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Mittwoch, 15 September 2010 09:58

Interview mit Dr. Irmgard Pinn

"Merkel hat natürlich aus ihrer DDR-Vergangenheit ein ganz anderes Verhältnis zur Meinungsfriheit."
"Merkel hat natürlich aus ihrer DDR-Vergangenheit ein ganz anderes Verhältnis zur Meinungsfriheit." Ein Interview mit Frau Dr. Irmgard Pinn, Sozialwissenschaftlerin.

Rundfunk: Am Mittwoch, dem 08. September, wurde der dänische Mohammed-Karikaturist, Kurt Westergaard, mit einem Preis ausgezeichnet. Dabei war unter anderen auch die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel. Wie kommentieren sie diese Anwesenheit?

Pinn: Ich denke, ich habe mich nicht nur darüber gewundert, dass sie anwesend war, sondern dass sie dort auch eine Rede gehalten hat. Das ist sehr außergewöhnlich. Ich denke, ich muss in die Geschichte zweierlei Richtungen gehen: Einerseits in die Geschichte ihrer eigenen Biographie, wo sie natürlich aus ihrer DDR-Vergangenheit ein ganz anderes Verhältnis zur Meinungsfreiheit und zu allen diesen Dingen hat als die Leute, die schon immer im westen gelebt haben. Für sie war es wirklich eine Errungenschaft und deswegen ist das für sie wohl auch sehr schwer zu erkennen, wie begrenzt diese Meinungsfreiheit in Europa und im Westen ist. Sie idealisiert das immer noch und merkt gar nicht, wie sehr diese idealen auch im Westen missachtet werden. Und zum anderen, denke ich, hat dies mit dieser Sarrazin-Diskussion zutun, die wir ja auch erst vor kurzem hatten und die sich ja nach meiner Auffassung zumindest sehr kritisch gegen Sarrazin geäußert hat. Ich denke, ihre Kritik war nicht sehr kritisch, aber es war für ihr Verhältnis sehr kritisch und das ist ihr von einem Teil ihrer Wählerschaft und in der Öffentlichkeit übergenommen worden. Jetzt meint sie vielleicht dadurch einen Ausgleich herstellen zu müssen, dass sie einerseits Sarrazin kritisiert hatte und andererseits muss sie jetzt zeigen, dass sie sich nicht mit den Muslimen identifiziert, dass sie eben auch für diese Bildergeschichte etwas tun will.

Rundfunk: Wie Sie sagten, hielt Frau Merkel dort eine Rede, wo sie sagte, dass es ein Zeichen dafür ist, dass Europa ein Ort der freien Meinungsäußerung ist. Können Sie mir erklären, wie sie damit gemeint haben könnte?

Pinn: Sie hat es schon so gemeint, wie sie das gesagt hat. Nur man fragt sich selbstverständlich, wie nah die Bundeskanzlerin an der Realität ist, wenn sie so etwas behauptet. Ich denke schon, dass Deutschland und Europa in vielen Bereichen großen Spielraum an Meinungsfreiheit hat und das ist auch sehr zu begrüßen. Nun muss man alles, was gesagt wird, direkt unter den Schutz der Meinungsfreiheit stellen? Das geht natürlich überhaupt nicht, sondern unser Grundgesetz, unsere Gesetze sind durchaus so gestaltet, dass bestimmte Dinge nicht gesagt werden dürfen. Zum Beispiel, dass gesetzlich geregelter Holocaust nicht geleugnet werden darf und das kann man nicht immer unter Meinungsfreiheit stellen. Und genauso, denke ich, muss man in den anderen Bereichen abwägen, welchen Hintergrund das hat, ob das beleidigend, oder ob das Volksverhetzend ist, oder ob das Ausdruck der Meinungsfreiheit ist. Ich denke, da hat sie die Entscheidung getroffen, die viele Menschen nicht teilen und Muslime sind natürlich dadurch beleidigt.

Rundfunk: Meinungsfreiheit heißt aber, dass die andere Seite auch die Gelegenheit bekommt, sich dazu zu äußern.

Pinn: Einerseits heißt das natürlich, die Muslime können sagen, was sie wollen. Aber andererseits denke ich, was ist das für eine Gesellschaft, wenn man sich gegenseitig beleidigt und demütigt und der Stärkere, der natürlich Verfügungsgewalt hat, über die Medien usw. auch darauf haut und die schwächere Seite, das sind "Minoritäten", dann sagte man, kann auch genauso machen, wenn sie auch die Macht und die Möglichkeit dazu hat. Ich denke, zivilisierter Umgang sieht anders aus. Ich bin auch für satirische Karikaturen und Kabarette und alle diese Dinge, aber der Sinn kann nicht sein, dass man sozusagen schon latent vorhandenen Rassismus in einer Gesellschaft dadurch bestärkt, dass man ihn unter den Schutz der Meinungsfreiheit stellt.

Rundfunk: Kurt Westergaard ist nicht irgendjemand, sondern einer, der die Gefühle der Muslime verletzt hat. Ihn dafür zu ehren, ist meiner Ansicht nach fragwürdig.

Pinn: Nun, ich denke, das ist für nicht-Muslime nicht immer nachvollziehbar, wie hoch der Wert des Propheten im Islam geschätzt wird und wie tief die Beleidigungen gehen. Das haben wir ja damals bei Salmon Rushdi gesehen. Das ist einfach sehr schwer nachvollziehbar, dass Menschen im 21. JH sich tatsächlich durch solche Karikaturen zutiefst getroffen fühlen können, dass sie das auch das tatsächlich ganz persönlich nehmen. Das ist wirklich für die Leute, die im Westen groß geworden sind, teilweise schwer nachvollziehbar, aber nicht desto trotz denke ich, wenn wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben und wo auch auf der Welt nicht-multikulturell leben, das sollen wir einfach auch auf die Gefühle Rücksicht nehmen, die uns nicht unmittelbar selber zugänglich sind, die wir nicht unmittelbar teilen, sondern einfach im Sinne eines guten und friedlichen Zusammenlebens, im Sinne von "Respekt und Gleichwertigkeit" nur dann das Risiko eingehen, wenn das jemanden beleidigen oder verletzen, wenn wir dafür sehr, sehr gute und hochwertige Gründe haben, zum Beispiel, dass man sagt, durch Satire und Karikaturen spreche ich eine mächtige Instanz oder eine mächtige Person an und bringe dadurch politisch etwas in Bewegung. Aber diese reine Diffamierung, Verletzen und Beleidigung, um irgendwie Krawallos zu treten, oder diese Karikaturen, die wurden gezeichnet nach einer Aufforderung, beleidigende Karikaturen einzuschicken. Also, es ging ja darum, Muslime zu beleidigen und mal gucken, wie sie darauf reagieren. So etwas, finde ich, widerspricht jeder Religion, jedem Humanismus, jeder Zivilisation. Und ich kann wirklich nicht verstehen, wie die Bundeskanzlerin das auch noch al eine ehrenwerte Tat lobt.

Rundfunk: Frau Merkel ist wohl Bundeskanzlerin aller deutschen Bundesbürger, dazu zählt natürlich auch der muslimische Teil der Bevölkerung. Warum hat sie auf diesen Teil der Bevölkerung keine Rücksicht genommen?

Pinn: Wissen Sie, natürlich ist sie die Bundeskanzlerin aller Bundesbürger auch der muslimischen Teil der Bevölkerung. Aber ich glaube, sie sind, wie man neuerdings sagt, "überhaupt nicht auf Monitor". Sie sind überhaupt nicht präsent. Ich glaube kaum, dass sie außer ganz offiziellen Gelegenheiten Kontakt hat zu den Muslimen. Ich glaube nicht, dass sie sich mit praktizierten Muslimen identifiziert und sich dafür interessiert. Als Wählergruppe sind sie offensichtlich nicht wichtig und ich glaube, der Kontakt zu den Muslimen ist für sie sehr unheimlich und unangenehm und sie versucht es auch auf ein Minimum zu reduzieren. Und wenn überhaupt, Kontakt besteht dann eher zu Islam-kritischen Muslimen, die also mit der Religion nicht zutun haben und sie eher dann bestätigen, den Islam als gefährlich, als unheimlich als nicht nach Deutschland gehörende Religion einzuschätzen.


Das Interview wurde geführt von Seyyed-Hedayatollah Shahrokny

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