Rundfunk: Herr Dr. Hipller, es war Anfang des Jahres, als täglich Tausende Ägypter auf den berühmten al Tahrir-Platz im Zentrum der Hauptstadt strömten und den Rücktritt Mubaraks forderten - mit Erfolg. Der Platz ist nun wieder Schauplatz von Demonstrationen und Kundgebungen. Bei den jüngsten Gewalttätigkeiten sind erneut etwa 40 Menschen ums gekommen. Steht die Revolution vor dem Scheitern?
Hippler: Ich glaube, dass es voreilig wäre, vom Scheitern der Revolution zu sprechen. Der Sturz von Präsident Mubarak war nur ein Austausch einer wichtigen symbolischen Person. Er hat aber nicht unbedingt den Menschen in Ägypten die Freiheit gebracht, sondern eigentlich ist ja der Präsident Mubarak durch eine Militärherrschaft abgelöst worden. Und insbesondere in den letzten Wochen – so seit Anfang November –hat sich der Kampf der Bevölkerung verschoben. Dass es jetzt eben auch darum geht, echte Demokratie und Freiheit in Ägypten zu erreichen und nicht nur den verhassten Präsidenten los zu werden. Deswegen hat es jetzt einen stärkeren Konflikt mit der Militärführung gegeben, mit der man gemeinsam Mubarak gestürzt hat. Insofern würde ich sagen, der Sturz von Präsident Mubarak hat den Kampf um Freiheit und Demokratie in Ägypten nicht erfolgreich abgeschlossen, sondern er eigentlich erst begonnen und wird sicherlich noch ein paar Jahre anhalten und im Moment erleben wir eine sehr gefährliche und interessante neue Phase.
Rundfunk: Demonstranten fordern das Verschwinden des Militärrats aus der politischen Szene. Das Militär will aber seine Sonderprivilegien auf jeden Fall beibehalten. Welche Erfolgschancen rechnen Sie den Demonstranten zu?
Hippler: Ich glaube, der nächste Schritt, womit man die weiteren Entwicklungen abschätzen kann, ist die Wahl, die am Montag sein wird. Wir haben in den letzten paar Wochen eine neue politische Struktur in Ägypten bekommen: Beim Sturz von Mubarak und danach haben die ägyptischen Muslimbrüder sehr eng mit der Militärführung zusammengearbeitet. Das war gut, weil man Mubarak stürzen wollte. Das hat aber den Nachteil und war schlecht, weil andere Teile der Bevölkerung möglicherweise an den Rand gedrängt worden sind. Jetzt haben wir die Situation, dass am Freitag Muslimbrüder Hundertausende Menschen auf den Tahrirplatz gerufen haben und dort gegen die Militärführung und ihren Versuch, die Lage zu kontrollieren, demonstriert haben mit gutem Grund und dass denen sich noch andere säkulare Kräfte, linke Kräfte, salafistische Gruppen angeschlossen haben. Die Militärführung ist jetzt etwas mehr isoliert als früher. Jetzt wird man die Wahlen abwarten müssen, wo wahrscheinlich die Muslimbrüder eine deutliche Mehrheit gewinnen werden, um dann zu sehen, ob sie selber versuchen werden, wieder mit dem Militär Frieden zu schließen, ob sie versuchen, andere Bevölkerungsteile an den Rand zu drängen. Davon wird viel abhängen, wie die Wahl ausgeht, wie sich das Militär nach der Wahl verhält, wie sich die Muslimbrüder verhalten und wie sich säkulare und liberale Kräfte verhalten.
Rundfunk: Wie zuverlässig sind aber Ergebnisse von Wahlen, die unter den gegenwärtigen Bedingungen abgehalten werden?
Hippler: Im Moment sieht es so aus, dass die wichtigsten Akteure in Ägypten - Muslimbrüder auf der einen und das Militär auf der anderen Seite – die Wahlen durchführen wollen. Ich kann im Moment nicht erkennen, dass die bedroht werden von den Demonstranten und von den Unruhen. Im Moment sind es kleinere Gruppen, die eher für eine Verschiebung der Wahl eintreten. Allerdings kann ich nicht erkennen, dass sie es durchsetzen werden. Ich gehe davon aus mit ziemlicher Sicherheit, dass die Wahlen, wie geplant, stattfinden werden.
Rundfunk: Was können die Wahlen bewirken?
Hippler: Sie werden eine Rechtfertigung, eine politische Legitimierung für bestimmte Teile der Bevölkerung nach sich ziehen, dass es eben in Ägypten ein Bedürfnis nach demokratischen Veränderungen gibt. Es wird also ziemlich so sicher sein, dass manche der regierungsnahen Kräfte aus der Vergangenheit wie Anhänger der „National-Demokratischen Partei“ von Mubarak versuchen werden, unter einem neuen Parteinamen Parlamentssitze zu gewinnen. Man muss abwarten, wie erfolgreich das sein wird. Es wird ziemlich sicher sein, dass die Muslimbrüder mehr als die Hälfte der Parlamentssitze gewinnen werden, davon kann man insgesamt ausgehen. Dann ist die Frage wichtig, ob eben die Liberalen und säkularen Kräfte und ob die Kräfte der Jugendbewegung, die bei Beginn des Sturzes von Mubarak eine entscheidende Rolle gespielt haben, gut genug organisiert sind, um selber eine große Zahl von Parlamentssitzen zu gewinnen. Und dann wird darauf ankommen, wenn sich die Kräfte im Parlament einigen und zusammenarbeiten. Dann wird für das Militär ausgesprochen schwierig, die Macht zu kontrollieren und sich selbst über die Verfassung, über das Parlament zu setzen. Wenn sich aber die politischen Kräfte im Parlament spalten lassen, dann wird dem Militär die Möglichkeit gegeben, die eigene Position weiter zu festigen.
Das Interview führte Seyyed Hedayatollah Shahrokny



