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Sonntag, 15 Juni 2014 06:29

Interview mit Christoph Hörstel

Interview mit Christoph Hörstel
"Wir wissen ja, dass die USA, als sie im Irak große Besatzungsmacht waren, niemals die Stärkung des Iraks im Sinn hatten. Mich wundert also, dass hier die Armee sofort bei der ersten Belastung Auflösungserscheinung zeigt." Ein Interview mit  Christoph Hörstel,  Publizist,  über die dramatische Lage im Irak
Rundfunk: Herr Hörstel, die Lage im Irak eskaliert zunehmend. Kämpfer der Terrorgruppe "Islamischer Staat in Irak und Syrien"(ISIS) stehen Medien zufolge 90 Km von der irakischen Hauptstadt. Iraks Ministerpräsident versuchte, den Notstand über das ganze Land zu verhängen, scheiterte aber daran, dass im Parlament  eine dahingehende Abstimmung wegen mangelnder Beteiligung der Parlamentarier nicht durchgeführt werden konnte. US-Präsident Barack Obama kündigte indessen militärische Optionen, darunter auch Luftschläge, an. Wie Sie  sehen, ist die Lage im Irak nicht so einfach. Ich würde gerne Ihre Kurzanalyse dazu hören.

Hörstel: Ich bin nicht besonders froh über die Dinge, die im Irak passieren. Ich fürchte auch den amerikanischen Präsidenten und seine Luftschläge. Diese Luftschläge haben in der Vergangenheit weltweit sehr viele ungute Dinge eingerührt und sehr häufig wurden die Falschen getroffen. Wenn nun Obama  Drohnen schicken möchte, dann weiß man auch nicht genau, was passiert. Das macht die Sache unwägbar. Besser kommt mir vor, dass regionale Freunde des Iraks mithelfen, die Sache zu klären. Wenn der Iran hier helfen möchte, ist das deshalb eine gute Idee, weil die jetzigen radikal-islamischen Kämpfer, die offenbar im Irak so gut vordingen können, sich eindeutig auch gegen den Iran richten. Das darf man an dieser Stelle nicht vergessen. Wichtig ist auch bei allem im Hinterkopf zu haben, wer betreibt dieses Ganze? Das betreiben einzelne arabische Staaten, die sich gerne mit den radikal-islamischen Kämpfern verbunden, um ihre Ziele voranzutreiben, die aber selbstverständlich nicht auf heimischem Boden passieren dürfen? Denn radikale Muslime lehnen selbstverständlich Monarchien ab, aber das sind Monarchien, die gerade solche Kämpfer entsenden. Das darf man nicht vergessen. Der andere Punkt ist, dass hier auch ein Gegensatz verschärft wird, zwischen Sunniten und Schiiten. Das ist ein altes westliches Spiel. Dabei ist es wichtig, dass man immer bedenkt, dass alle Muslime eigentlich zusammengehören in der Umma und auch zusammenarbeiten und sich nicht gegenseitig abschlachten. Das kann nur den  "Nicht-Muslimen" nutzen. 

Rundfunk: Diese ISIS-Kämpfer sind keine überwätigende Macht, sondern eher eine von begrenzter militärischer und Personeller Kraft. Im Irak stehen zum Bespiel stehen 15000 ISIS-Kämpfer rund 300.000 Soldaten der irakischen Armee gegenüber. Der Vormarsch oder der Erfolg der ISIS-Kämpfer wird damit begründet, dass viele irakische Soldaten ihre Uniform ausgezogen und ihre Waffen weggeworfen haben und weggelaufen sein sollen, wie etwa bei Vormarsch der ISIS-Kämpfer in Kirkuk oder in Mossul. Das heißt also das, was die USA versuchten, in der Besatzungszeit aufzubauen, hat sich schon in der ersten schweren Belastungskrise aufgelöst. Also, die Frage ist, ob man sich auf eine solche Armee verlassen kann?

Hörstel: Das ist eine ganz schwierige Frage. Wir wissen ja, dass die USA, als sie im Irak große Besatzungsmacht waren, niemals die Stärkung des Iraks im Sinn hatten. Mich wundert also, dass hier die Armee sofort bei der ersten Belastung Auflösungserscheinung zeigt. Es müssen die Anstrengungen, wenn man nach einer Lösung sucht, immer in zwei Richtungen gehen: erstens, eigentlich gibt es im Irak Menschen und Kräfte, die das gut verstehen. Der Irak kann als ganzes Land nur gewinnen, wenn sie Sunniten und Schiiten miteinander  arrangieren. das ist ganz, ganz, wichtig. Eigentlich könnte das gelingen.
der zweite Punkt ist, nur wenn nun genau gesucht wird, wer in diesen Streitkräften wie reagiert und diejenigen, die sich als Tapfer erweisen und die den ganzen Staat - bestehend aus Sunniten und Schiiten, das sind auch gar nicht unglaublich unterschiedlich in der Prozentzahl-  müssen unterstützt werden.  Und bei den anderen muss auch Strafmaßnahmen geben: Werin einem Notstand des Landes, auf eigenem Boden dazu, die Waffe wegwirft und den Staat nicht schützt, was seine Pflicht wäre, muss natürlich vor Kriegsgericht, das ist gar keine Frage. Und dass das Parlament nicht in genügender Zahl zusammentrifft, wenn offenbar ein Notstand im Land ist, ist das eine weitere Unbotsmößigkeit, die nicht geduldet werden kann. Dann muss es Sanktionen und Strafmaßnahmen geben für Abgeordnete, die meinen, sie hätten lieber im Restaurant herumsitzen oder das Wochenende mit der Familie genießen, statt ihren Pflichten für ihr Land nachzukommen.

Rundfunk: Es gibt Experte, die meinen, dass Ministerpräsident Maliki die Hauptschuld trägt. Sie führen dazu aus: 2009/2010 und auch 2011 hätte die Lage im Irak gut aussehen sollen. Da sei das Gewaltniveau deutlich herabgeführt worden und da habe Maliki statt das Land zusammenzuführen und zu versöhnen, eher hauptsächlich eine persönliche Machtpolitik gemacht und die Frage von konfessionellen und ethnischen Gruppen manipulativ eingesetzt, um persönliche Macht zu stärken. Teilen Sie diese Ansicht?

Hörstel: Es ist vollkommen klar, dass in einer solchen Lage die politische Führung gar nicht unschuldig sein kann. Das kann jeder verstehen.  Allerdings halte ich mich mit einer starken Kritik an der irakischen Führung ein bisschen zurück, weil ich weiß, mit welch hundertausendfacher Schwierigkeit das behängt ist. Ich kann - ganz offen gestanden - nicht ganz verstehen und nicht ganz vergessen- dass die Gruppe 5+1 Atomgespräche  mit dem Iran an einer sehr entscheidenden Phase sind und ich finde es nicht ungeheuer zufällig - um das vorsichtig zu formulieren - wenn gerade in dieser Sekunde antischiitische Kämpfer in der direkten Nachbarschaft des Irans bis an die iranische Grenze vordringen möchten. Das kommt mir nicht überraschend vor. Mit anderen Worten, wir haben eine Situation, in der die Schuld von Maliki und auch von den anderen Regierungsmitgliedern und sie schützende Kräfte gar nicht von der Hand gewiesen werden kann. Man muss aber auch hier - wie wir hier in Deutschland sagen, " Die Kirche im Dorf lassen". Man muss also im Klar sein, unter welchen ungeheurlich Schwierigkeiten da regiert wird. Ich habe nich immer gewundert, dass es eine gewisse Lackszeit gab, auch mit ständigen Attentaten, die dort verübt worden sind. Wie ungeheur  durcheinander  die irakische Regierung geblieben ist, das ist bedauerlich, aberman kann nur sagen, das ist auch eine Hinterlassenschaft der sagenhaften Truppe und wirklich kein bisschen wichtige Anstrengung der Amerikaner. 

Rundfunk: Auch der Bundesregierung wird vorgeworfen, dass sie mit ihren Waffenlieferungen an Saudi-Arabien und Katar, die die ISIS-Kämpfer unterstützen, zur Zuspitzung der Spannungen im Irak beigetragen hätte.

Hörstel: Ich bin überzeugt, dass das so ist. Ich bin übrigens auch  überzeugt, dass ohne die USA und deren grünes Licht das nicht passieret wäre. Deswegen glaube ich auch nicht so ganz an die Beteuerung von Herrn Obama, er wollte da wirklich helfend eingreifen.  Ich habe Befürchtung, wenn man ihm erlauben würde, was dann passiert. Die von Ihnen genannten Staaten haben auf jeden Fall in der Vergangenheit gezeigt, dass sie teilweise sehr unkonstruktiv mit den iranischen Beziehungen oder mit dem Iran insgesamt umgehen. Saudi-Arabien hat sich besonders unrühmlich hervorgetan und hilft,  die Bevölkerung in Bahrain zu unterdrücken, gegen jedes nationale und internationale Recht. Das ist gar nicht erlaubt, das ist nicht einmal nach dem saudischen Recht erlaubt, dass sie einmarschieren und die Menschen unterdrücken. Diese Art der Dinge ist auch nach dem Koran gar nicht erlaubt. Diese Dinge sind höchst alamierend und da sehe ich auch deshalb die Hauptschuld nicht  bei Herrn Maliki. Er trägt sein Maß an Schuld, keine Frage. Aber eben im Ausland liegt die Hauptschuld. Alle Iraker sind gemeinsam Opfer dieser Lage und sind immer gewesen und der Westen hat dabei  keine positive Rolle gespielt.


Rundfunk: Mit welchem Szenaro rechnen Sie jetzt für die nächsten Tage?

Hörstel: Nach meiner Kalkulation werden die ISIS-Kämpfer noch weiter vordringen können und das wird so lange gehen, bis sich die Gegenkräfte zusammengerafft  und ihre Kräfte gesammelt haben und sagen, wir machen jetzt Schluss. Ich kann nur hoffen, dass das in den nächsten Wochen so aussieht, dass man diese Dinge in den Griff bekommt und dass man auch ganz klar auf die Vernichtung dieser Kämpfer hinarbeitet und die Sache nicht irgendwie toleriert. wenn man hier nicht scharf zuschlägt, dann lädt man Totchaos und wirklich das Verderben der irakischen Nation ein und das darf nicht sein. Dazu müssen Schiiten und Sunniten gemeinsam arbeiten, dass ihr gemeinsames Interesse an der Rettung der irakischen Nation erkennbar wird, das wäre gut. 

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Das Interview wurde geführt von Seyyed-Hedayatollah Shahrokny

 

 

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