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Freitag, 31 August 2012 10:21

Mit uns durch den Iran- Teil 10

Mit uns durch den Iran-  Teil 10
Die Provinzhauptstadt Schiraz lassen wir nun hinter uns und begeben uns mit Ihnen in die freie Natur. Die ist nämlich der Lebensraum der Menschen, über die wir in diesem Beitrag berichten wollen. Die Provinz Fars ist seit alters her eine der bedeutendsten und größten Zentren iranischer Nomadenstämme.

 

Aufgrund der geographischen und klimatischen Bedingungen in dieser Provinz, konnten sich hier einige der größten iranischen Nomadenstämme bilden.

Die Stämme in der Provinz Fars haben im Laufe der Geschichte eine reiche Kultur geschaffen, und diese kulturellen Besonderheiten der „Fars-Stämme“ haben stark das Interesse in- und ausländischer Reisender gewonnen.

Deshalb wollen wir heute etwas näher auf die Nomadenstämme in der Provinz Fars eingehen.

Die drei größten Nomadenstämme der Provinz Fars sind die Qaschqa'i, die Chamsa und die Mamasani (Muhammad Hassani) sowie mehrere unabhängige Unterstämme.

Die Sommerlager "Yelaqi" dieser auch heute teilweise noch wandernden Stämme finden wir im Norden der Provinz Fars, d.h. in den kühleren Tälern und Höhenlagen des Zagros-Gebirges und die Winterlager "Qeschlaqi" im Südosten und Südwesten der Ebene dieser Provinz, gelegentlich auch in der zentralen Ebene im Süden von Fars. Hier, in niedriger Höhe ist das Klima im Winter milder. Allerdings dehnt sich das Winterlager einiger Nomadenstämme der Provinz Fars, wie z.B. der Qaschqa'i von den Südhängen des Zagros-Gebirges  über die Hochebene bis in die Provinz Buschehr und bis ins Küstengebiet am Persischen Golf aus.

Die Gemeinschaft der nomadisierenden Stämme in der Provinz Fars zählt bis zu 137.000 Personen. Das sind rund 12,5 Prozent aller iranischen Nomadenstämme und 3,5 Prozent der Gesamtbevölkerung dieser Provinz.

Die Qaschqa'i sind also einer der größten Stämme Irans und einer der bekanntesten der wandernden Stämme. Deswegen wollen wir Ihnen nun ein wenig mehr über diesen Stamm erzählen. Die Qaschqa'i sind in 6 Unterstämme eingeteilt. Das Oberhaupt des Stammes  ist der "Ilchan". Diese Bezeichnung ist aus zwei türkischen Wörtern, nämlich "Il" und "Chan" zusammengesetzt und bedeutet "Stammesherrscher".

Die Verwaltung der Angelegenheiten jedes Unterstammes obliegt einem "Kalantar", d.h. einem "Ältesten", der von dem jeweiligen Unterstamm gewählt wird. Jeder Stamm oder Unterstamm ist wiederum in verschiedene Sippen  aufgeteilt, die sich auf der Grundlage von Verwandtschaft und Nachbarschaft bilden.

Über die Geschichte der Qaschqa'i gibt es sehr unterschiedliche und nur verstreute Angaben. Deshalb ist nicht genau belegt, wann und von wo und aufgrund welcher Ereignisse sie in dieses Gebiet gekommen sind. Auf jeden Fall weisen alle Dokumente und Indizien zu einem Ergebnis über die Vergangenheit der Qaschqa'i, nämlich, dass diese nicht zu einer Zeit und nicht von einem Ort und nicht als einheitlicher Stamm nach Iran bzw. in die Provinz Fars gekommen sind. Sie haben sich vielmehr nach und nach aus der Vereinigung verschiedener Gruppen und Sippen turksprachiger Stämme gebildet.

Auf jeden Fall hat sich die langsame Bewegung zerstreuter Qaschqa'i Stämme in Richtung Südiran, die wohl vor etwa 600 Jahren begonnen hat, mehr oder weniger über 3 Jahrhunderte fortgesetzt. Die Vereinigung der Qaschqa'i-Stämme und ihre eigenständige Identität ist wohl zum Ende der Safawiden-Dynastie (Anfang 18.Jahrhundert) erfolgt.

Die wirtschaftliche und soziale Grundlage der Qaschqa'i ist sowie bei allen anderen Nomadenstämmen, die alle Jahre regelmäßig zwischen dem Sommer- und Winterlager hin und her ziehen, die Weide- und Viehwirtschaft. Dieser Stamm, der in den letzten 200 Jahren bis heute der größte und mächtigste Nomadenstamm Irans ist,  durchwandert regelmäßig jedes Jahr eine Entfernung von hunderten Kilometern zwischen seinem Winter- und Sommerlager.

Wenn der Sommer naht, werden die schwarzen Zelte „Sia-Tschador“ des Stammes geschnürt und der benötigte Hausrat zusammengepackt und der ganze Stamm von jung bis alt, ob Frau oder Mann, machen sich auf den Weg, ob zu Fuß oder auf einem Vierbeiner. Alle begeben sich wieder auf den gleichen Weg, den Weg, den sie auch schon im Jahr zuvor und alle Jahre zuvor gewandert sind, in Richtung der grünen Weiden des Sommerlagers. Dann, wenn der Winter kommt, geht es wieder zurück in die weiten Ebenen im Süden der Provinz Fars, ins Winterlager.

Im Laufe der Zeit sind jedoch einige Familien und Gruppen des Stammes in den Dörfern und landwirtschaftlichen Anpflanzungen sesshaft geworden und betreiben Land- und Gartenbau. Aber der Hauptteil des Stammes ist auch heute noch mit Wanderweide- und Hutewirtschaft stark verbunden, so dass er in dieser Abhängigkeit immer weiter zwischen den südlichen Winter-Weideflächen und den saftigen, höher gelegenen Sommerweiden im Norden der Provinz Fars hin und her wandern.

Bei der Vorstellung des Qaschqa'i-Stammes haben wir ja schon die schwarzen Zelte als dessen Unterkünfte erwähnt. So ist es angebracht, an dieser Stelle noch etwas genauer über die Unterkunftsform der Nomaden zu berichten.

Die Unterkünfte  der Nomaden in Iran unterscheiden sich  abhängig von den klimatischen Bedingungen, den durchschnittlichen Niederschlägen und den vorhandenen Baumaterialien der jeweiligen Gebiete. In etwa haben die meisten Nomaden in den Sommer- und Winterlagern inzwischen auch feste Wohnstätten, die ähnlich wie die Häuser der Dorfbewohner sind. Jedoch ist der Gebrauch von Schwarzzelten noch sehr verbreitet, da diese gut mit der nomadischen Lebensweise harmonieren. Die Wände der Schwarzzelte oder "Sia-Tschador" wie sie in Iran heißen, werden in der Regel aus den langen Grannenhaaren von Ziegen, zumeist schwarzhaarigen Ziegen,gewebt. Durch diese robusten Zeltplanen ist es den Nomadenstämmen nicht nur in Iran, sondern auch in der Region möglich, allen Unbilden des Wetters zu widerstehen. Im Sommer sind die Zeltwände offen und im Winter vollkommen geschlossen. Das relativ grobe Ziegenhaargewebe lässt den Rauch der offenen Feuerstelle im Zeltinneren gut abziehen. Andererseits wird es im Inneren auch bei längerem Regen nicht nass.

Die Zelte der Stammesführer sind besonders groß, damit sie viele Leute aufnehmen können, die zu Beratungen und Versammlungen dort zusammen kommen.

Für die Wanderung selbst haben die nomadisierenden Stämme leichte Zelte, die schnell auf- und abgebaut werden können. Die Männer der Stämme sind darauf spezialisiert und können mit geringstem Zeitaufwand die Zelte errichten bzw. abbauen.

Beschreiben wir nun noch die Kleidung der Männer und Frauen der Qaschqa'i, die für einige Besonderheiten bekannt und heute wichtigster folkloristischer Anziehungspunkt  dieses Stammes geworden ist.

Die Bekleidung der Frauen besteht aus einem Häubchen über dem Kopftuch, langen, faltenreichen und bunten Röcken, einem langen Hemdkleid, das wiederum die langen und faltenreichen Röcke überdeckt und darüber einem kurzen, wattierten Rock, der "Archaliq" genannt wird. Gewöhnlich werden das Hemdkleid und der Archaliq aus schön gemusterten Stoffen genäht oder mit Pailletten und anderem Zierrat verschönert.  Die Qaschqa'i-Frauen nutzen für die Herstellung ihrer Kleider sehr frohe und abwechslungsreiche Farben, für die sie aus der sie umgebenden Natur inspiriert werden.

 

Die Bekleidung der Männer besteht aus einem Filzhut, einem Hemd und einer weiten Hose sowie einem weiten Obergewand, genannt "Labbaade". Der ihre Hüften umgebende Gürtel ist in Wahrheit ein langer und breiter Stoffschal mit Ausmaßen von vier bis fünf Metern Länge und etwa einem Meter Breite.

 

Insgesamt gesehen können wir die Qaschqa'i als fleißige, energische, mutige, geduldige und ausdauernde sowie gastfreundliche bezeichnen. Die Frauen arbeiten mit den Männern bei allen Arbeiten zusammen. Sie sind ein Beispiel für Sittsamkeit, Ausdauer, Anstrengung und Fleiß. Außer ihren zahlreichen Aufgaben bei der Hausarbeit und der Kindererziehung arbeiten sie auch in der Außenwirtschaft, wie z.B. bei der Ernte mit und sie verarbeiten die frische Milch zu Butter, Käse, Joghurt und weiteren Milchprodukten und stellen Brot her.

In ihrer "Freizeit" widmen sie sich der Herstellung von Teppichen, Kelims und anderen Flachgeweben sowie vielfältigen Handarbeiten. Die Kunst und Tradition des Knüpfens der Nomaden in der Provinz Fars liegt ganz allein in den Händen der Frauen. Die Knüpfwerke, die in dieser iranischen Provinz hergestellt werden, sind im Vergleich mit anderen Herkünften unvergleichlich und einzigartig. Diese Einzigartigkeit beruht sowohl auf der Vielfalt der angefertigten Knüpf- und Gewebearten  - wie Teppichen, Läufern, Kelims, Gabbeh u.a., als auch auf der Vielfalt der Farben und Muster.

Die Frische und Klarheit der Farben sowie der Farb-reichtum sind mehr als jeder andere Faktor für die Weltberühmtheit dieser kunsthandwerklichen Arbeiten verantwortlich.

Die Genialität der Qaschqa'i-Frauen bei der Herstellung und Auswahl der Farben, beim Färben der Wolle und bei der Erfindung der Knüpfmuster ist sowohl erstaunlich als auch einmalig.

Im nächsten Beitrag dann mehr über die bedeutenden Knüpfereikünste der Qaschqa'i-Nomaden in Iran.

 

 

 

 

 

 

 

 

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