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Dienstag, 14 Juli 2009 20:30

Interview mit Frau Dr. Sabine Schiffer

"Ich glaube die Politik ist erschreckt." Ein Interview mit der Leiterin des Instituts für Medienverantwortung über das Verhalten der Medien im Fall Marwa El-Sherbini

"Ich glaube die Politik ist erschreckt." Ein Interview mit der Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, über das Verhalten der Medien im Fall Marwa El-Sherbini.

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 Rundfunk: Im Dresdner Landgericht wird eine Kopftuch tragende Ägypterin ermordet. Diese Nachricht wird lange verschwiegen. In diesem Zusammenhang möchte ich an Sie als Leiterin des Instituts für Medienverantwortung  eine Frage stellen, und zwar, finden Sie es nicht merkwürdig, dass deutsche Medien diese Nachricht lange zurückgehalten haben? 

Schiffer: Ich vermute mal, Sie sind aufgrund unserer Pressemitteilung auf uns aufmerksam geworden, und genau das kritisieren wir ja zwei Tage nach dem Mord und mit uns auch dann kurze Zeit darauf der Interkulturelle Rat in Deutschland. Es hat eine Zeitung durchaus den Sachverhalt gut gebracht und das war der Berliner Tagesspiegel. Aber ansonsten war im wesentlichen Stille. Man hat vor allen Dingen nicht benannt, was wirklich die Ursache für diesen Mord war, dass nämlich der Mörder ganz explizit die Frau abgelehnt und sie ermordet hat, weil sie Muslimin war, er hat sie als "Islamistin" beschimpft. Und das ist ja eine Sache, die hätte uns alle in Deutschland erschrecken müssen. Ich glaube, die Politik ist erschreckt, aber sie hat die Zusammenhänge noch nicht verstanden.  

Rundfunk: Die Politik ist erschreckt, glauben Sie nicht, dass es viel zu spät dafür ist?

Schiffer: Eindeutig, also man hat überhaupt nicht reagiert, wie man bei anderen Sachverhalten reagiert, also wenn ein jüdischer Mitbürger zu Schaden kommt, oder andere Minderheitsvertreter, dann ist man sofort mit einer Erklärung dabei. Hier gab es nur eine lapidare Erklärung des Sprechers von Angela Merkel, aber sie selber und andere hochrangige Politiker haben sich nicht geäußert. Ich glaube, damals haben sie die Dimension wirklich noch nicht verstanden. Ich glaube, inzwischen verstehen sie es, aber sie können sich eigentlich nicht mehr äußern, weil sie völlig unglaubwürdig geworden sind. 

Rundfunk: Wenn man mit den Muslimen in Deutschland sprechen, beklagen sie einen gewissen Hass, den sie empfinden. Wie erklären Sie diesen Hass, wer ist am Aufkommen dieses Hasses Schuld, Medien, Politiker, Muslime selbst, oder hat jede der drei genannten Gruppen eine Mitschuld? 

Schiffer: Mitschuld ist ein schwieriges Wort. Ich würde sagen, wir haben durchaus auch mit einem ungünstigen Wechselspiel zu tun. Das kann man auch jetzt sehen, wie mit dem Mord jetzt inzwischen medial umgegangen wird. Vielleicht können wir das nachher noch mal aufgreifen. Aber zunächst mal, wenn wir in die Vergangenheit schauen, dann kann man sagen, wir haben seit der Iranischen Revolution, seit 1979, in Deutschland im Grunde genommen eine total stereotype, Mediendarstellung, was islamische Sachverhalte anbelangt, oder Berichte aus der islamischen Welt, sie werden stark mit islamischen Symbolen verknüpft, oder immer wird  eine negative Auswahl getroffen. Es gibt wie überall auf der Welt, auch problematisches zu berichten. Aber hier hat sich der Usus eingeschlichen, jedes Problemthema mindestens mit einer Moschee, einem Kopftuch, ein bisschen Gebet und entsprechender  islamischer Symbolik   zu versehen. Da ist  bei den Menschen ein großes Missverständnis entstanden. Sie sind hier dreißig Jahre lang Gehirn-gewaschen worden ja, das sehen wir jetzt. Daraus sind Überzeugungen erwachsen und unsere Medien und auch unsere Politik äußern sich auch entsprechend weiter, während man auf der anderen Seite, also an die Muslime die Anforderung stellt, hier sich besser anzupassen, oder ja im Grunde genommen reagiert man eigentlich auf die gute Integration der Muslime, jetzt sollen schöne Moscheen gebaut werden usw.. Das kennen wir, dann entstehen Nervositäten und Ängste, dass man einem was wegnimmt und da kommen einem diese antiislamischen Reflexe, die wir über die dreißig Jahre Medienkonstruktion jetzt gelernt haben, die kommen einem dann ganz gut zupass, um zu behaupten, das Problem liegt bei Muslimen und die haben irgendwelche kulturellen Eigenheiten, und gar nicht zu sehen eigentlich, dass das Problem bei der Mehrheitsgesellschaft liegt, dass ist immer so. Solche Ressentiments, solche Feindbilder sagen immer mehr über den aus, der sie hat, als über den, um den es angeblich geht.  

Rundfunk: Sie erwähnten die Islamische Revolution. Weshalb verknüpft man die Islamische Revolution mit den Ereignissen in Deutschland? 

Schiffer: Ja, das ist eine gute Frage. Wir können insgesamt sagen, dass das Islambild in Deutschland im Wesentlichen durch die Auslandsberichterstattung geprägt wird. Ja, und dann hat man plötzlich die Muslime zu Hause entdeckt und auf die werden jetzt alle diese Vorurteile übertragen. Ja, die Islamische Revolution hat damals mit Medienbildern, mit schwarz verhüllten Frauen, das haben die Menschen alles noch im Kopf so. Dann kam die Geschichte mit "Betty Mahmudi" und das Buch und der Film dazu, das sind, wir nennen das in den Medien-Wissenschaften "Framings", das sind so die "Frams", die die Menschen im Kopf haben. Das sind praktisch die Rahmen, in denen  gedacht wird und da hat sich bis heute nicht so wirklich viel daran verändert, es ist sogar noch schlimmer geworden seit dem 11. September 2001. Diese Tat wird ja als eine "islamische" interpretiert. Das kam dann einigen politische Strömungen sehr zupass. Seit dieser Zeit wird im Grunde genommen diese Vermischung, die vorher schon immer stattgefunden hat, noch explizierter, und noch häufiger benannt. Es scheint sozusagen eine Art "Beweis" gewesen zu sein, oder ein Plausibilitätsschub, eine im Grunde genommen völlig irrationale Umgehensweise mit den Sachverhalten. Aber es hat sich hier der Usus herausgebildet, Dinge, die in der so genannten islamischen Welt passieren, die werden auch islamisch interpretiert und die können nicht zum Beispiel an Armut, an Krieg oder an Diktaturen oder an anderen Dingen liegen. Nein, man muss dafür immer eine islamische Erklärung haben. 

Rundfunk: Frau Dr. Schiffer, Sie sagten, dass in den Köpfen der Menschen ein bestimmtes Bild über die Muslime existiert. Wer ist dafür verantwortlich, dass dieses negative Bild entstanden ist?  

   

Schiffer: Ich denke, unsere Medien haben da einen ganz großen Anteil daran und zwar zunächst mal, weil sie sowieso das Negative, das Außergewöhnliche, die Katastrophe, das Brisante fixieren, ja, und nicht den normalen Alltag darstellen. Je weiter weg, umso weniger normalen Alltag haben wir.Das fällt hier bei diesem Thema dann natürlich besonders ins Gewicht, weil es geht uns allen so. Die Dinge, die wir einmal gesehen haben, die sehe ich auch eher, die nehme ich viel leichter war, als Gegenbeispiele, also wiederholt sich eher ein Stereotyp, weil ich kann ja in die islamische Welt reisen, da gibt es viele verschiedene Länder, da picke ich mir praktisch jedes Mal das Beispiel raus, das ich gewohnt bin zu sehen, das mein Vorurteil bestätigt. Diese Art von selektiver Wiederholung haben wir hier schon seit vielen Jahren. Das heißt, ich will zunächst mal meine Journalistenkollegen ein bisschen in Schutz nehmen, dass sie quasi auch ihren eigenen Vorurteilen aufsitzen, wenn sie dort vor Ort reisen und dann praktisch die Beweise abfilmen, die sie dort finden. Aber was ich eben gesagt habe, dass es auch politische Interessen gibt, also ich denke, man hat sich dieses Bild hier gut zu nutze gemacht, oder es vielleicht sogar inszeniert, das kann man sehen, dass es einige Think-Thanks gibt. Wir haben jetzt in Europa zum Beispiel die so genannte "European Foundation for Democracy", das ist im Grunde genommen ein anti-islamischer Propagandaverband, der angeblich für Demokratie ist und damit aber nichts anderes meint als die angebliche Islamisierung Europas verhindern zu wollen. Also, das ist etwas, wo Leute, die eben die Politik im Nahen Osten gerne unter der gemeinsamen Kategorie - das ist alles Islam –abspeichern, da braucht man sich die Fakten vor Ort nicht anzuschauen, die damit Propaganda und Politik machen, die momentan gerne gehört werden, weil  einfach subjektive Ängste  entstanden sind bei den Menschen und damit kann man sich praktisch momentan in der Öffentlichkeit gut hervortun.  So kommt genügend Publikum, dass die Texte liest, entsprechend dem einen Vertreter dieser Europaen-Foundation for Democracy, der ist zum Beispiel ein Kolumnist bei der großen deutschen Tageszeitung "Die Welt" und hat damit ein enormes Verbreitungspotenzial, obwohl wenn man seine Texte liest, kann man feststellen, der kann nicht mal die Hamas von der Hisbollah unterscheiden.  

Rundfunk: Frau Dr. Schiffer welchen Zweck verfolgen die Medien, wenn sie ein solches Bild vom Islam in die Welt setzen? 

Schiffer: Ich würde das Ganze als ein kultiviertes Missverständnis bezeichnen. Ich denke, der Zweck liegt darin, wenn Sie sich die neue Politik Deutschlands ansehen, mit der viele Deutsche nicht einverstanden sind: 80 Prozent der Deutschen sind gegen den Krieg in Afghanistan, trotzdem führt die Regierung ihn. Hier spielt das antiislamische  Feindbild eine ganz wichtige Rolle. Damit wird tatsächlich Außenpolitik gemacht, da heißt es dann, "Wir müssen die Frau von der Burka befreien", oder " Wir müssen für Mädchen-Schulen in Afghanistan sorgen." Damit wird den Menschen suggeriert, die tun was Gutes, wenn sie für den Krieg in Afghanistan sind. Das ist Kriegspropaganda, sonst nichts. Dafür haben Feindbilder schon immer genützt. Und dieses Mal trifft es die Muslime, weil sie auf dem Öl wohnen oder auf geostrategisch  wichtigen Orten. Das werden in naher Zukunft die Chinesen sein. Man kann das antiasiatische (im Interview heißt es fälschlicherweise antiislamische) Feindbild in unseren Medien schon aufkommen sehen. Innenpolitisch wird es ebenso genutzt, - was hat unsere Bundeswehr in der Welt zu suchen, nichts - und eine Bevölkerung die gegen diese Expansionspolitik ist, die muss kontrolliert werden. Um die so genannten Sicherheitsgesetze durchzuführen, brauche ich dann entsprechende Feindbilder, vor denen man sich mit diesen Sicherheitsgesetzen schützt. So funktioniert das und deswegen brauchen wir gerade, also nicht ich, aber leider unsere Regierung, braucht auf jeden Fall dieses Feindbild, um damit Politik zu machen nach innen sowie nach außen.  

Rundfunk: Was ist die Aufgabe jener, die eine solche Politik ablehnen? 

Schiffer: Sich verbünden, sich vernetzen, Koalitionen bilden. Also, wir haben das jetzt in Deutschland sehr schön anlässlich dieses schrecklichen Mordes an der Ägypterin in Dresden gesehen. Und zwar ist folgendes passiert: Der Vertreter der Muslime und der Vertreter der Juden, die sind zusammen nach Dresden gefahren und haben den überlebenden Ehemann der Ägypterin im Krankenhaus besucht, der versucht hatte, seine Frau zu retten und sicherlich aus rassistischen Gründen von einem Polizisten auch noch angeschossen wurde. Da haben die beiden, Stephan Kramer und Ayman Mazyek deutlich gemacht:" Wir werden als religiöse Minderheiten diskriminiert. Wir zeigen gemeinsam auf, dass wir ein Problem auch mit Islamfeindlichkeit haben und dagegen zusammen etwas tun müssen, weil das geht uns alle an, das ist Menschenfeindlichkeit, das trifft mal die eine, mal die andere Gruppe, aber es kann jeden treffen. Die Gruppen die es trifft, sind wechselnd und dafür stehen Juden und Muslime gerade als Beispiel gut da. Früher waren es die Juden, heute sind es die Muslime. Dieses Zeichen hat sehr viel bewirkt. Also zwar nicht bei unserer Politik leider, aber sowohl in  den muslimischen Organisationen als auch  in den jüdischen, als auch in den anderen, denn Juden haben jetzt in Deutschland nach der Geschichte des Nationalsozialismus ein hohes Ansehen. Hat doch bei vielen bewirkt mal darüber nachzudenken, ob nicht wirklich Islamfeindlichkeit ein Problem in der Gesellschaft ist, auch wenn man sich selber natürlich nicht davon betroffen fühlt. Das ist ja immer so ein Selbstmechanismus, der dann oft wirkt.                      

Das Interview  wurde geführt von Seyyed-Hedayatollah Shahrokny 

 

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