"Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen." Ein Interview mit Herrn Peter Schütt, Philosophie-Professor an der Universität Hamburg.
Rundfunk: Herr Professor Schütt, eine evangelikale Gemeinde im US-Bundesstaat Florida will am 09. Jahrestag der Anschläge vom 11. September Exemplare des Korans verbrennen. Dazu hätte ich gerne ihre Analyse oder ihren Kommentar.
Schütt: Hier in Deutschland kennt man den Vers von Heinrich Heine aus "Almansor". Dort hießt es: "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen." Heinrich Heine hat nicht von irgendwelchen Büchern gesprochen, sondern das ist ein Stück aus seinem "Almansor", das spielt in "Asturien", das ist mit der Bücherverbrennung gemeint, den verbrennenden Koran. Für Heinrich Heine war die Verbrennung des Korans in "Asturien" der Auftakt zu einem Kreuzzug zu Reconquista, zur christlichen Wiedereroberung Spaniens. Also, ein blutiges Fanal. Ich finde, das ist ein Skandal, eine ungeheuerliche Provokation und ich hoffe, dass die Feuerwehr in Florida und die staatlichen Institutionen stark und entschlossen genug sein werden, das zu verhindern.
Das wurde ja in unseren Medien gesagt, dass die Feuerwehr dafür keine Erlaubnis gibt und dass sie das verhindern wird, darauf hoffe ich.
Rundfunk: Wer sind diese Leute und was bezwecken sie damit?
Schütt: Sie wollen Streit suchen. Man wirft immer den Muslimen vor, den heiligen Krieg zu machen, aber das machen diese Leute. Das sind Fundamentalisten, das sind Hassprediger, die provozieren wollen. Aber ich denke, man darf sie nicht gleichsetzen mit der Mehrheit der Christen, auf keinen Fall, die sind keine Christen, sie missbrauchen die christliche Religion. Sie sind auch nicht typisch und nicht repräsentativ für die amerikanischen Christen. Sie sind extremistische Randgruppe, eine Sekte, sie sind Provokateure.
Der Man hat bis vor zwei Jahren in Köln gelebt, er ist auch damals aus seiner Gemeinde ausgeschlossen. Also, ich würde sagen, er ist ein Wahnsinniger.
Rundfunk: Welche Folgen sind zu erwarten, wenn die geplante Koran-Verbrennung umgesetzt wird?
Schütt: Ich hoffe, dass diese Provokation nicht gelingt. Ich hoffe immer noch, dass die amerikanischen Behörden stark und entschlossen genug sind, diese Provokation zu verhindern. Ich finde, allein die Ankündigung ist schon ein Skandal. Man darf das Böse nicht mit dem Bösen vergelten. Man muss das Böse beantworten mit dem Guten. Es ist koranisch. Man darf sich nicht provozieren lassen, man darf nicht mit demselben Mittel zurückschlagen. Das würde ich für ganz verkehrt halten.
Rundfunk: Etwas parallel kann man derzeit in Deutschland beobachten. Ich meine damit die Ehrung des dänischen Karikaturisten, Kurt Westergaard, durch die Bundeskanzlerin, Angela Merkel. Mit dieser Ehrung wollte sie angeblich deutlich machen, dass Europa ein Ort der Meinungsfreiheit ist. das ist wohl die eine Seite der Medaille, die andere Seite ist doch, dass sie damit den Muslimen in Deutschland ihren Hass deutlich machen wollte, das ist jedenfalls die Wahrnehmung unter den Muslimen in Deutschland.
Schütt: Wir erleben hier in Deutschland – das ist wirklich beklemmend – eine wirklich antimuslimische und gerade eine rassistische Welle. Ich weiß nicht, ob Sie gehört haben, dass Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der Bundesbank, ein sehr böses Buch geschrieben hat. Er behauptet in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab", das heißt Deutschland geht unter, Deutschland ist bedroht von den muslimischen Einwanderern. Dieses Buch wurde von den wichtigsten deutschen Medien, wenn Sie so wollen, von Rechts bis Links, von der Bildzeitung bis zum Spiegel, wochenlang hoch gepowert. Das wurde überall propagiert. Und alles ist von dieser Kampagne ausgegangenen. Und da passt natürlich die Tatsache, dass also die bedeutenden Medienvertreter dem dänischen Karikaturisten diesen Preis gestiftet haben. Ich finde, es ist eine Geschmacklosigkeit, ein politischer Irrtum, dass die Bundeskanzlerin an dieser Ehrung teilgenommen hat. Sie setzt damit meiner Ansicht nach kein Zeichen für die Meinungsfreiheit. Denn, was heißt Meinungsfreiheit? Da müssen auch die muslimischen Gegenstimmen zu Wort kommen. Nein, sie setzt ein Zeichen der Intoleranz. Sie setzt ein Zeichen dafür, dass sie eine kalkulierte Provokation für richtig hält. Ich meine, es geht nicht darum, den Mohammad-Karikaturisten zu verfolgen oder ihn ins Gefängnis zu werfen. Ich meine, die Strafe liegt bei Gott. Aber man darf ihn nicht hofieren, man darf ihn nicht lobpreisen und ihm große Preise erteilen. Ich finde, es ist ein politischer Fehlgriff, und hoffe, dass sich die Bundeskanzlerin dafür entschuldigt.
Rundfunk: Meinen sie nicht, dass alles auf einen Kampf der Kulturen hinausläuft?
Schütt: Nein, davon halte ich gar nicht. Es gibt einige, die das gerne möchten. Einen Kampf der Kulturen wird es nicht geben. Es gibt vielleicht einen Kampf zwischen "Vernunft und Unvernunft", zwischen "Hass und Versöhnung".
Das ist eine Theorie, die ich für völlig verkehrt halte.
Ich denke, Ost und West sind nicht Gegensätze, sondern sie sollen in der Verteidigung der Humanität und des Friedens zusammenarbeiten.
Das Interview führte Seyed Hedayatollah Shahrokny
