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Freitag, 31 Oktober 2014 07:02

Auf den Spuren von Alfons Gabriel durch die iranische Wüste Lut

Bild: (c) EPA Bild: (c) EPA
Vor mehr als siebzig Jahren unternahmen der österreichische Arzt Alfons Gabriel und seine Frau eine Expedition durch eine der heißesten Wüsten der Erde. Sie überlebten mit viel Glück. Heute reist man dagegen mit Geländewagen und reichlicher Ausrüstung. Trotzdem bleibt die Tour ein unvergessliches Erlebnis.  
  Schwer zugänglich, bizarr, kaum bekannt: Die Fels- und Sandwüste Dasht-e Lut ist die größte Wüste des Iran und eine der heißesten der Erde. Die menschenleere Ödnis zu durchqueren, ist ein Wagnis, auch für Abenteurer des dritten Jahrtausends, das, auf eigene Faust unternommen, mit einem Fiasko enden kann. Genau das aber haben vor mehr als 70 Jahren zwei fast vergessene Protagonisten getan. Trotz profunder Kenntnisse und intensiver Vorbereitungen haben die beiden nur mit Durchhaltevermögen und Glück überlebt. Ihre Ausrüstung war bescheiden, Hunger und Durst ständige Begleiter.

21. März 1937. Der österreichische Arzt Alfons Gabriel schreibt: „Warum lockt den Menschen die Weite, die Ferne, das Unbekannte und Gefahrvolle? Wie haben wir uns danach gesehnt, hierherzukommen!“ Mit seiner Frau Agnes ist er schon mehrmals im kaum bekannten Persien unterwegs gewesen. Jetzt möchte er „durch den großen weißen Fleck auf der Landkarte des Iran“ ziehen, durch die Wüste Lut, „die so lange jedes Eindringen verwehrt hat“. Malik Muhammad heißt der aus Belutschistan stammende Guide. Vier weitere Männer namens Djihand, Hassan, Ibrahim und Mehdi sowie acht Kamele zählen zum Tross. Sechs Tage nach dem Aufbruch erreichen sie total erschöpft die Oase Keshit.

Gut 75 Jahre später reist man vergleichsweise angenehm. Drei Land Rover, zwei Toyotas, Lebensmittel plus Sprit und Trinkwasser für eine Woche, dazu als Fahrer Ali Rahimi, Ali Astane, Hassan Taavighi, Babak Ghazvinian und dessen Bruder Mehrdad, Chef von Extreme Expeditions in Teheran, mindern das Risiko des Wüstentrips. Hassan und beide Ghazvinians haben in den letzten 15 Jahren rund fünfundzwanzigmal ein Gebiet erkundet, das knapp doppelt so groß wie Österreich ist. Die Dasht-e Lut ist menschenleer. Doch wer einmal dort war, hat permanent Sehnsucht nach ihr.

Rund 1000 Kilometer Asphalt sind bereits abgespult, Städte wie Teheran und Yazd im Norden und Westen liegen weit zurück. Speziell in der 15-Millionen-Einwohner-Hauptstadt wurden die Ausländer von Passanten fotografiert oder per Video verewigt, nicht selten sprudelten englische Sätze: „Hello! Wie geht's? Schön, dass Sie gekommen sind. Bitte nehmen Sie Ihren Eindruck mit! Bye-bye...“

Dr. Gabriels erste Route

In Shahdad, einer Oase am westlichen Rand der Lut, wachsen Palmen, kurz vor Weihnachten blüht Oleander. „Let's go!“, ruft Mehrdad Ghazvinian. Das Team rollt der Wüste entgegen und stößt auf Doktor Gabriels erste Route von 1933. Die Spannung steigt. Was Kalut oder Yardang heißt, sind von Wind und Sand stromlinienförmig erodierte Kalksteinfelsen, scharfe Grate in langen, parallelen Reihen hintereinander, die als breiter Riegel von Südost nach Nordwest verlaufen. Wo soll hier ein Durchkommen sein?

Zelten bei sinkender Sonne, rasch wird es kalt. Kein Gedanke an 60 bis 70 Grad Celsius Bodentemperatur. Ringsum Leere, Stille, Sternenhimmel. Wolken kommen hier gar nicht erst auf, im Jahr gibt es weniger als 50 Millimeter Niederschlag, die Lut ist wie die Sahara eine Wendekreiswüste, eine Region, in der meist Hochdruck herrscht. Das Brennholz hat die Crew aus Teheran mitgebracht, bald flackert das Feuer, Huhn und Gemüse werden erhitzt. Das Dinner hat Hassan Taavighi, der perfekt Deutsch spricht, daheim vorbereitet. Im transportablen Froster bleibt es frisch. Zum schmackhaften Essen passt nicht nur Tee, sondern auch ein schönes persisches Sprichwort. Es zergeht auf der Zunge: „Mosafer aziz khodast“ – der Reisende wird von Gott geliebt.

Fünf Autos brettern auf grauem Kies in Richtung Kalut. Am östlichen Horizont flimmert Kuh-i Malik Mohammad über dem Spiegel einer Fata Morgana – das ferne Gebirge taufte Alfons Gabriel nach seinem Führer, dessen siebenten Sinn den Österreicher bewunderte, denn stets ging Mohammad „ohne Schwanken fest auf einen unsichtbaren Punkt zu. Wie eine wandelnde Säule lief er voran, ohne auf Fragen und Rufen zu hören.“ Heute verwendet man GPS. Rau ist die Dasht-e Lut, mit 166.000 Quadratkilometern knapp größer als Tunesien, ohne Ortskenntnisse und Erfahrung werden Offroad-Wüstentouren hier scheitern.

Durch das Labyrinth der Kalut, ihre erodierten Bergrücken, Türme, Kegel und Trichter, in denen mit Glück Meteoritenreste zu finden sind, findet Mehrdad Ghazvinian wie von selbst die Durchlässe. Seine Kollegen suchen oft andere Durchgänge, meistern Sand oder groben Schotter und halten Anschluss. Mehrdad zeigt Flagge. Sein Freibeutertuch, weißer Schädel auf schwarzem Grund, dient als Flagge: Manchmal sackt sie in eine Senke und taucht dann wieder auf, klein, aber zuverlässig. Wo motorisierte Winzlinge unterwegs sind, zogen nie Karawanen von Persien nach Afghanistan. Dieser wasserlose Irrgarten war tabu.

Violett, Karminrot, Orange

Morgen früh, sagt der Expeditionsleiter, werde ein nahes Plateau über dem Camp erklettert. Vor Sonnenaufgang. Die Sicht dort reiche vom Gebirge Kuh-e Hazar im Westen bis zum östlichen Sandmeer. So bewundern frühmorgens fünf Leute hoch oben das Farbspektrum der Lut: Dunkelblau, Violett, Karminrot, Orange und Gold wechseln sich ab, bis es hell ist. Lang gezogene Schatten und scharf beleuchtete Gipfel bilden ein seltsames Muster. Mond oder Mars? Jedenfalls außerirdisch. Jeder Schritt wirbelt Staub auf, schwefelgelb, schwerelos.

Im Lager hockt Babak und sorgt für Kaffee. Sein Omelette mit Datteln würde jeden Viersternekoch ehren. Auch unter Holzkohle gebackenes Brot schmeckt exquisit. Eine lange Fahrt zu den Dünen der Dasht-e Lut folgt solcher Schlemmerei. Adieu Kalut! Die Bastionen und Wälle bleiben zurück, dazwischen blinkt Salz, Block neben Block. Immer tiefer dringen die Fremden ins Herz des Iran vor, das Alfons Gabriel als „eine der mächtigsten geschlossenen Sandanhäufungen“ weltweit bezeichnete. Mehrdad Ghazvinian hat mit GPS enorm hohe Dünen vermessen. Er glaubt den Rekord von Namibia (Sossusvlei, 380 m) brechen zu können. Schließlich misst er 420 Meter.

Stille Nacht in den Ostsanden, am Fuß riesiger Dünen, deren Vielfalt den Wellen eines Ozeans ähnelt. Die strenge Kalut der letzten Tage duldete weder Flora noch Fauna, doch jetzt sind karges Buschwerk und Tierspuren zu entdecken. Letztere geben allerdings ihr Geheimnis nicht preis. Erst Mehrdads Infrarotkamera löst das Rätsel: Hühnerknochen, rund ums Lager gelegt, interessieren einen Wüstenfuchs. Er läuft kreuz und quer, schmaust da und dort und verscharrt seine Beute, spitzt große Ohren. Wo kein Mensch jagt, fehlt die Furcht. Wie im Paradies.

Nach der 2003 durch Erdstöße mit 35.000 Toten schwer geprüften Stadt Bam, einem Wunderwerk der Lehmarchitektur, endet die Tour im Oasendorf Keshit. Es schenkt Zauber und Ruhe. Sein Palmenwald samt dem sprudelnden Wasser ließ 1937 beide Gabriels träumen, was ihnen sonst als Forscherpaar wohl eher suspekt war. Ihr Fazit bleibt trotz aller Sachlichkeit aktuell: „Tief greift dies Land in seiner wehmütigen Schönheit ans Herz.“

(Quelle: "Die Presse")

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