Weise mehr Stimmen zu bekommen. Das konnte man beispielsweise in Belgien beobachten, in Holland, das konnte man auch in Österreich beobachten und vielleicht auch in Frankreich, in Deutschland ist es eben so. Man will also quasi durch den Unmut, der in Teilen der Bevölkerung vorhanden ist, auf dem Rücken der Muslime Politik machen und dadurch seine politische Position verstärken, was natürlich ein trauriges Zeichen ist, dass man es quasi mithilfe der Bevölkerung kann.
Und schließlich ist es auch eine gewisse Befürchtung, dass sich die Muslime stärker der Religion zuwenden und aufgrund dessen so gleichsam eine Identität finden, die den Bestrebungen der europäischen Länder, dass sich die Muslime assimilieren sollen, entgegenwirkt.
Aus diesem Grund will man also quasi den Druck erhöhen, damit die Assimilierungsbereitschaft der Muslime größer wird. Es ist ihnen zu wenig, dass sich die Muslime integrieren, wozu sie sowieso bereit sind, sondern man will, dass sich die Muslime anpassen an die herrschende westliche Kultur.

Rundfunk: Wie weit ist diese Situation dem Verhalten der in den westlichen Ländern lebenden Muslime zuzuschreiben?

Lanzl: Ganz unschuldig sind die Muslime an dieser Situation nicht. Das hängt zum ersten daran, dass manche Muslime wirklich Tendenzen zeigen, Parallelgesellschaften zu bilden und die Sprache des Landes, in dem sie leben, zu lernen, da gibt es gewisse Schwierigkeiten und da sollten die Muslime quasi schon auch den Fehler vermeiden, das zu tun. Dann natürlich gibt es auch die Tendenz bei einzelnen Muslimen, mit radikalen oder extremistischen Strömungen in der islamischen Welt zu sympathisieren und das stellt sie natürlich vor Probleme und führt dazu, dass Muslime unter Generalverdacht stehen, sich mit den Terroristen zu sympathisieren, was natürlich ganz falsch ist und deswegen kann man auch sagen, die Vorgänge in der islamischen Welt wirken auch nach Europa mit herein.

Rundfunk:  Was muss getan werden, um dieser Tendenz entgegenzuwirken?

Lanzl: Ich glaube auf der einen Seite müssen die europäischen Länder, natürlich die Europäische Union, die Lage der Muslime in ihren eigenen Ländern verbessern. Sie müssen Abstand nehmen, die Muslime und ihre Religion zu beleidigen. Sie müssen lernen, die Muslime als gleichberechtigte und gleichwertige Staatsbürger zu behandeln. Sie müssen sich an die eigenen Grundsätze, an die verfassungsmäßigen Grundsätze, an die Grundsätze der Religionsgemeinschaft, der Religionsfreiheit und der Gewissensfreiheit erinnern und dürfen die Muslime nicht zwingen, ihre Identität aufzugeben, wenn sie in Europa leben wollen. Das ist meiner Meinung nach eine sehr wichtige Angelegenheit, dass sowohl die sozialen als auch die kulturellen, als auch die politischen Interessen der Muslime respektiert werden und ihnen auf diese Weise die Integration in dem Land, in dem sie leben, erleichtert wird. Man muss also aufhören, ständig Muslime anzugreifen, aggressiv zu sein, sie quasi zu einer Art "Sündenbock" zu machen, sondern ihnen mit Hoffnung, Aufrichtigkeit und quasi mit Akzeptanz eigener Grundsätze eines Rechtsstaates entgegenzukommen. Gleichzeitig müssen die Muslime eben den Fehler vermeiden, sich wegen dieser Aggression zurückzuziehen oder selber aggressiv zu werden. Sie sollen selber beweisen, dass der Islam eine Religion des Friedens und der Gerechtigkeit ist, dass der Islam eine Religion des friedlichen Zusammenlebens ist, von Bürgern unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religion und sollen auf diese Weise ein positives Beispiel des Zusammenlebens setzen und so die Aggressionen der anderen Seite verringern, damit wirklich eine Entspannung im Zusammenleben aller Bürger eintritt.

Seyed Hedayatollah Shahrokny

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