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Freitag, 20 November 2015 05:30

Sind wir im dritten Weltkrieg?

Symbolbild Symbolbild
Written by:  lavassani
Führende deutsche Medien sprechen nach den Pariser Terroranschlägen vom vergangenen Freitag von einem neuen Weltkrieg. "Dem ganzen Planeten" werde gegenwärtig "ein dritter Weltkrieg" aufgezwungen, heißt es exemplarisch in einer bekannten Tageszeitung.
 Das Blatt mahnt, der Krieg gegen den IS werde noch "nicht mit der Intensität geführt, die in einem Weltkrieg nötig wäre". Andere Blätter fordern ein entschlossenes Vorgehen ohne "Halbherzigkeit" oder gar "Selbstvorwürfe": Dass nach 14 Jahren "Anti-Terror-Krieg" der Terror stärker sei als je zuvor und die arabisch-islamische Welt sich in einer katastrophalen Lage befinde, liege nicht an verfehlter Politik des Westens, sondern daran, dass "im muslimischen Krisengürtel von Pakistan bis Marokko" ohne Schuld des Westens "Zerfalls- und Entzivilisierungsprozesse" eingesetzt und zu einem "zivilisatorischen Zusammenbruch" geführt hätten. Ergänzend zu einer Fortsetzung oder sogar Ausweitung der militärischen Interventionspolitik fordern verschiedene Medien eine beträchtliche Ausweitung der inneren Repression; so solle bei "Terrorgefahr" künftig die Bundeswehr den Schutz als gefährdet geltender Straßen übernehmen. Aus der umfassenden Formierung der öffentlichen Meinung und der Vorbereitung auf einen "Weltkrieg" schert unter den großen überregionalen Medien der Bundesrepublik lediglich eine bekannte Wirtschaftszeitung aus. Deren Geschäftsführer Gabor Steingart warnt, mit militärischer Eskalation schaffe man "keinen Frieden", sondern "züchtet Selbstmordattentäter". Man müsse endlich nach Alternativen suchen.
 
"Ein dritter Weltkrieg"
Führende deutsche Medien sprechen nach den Pariser Terroranschlägen vom vergangenen Freitag von einem neuen Weltkrieg. Der Westen befinde sich "im Weltkrieg" gegen den "Islamischen Staat" (IS), schreibt ein Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, eines der einflussreichsten Blätter der Bundesrepublik.[1] "Dem Westen, ja dem ganzen Planeten" werde gegenwärtig "ein dritter Weltkrieg" aufgezwungen, heißt es im Tagesspiegel, der vor allem in der deutschen Hauptstadt gelesen wird. Wie der Tagesspiegel erklärt, nehme der "dritte Weltkrieg" sogar "eine Dimension an ..., die noch über den globalen Charakter konventioneller Kriege hinausreicht".[2] Mehrere Regional- und Boulevardmedien nehmen den Begriff mittlerweile auf.[3] Er wird in appellativer Absicht verwendet: "Der Kampf gegen den 'Islamischen Staat', gegen die Taliban und Boko Haram wird nicht mit der Intensität geführt, die in einem Weltkrieg nötig wäre", heißt es.[4]

"Entzivilisierungsprozesse"
Die Ursache dafür, dass mehr als 14 Jahre nach der Ausrufung des sogenannten Anti-Terror-Kriegs durch den Westen der jihadistische Terror stärker ist denn je, liegt nach Auffassung einflussreicher Kommentatoren nicht in der gescheiterten westlichen Aggressionspolitik, sondern in inneren Entwicklungen der arabisch-islamischen Welt. Demnach hätten dort nicht näher erläuterte "Zerfalls- und Entzivilisierungsprozesse" eingesetzt, heißt es etwa in der Frankfurter Allgemeinen.[5] Die einst als liberal eingestufte Süddeutsche Zeitung sieht "die Ursachen für Terror" gleichfalls in einem "zivilisatorischen Zusammenbruch" im "muslimischen Krisengürtel von Pakistan bis Marokko", dem "Europa" übrigens auch "die gewaltige Fluchtbewegung" verdanke. In dem "Krisengürtel" herrsche "kein Recht und kein Staat mehr", "die Willkür" habe dort "organisatorische Macht gewonnen": "Syrien und Co. sind Großexporteure des Unfriedens."[6] Dass der totale Zusammenbruch Afghanistans, des Irak, Libyens, Syriens und des Jemen jeweils militärischen Interventionen folgte, mit denen der Westen und die mit ihm verbündeten arabischen Golfdiktaturen einen Regime Change herbeiführen wollten, wird in den Leitkommentaren ebenso heruntergespielt oder gänzlich verschwiegen wie die taktisch motivierte Unterstützung des Westens und seiner arabischen Verbündeten für Jihadisten insbesondere in Afghanistan, Libyen und Syrien, die deren Erstarken erst ermöglichte (german-foreign-policy.com berichtete [7]).

"Keine Halbherzigkeit!"
Die Relativierung westlicher Schuld an der Zerstörung einer wachsenden Zahl islamischer Staaten wird dabei mit der Forderung verbunden, die westliche Aggressionspolitik weiterzuführen und sie sogar noch zu verstärken. Der Krieg gegen den Jihadismus sei "eine Generationenaufgabe und nicht in wenigen Jahren zu erledigen", heißt es etwa: Man dürfe "nicht mit Selbstvorwürfen, mit Rückzug" oder mit "Halbherzigkeit" auf das bisherige Scheitern reagieren.[8] Ein Kommentator erklärt, es sei "bekannt", woran der Kampf gegen den Terror "scheitert: vor allem an Halbherzigkeit. Dem Westen fehlt es an Geschlossenheit und Ausdauer." Abgesehen davon müsse man sich stärker als bisher auf einheimische Verbündete stützen. Es habe sich gezeigt, "dass den Gesellschaften der islamischen Welt Stabilität alleine von außen nicht aufzuzwingen ist", heißt es; in Zukunft müssten deshalb "die lokalen Volksgruppen die Befreiung von der Unterdrückung anführen".[9] Exemplarisch genannt werden nicht näher definierte "Moderate" und "die Kurden" in Syrien und im Irak.

"Ein hartes Gesicht"
Die Forderung nach einer Weiterführung der westlichen Aggressionspolitik in der islamischen Welt geht in konservativen wie in liberalen Medien mit der Forderung nach einer massiven Verschärfung der inneren Repression einher. Die europäischen Staaten müssten sich "mit Polizei und Geheimdiensten ..., mit Überwachung und Prävention" verteidigen, heißt es etwa.[10] "Polizei und Nachrichtendienste" sollten "in Deutschland und Europa weiter aufgerüstet und noch stärker vernetzt werden"; helfen könne "eine gemeinsame Antiterrorzentrale der EU, mit Polizei und Nachrichtendiensten in einem Komplex". "Die für die Bundespolizei vorgesehenen, schwer bewaffneten und schnell zu verlegenden Einheiten" würden "womöglich schneller gebraucht" als gedacht. Auch sei "das Militär stärker in den Schutz der inneren Sicherheit" einzubeziehen: "Bei größerer Terrorgefahr ... sollte die Bundeswehr sofort verfügbar sein" und zumindest für den "Schutz gefährdeter Gebäude und Straßenzüge" genutzt werden. Auch gelte es "unbedingt", das Internet stärker zu überwachen.[11] Es werde zu "Einschränkungen der Freiheiten" kommen, "die es zu verteidigen gilt", äußert ein Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Die Deutschen" hätten "nichts gegen ein freundliches Gesicht an der Spitze ihrer Regierung"; jetzt aber "wollen und müssen sie ein anderes sehen: ein hartes".[12]

Alternativen zum Krieg
Die innere Formierung der öffentlichen Meinung und die publizistische Einstimmung auf einen "Weltkrieg" wird im Spektrum der großen überregionalen Medien in der Bundesrepublik zur Zeit nur von einer bekannten Wirtschaftszeitung durchbrochen. Gabor Steingart, Geschäftsführer beim Handelsblatt, mahnt: "Für das feindliche Klima zwischen den Kulturkreisen trägt der Westen eine Mitschuld." "Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet hat, bringt es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800.000 Tote", konstatiert Steingart: "Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime, keine Terroristen." "Der Automatismus von Härte und Gnadenlosigkeit, das vorsätzliche Nicht-Verstehen des anderen, die feurigen Reden an das jeweils heimische Publikum, die schnell in Marsch gesetzten Bombergeschwader" hätten "uns ... dahin gebracht, wo wir heute stehen": "So beendet man den Terror nicht, sondern facht ihn weiter an. So schafft man keinen Frieden, so züchtet man Selbstmordattentäter." Anstatt auf "Kampf oder Kapitulation" zu setzen, müsse man künftig "Ordnung, Respekt und Moderation" fördern: "Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation".[13] Steingart steht mit dieser Mahnung unter den führenden Köpfen der deutschen Leitmedien allein.
 

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