Samstag, 14 Juli 2012 09:05

So wird gesagt Teil 134

So wird gesagt Teil 134
In einer Stadt gab es einen faulen Mensch, der davon lebte, sich bei anderen Geld auszuleihen oder auf Kredit Einkäufe zu machen. 

Doch seine Schulden konnte er nicht begleichen und schließlich waren die Gläubiger es leid und verklagten ihm beim Richter. Der Kadi warf den Mann ins Gefängnis. 

Dieser Mann aber war es gewohnt, sich den Magie voll zu stopfen. Da ihm das Gefängnisessen nicht reichte, stahl er den anderen von ihrer Ration oder zwang sie, Essen an ihn abzugeben. Nach einiger Zeit reichten die Gefängnisinsassen Klage gegen ihn ein und er kam wieder vor den Richter.

Der Richter überlegte: Wenn er diesen Nichtstuer, der nichts besaß, freilässt, wird dasselbe passieren wie vorher. Er wird Schulden machen, sie nicht bezahlen, und seine Gläubiger werden ihn wieder verklagen. Dann wird  er ihn wieder ins Gefängnis bringen müssen, und die Gefängnisinsassen werden sich dann erneut über ihn beschweren.

Er konnte ihn also nicht einfach freilassen, sondern musste  sich etwas anderes überlegen.

Der Richter ordnete schließlich an, dass der Mann auf einem Kamal durch die Stadt und den Bazaar zu führen ist. Auf seine Anweisung sollten die Herold ausrufen: „Dieser Mann ist mittellos. Keiner darf ihm etwas leihen oder auf Kredit verkaufen. Wen einer dies tut und sich dann  über ihn beschweren sollte, wird seine Beschwerde nicht angenommen."

Als sie den Mann aus dem Gefängnis brachten und das Urteil durchgeführt werden sollte, kam zufällig ein Reisigverkäufer mit seinem Kamel vorbei. Die Gerichtsdiener riefen ihn herbei und ließen den Freigelassenen das Kamel besteigen. Sie sagten dem Reisigsammler er soll das Kamel mit dem Mann durch die Stadt führen.

Der Reisigsammler jammerte, dass er das Kamel selber brauche, aber keiner hörte auf ihn.

So war er gezwungen das Kamel mit dem Faulpelz bis zum Abend durch die Stadt zu führen. Die Beamten hielten ihn  vor jedem Laden und jeder Gasse an und riefen:  „Leute, hört her! Dieser Mann auf dem Kamel ist mittellos. Keiner darf ihm mehr Geld leihen oder etwas auf Pump verkaufen, wer es dennoch tut, dessen Beschwerde wird vor Gericht nicht behandelt. Dieser Mann wird nicht ins Gefängnis geworfen werden. So schaut ihn euch gut an und fallt nicht mehr auf seine Versprechen ein!"

Es war Abend und die Beamten des Richters sagten, der Mann solle vom Kamel absteigen und nach Hause gehen und den anderen keinen Ärger mehr machen. Sie sagten ihm: „Geh endlich wie alle anderen arbeiten   und verdien dir  dein Brot."

Als der Mann abgestiegen war, packte ihn der Kamelsbesitzer am Kragen und sagte: „Hör! Du hast von heute morgen an auf meinem Kamel gesessen und hast mich daran gehindert, dass ich etwas verdiene. Bezahl mir auf der Stelle das Geld für den Ritt. Ich bin ein armer Schlucker!"

Aber der andere brach in Lachen aus.

Da wunderte sich der Kamelbesitzer: „Warum lachst du? War es zum Lachen, was ich gesagt habe?"

Da meinte der Taugenichts:  „Begreifst du nicht? Du hast doch heute den ganzen Tag gehört, was die Beamten des Kadis auf der Straße ausgerufen haben. Sie haben doch verkündet, dass ich ein mittelloser Mann bin und nichts auf der Welt besitze. Aber ich glaube, du bist taub auf den Ohren und hast nicht auf ihre Warnungen gehört!"

Diese Geschichte in Anlehnung an das Mathnawi von Maulana Rumi folgt unser Sprichwort, nämlich Randsch Hamdard ki danad? Hamdard! 

Ein Stadtbürger fasste den Entschluss eine Zeitlang auf dem Land zu leben. Er war das Leben in der Stadt leid. So zog er los auf der Suche nach einem Dorf. Die frische Luft , die Natur und der Vogelgesang begeisterten ihn. Da hörte er eine Stimme: „He, Mann, was machst du hier?"

Der Mann aus der Stadt schaute sich um. Er erblickte einen Dorfbewohner, der jenseits einer  Gartenmauer Obst pflückte. Der Mann winkte ihm zu und sagte: „Ich bin  gekommen, um fern vom Stadtleben einige Tage in Ruhe zu verbringen."

Der Dorfbewohner hieß ihn willkommen: „Dann komm zu mir in meinen Garten!" Der Mann aus der Stadt hatte nichts dagegen. So ging er in Richtung des Gartens. Der Dorfbewohner  öffnete ihm das Tor. Der Mann aus der Stadt betrat den Garten und kam nicht aus dem Staunen heraus: „Was für ein schöner Garten. Einfach paradiesisch, voller reifer Früchte!" Der Mann aus dem Dorf sagte: „Bitteschön. Das ist mein Garten. Pflück dir nach Herzenslust Obst und iss dich satt."

Der Mann aus der Stadt ging erst zu dem Apfelbaum mit seinen schönen roten Früchten. Er biss in den ersten Apfel und griff schon nach dem zweiten. Kaum hatte er von dem  zweiten gegessen hatte er auch schon den dritten und vierten gepflückt hineingebissen und den Rest auf die Erde geworfen.

Dann wollte er auch von den Trauben nehmen. Er brach einige Zweige ab und nahm sich ein paar Traubenbeeren, als sein Blick auf die Pfirsichbäume fiel. Die Pfirsiche waren saftig und süß. Der Mann nahm sich ein zwei Pfirsiche und beim Pflücken fielen noch weitere Früchte zu Boden.  Kurzum, der Mann ging von einem Baum zum anderen, nahm sich etwas von dem Obst, warf die Hälfte zu Boden und verursachte einigen Schaden.

Schließlich war er der Pflückerei und Esserei müde geworden und setzte sich unter einen Baum, um sich im Schatten etwas auszuruhen. Da merkte er, dass der Dorfbewohner enttäuscht und verärgert ganz in der Nähe saß und schwieg.

Der Mann aus der Stadt fragte den Gartenbesitzer:  „Ich glaube du hast dich über mich geärgert und bist bekümmert. Sag was dich bedrückt?"

Der Dorfbewohner sagte: „Ach weißt du!  Du hast doch im Leben nicht einen Baum eingepflanzt und nie  Früchte vom Boden eingesammelt! Du hast nie wegen der Bewässerung schlaflose Nächte verbracht und hast nie in aller Frühe darauf gehofft, dass die Blüten an den Bäumen aufgegangen sind!"

„Was willst du damit sagen", fragte der Mann aus der Stadt.

Da seufzte dieser und meinte: „Ich will damit sagen, dass du glaubst, dieser Garten wäre von selber ergrünt und niemand hätte sich für ihn angestrengt!"

„Was sagst du da," erwiderte der Mann aus der Stadt erstaunt: „Wie kann ein Garten von selber ergrünen! Ich weiß doch auch, wieviel Mühe du für diesen Garten auf dich genommen hast!"

Doch der andere seufzte wieder und meinte: „Nein! Das weißt du eben nicht.  Das sagst du nur so. Aber von Mühe  zu reden ist etwas anderes, als sie auf sich zu nehmen. Du wirst niemals an meiner Stelle sein und die Mühen kennen, die ich mir gemacht habe, damit dieser Garten gedeiht. Denn „Randsch Hamdard ki danad? Hamdard!"

„Wer kennt das Leid des Leidgenossen? Der Leidgenosse kennt es!"

Diese Redewendung nämlich „Wer kennt das Leid des Leidgenossen? Der Leidgenosse kennt es!" trifft auf Leute zu,  die nichts von den Mühen und dem Leid anderer ahnen und nur so reden, als ob sie selber diese Mühen kennen würden.

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