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Montag, 19 Mai 2014 15:50

Erste USA-Reise iranischer Theologie-Studentinnen

Erste USA-Reise iranischer Theologie-Studentinnen
Während Delegationen der USA und Irans in Wien am Verhandlungstisch saßen, um über das iranische Atomprogramm zu verhandeln, fand einige Autostunden von Washington entfernt in der Universität einer ländlichen Region eine andere Begegnung statt: Studentinnen der Jamiat al-Zahra, des weltweit größten theologischen Seminars für Frauen, besuchten auf Einladung der Eastern Mennonite University in Harrisonburg/Virginia erstmals die Vereinigten Staaten. 
Die Gruppe von neun Frauen - die meisten bereits mit einem abgeschlossenen Studium und zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt - vom theologischen Zentrum in Ghom nahmen an der Eastern Mennonite University drei Wochen lang am Vorlesungsbetrieb des Summer Peacebuilding Instituts teil. Außerdem besuchten sie in Washington die Kongressbibliothek, trafen sunnitische Muslime in der El-Hibri-Stiftung und waren Gäste einer Veranstaltung der Georgetown Universität. Zu ihren beeindruckendsten Erlebnissen gehörte ein Wochenende, das sie in der Gegend von Lancaster/Pennsylvanien bei den Amish verbrachten.

Mohammad Shomali, Dekan der Jamiat al-Zahra, der die Studentinnen auf ihrer Reise begleitete, sagte in einem in einem Interview mit der Internetzeitung "Al Monitor", dass er schon in der Vergangenheit über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren für einige Theologiestudenten Aufenthalte in den USA organisiert hätte, doch jetzt sei die Zeit gekommen, auch Studentinnen solche Reisen zu ermöglichen. Seit Beginn der Regierungszeit von Präsident Rohani habe sich dafür ein positives Klima entwickelt.

Jamiat al-Zahra ist das größte theologische Seminar für Frauen in der ganzen Welt. 1984 gegründet, wird es von 5.000 iranischen Studentinnen und 1.000 ausländischen Studentinnen besucht. Hinzu kommen 10.000 Fernstudentinnen. "Wir bilden sie aus, um international eine aktive Rolle zu spielen", erklärte Shomali Interview. Seminarangebote zum interreligiösen Dialog sowie Studien zu Frieden, Menschenrechten und Familie liefern dafür die Voraussetzungen.

Auch die jungen Frauen äußerten sich im Interview mit "Al Monitor" optimistisch über die Atomverhandlungen und die Zukunft der Beziehungen zwischen den USA und Iran. Es sei ihnen wichtig, sagten sie, den Amerikanern zu zeigen, dass Frauen in der Islamischen Republik besonders im Bildungsbereich große Fortschritte erreichen konnten und entsprechende Karriereerwartungen haben. Die iranische Bevölkerung sei mittlerweile zu mehr als 85 Prozent alphabetisiert, und in vielen Institutionen der höheren Bildung hätten Frauen schon die Männer überholt - wenn auch noch nicht in den Seminaren des schiitischen Islams.

"Wir wollen unser Wissen auch anwenden", antwortete Fatemeh, eine der Studentinnen, auf die Frage, ob sie damit einverstanden wäre, nach dem Studium zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern. Geldverdienen sei jedoch nicht ihr Motiv zu arbeiten, ergänzte sie. "Würde es uns darum gehen, hätten wir nicht Theologie studiert."   

Gefragt, was für sie im Iran das größte Problem sei, kamen mehrere Studentinnen auf die Sanktionen zu sprechen, die die iranische Wirtschaft schwer beeinträchtigt hätten, sogar bei der Versorgung mit Medikamenten und medizinischen Geräten. Sie kritisierten aber auch den wachsenden Konsumismus ihrer eigenen Gesellschaft, der im Iran und anderswo auf der Welt für eine wachsende Kluft zwischen Reichen und den Armen verantwortlich sei. Einige erwähnten die enormen Ausgaben iranischer Mittelschichtfamilien für Hochzeiten und kontrastierten diese mit der einfachen Lebensweise, den sie bei den Amish beobachten konnten. Vorher hätten sie es nicht für möglich gehalten, das Menschen ohne Elektrizität und ohne Autos so zufrieden in einer gesunden Umwelt leben können.

Die Mennoniten unterhalten seit 1991 Kontakte zum Iran, berichtete Ed Martin, der Direktor des Zentrums für interreligiöses Engagement an der Eastern Mennonite University. Begonnen wurde mit humanitärer Hilfe nach einem Erdbeben, dem in der iranischen Provinz Gilan 35.000 Menschen zum Opfer fielen. Unter anderem finanzierten sie die Einrichtung von Gesundheitszentren in fünfzehn iranischen Dörfern.  

"Damals war gerade die Berliner Mauer gefallen", erinnerte sich Martin. "Und es sah so aus als wollten einige Leute jetzt den Islam als neues Feindbild aufbauen und Moskau durch Teheran ersetzen. Das motivierte uns, über die Nothilfe hinaus Kontakte zu den Menschen im Iran aufzubauen, um Brücken des Verständnisses und der Freundschaft zu errichten." Bis zu den Unruhen nach den iranischen Wahlen im Jahre 2009 reisten amerikanische Mennoniten immer wieder in den Iran - Martin selbst öfter als zwei Dutzend mal. Erst in diesem Februar wurden die Kontakte mit einer mit einer mennonitischen Delegationsreise in den Iran wieder aufgenommen.

Dekan Shomali sagte, er hoffe auf eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten und machte auf Gemeinsamkeiten in der islamischen und christlichen Lehre zur Bedeutung des Friedens aufmerksam. "Im Koran heißt es, dass Gott diejenigen, die sein Wohlgefallen auf dem Weg des Friedens suchen, durch den Koran anleitet." Es gebe "so vieles, was wir voneinander lernen können". Iraner seien vernünftige Menschen, und "wenn man vernünftig ist, tendiert man zum Dialog". Deshalb sei es unbedingt erforderlich, dass mehr Gelegenheiten für den direkten Austausch zwischen Amerikanern und Iranern geschaffen würden - auch zwischen Fachleuten und Künstlern. Das sei die beste Strategie zur Überwindung von Mißverständnissen und zur Förderung des Friedens. "Nichts kann Begegnungen von Angesicht zu Angesicht ersetzen." 

(Quelle: Barbara Slavin auf www.emu.edu. Der Originalartikel erschienen auf der Website von Al-Monitor, veröffentlicht wurde er auch in der Zeitung Iran Daily) 

* Anmerkung: Bei den Amish handelt es sich um eine stark in der Landwirtschaft verwurzelte mennonitische Glaubensgemeinschaft, die ein einfaches, weitgehend von der Außenwelt und  dem technischen Fortschritt abgeschiedenes Leben führt. Ursprünglich stammen sie überwiegend von Südwestdeutschen oder Deutschschweizern ab und sprechen untereinander bis heute meist Pennsylvaniadeutsch.

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