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Mittwoch, 14 Mai 2014 05:42

westlich-muslimische Beziehungen

Das Erbe der Vergangenheit – Eine kritische Betrachtung der Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt Die jahrhunderlange Geschichte der islamisch-westlichen Beziehungen ist eine Geschichte der militärischen Konfrontation, aber auch der friedlichen Koexistenz, des kulturellen Austauschs und gegenseitigen Nutzens.

  Das historische Bewusstsein vieler Menschen  sowohl in der islamischen Welt als auch im Westen scheint jedoch hauptsächlich durch die Phasen der Konfrontation geprägt worde zu sein.

Für die Muslime ist es schwer, die Kreuzzüge aus ihrem historischen Gedächtnis zu löschen.

Die politische Geschichte der islamisch-christlichen Beziehungen in Europa wird dominiert von der Bewegung der Kreuzzüge, die im 11. Jahrhundert begann und durch welche die Päpste die uneingeschränkte Vorherrschaft des Heiligen Stuhles auch und insbesondere über den christlichen Okzident zu sichern suchten. Die Kreuzzüge entwickelten sich schnell hin zu kolonialistisch-imperialistischen Unternehmungen, durch welche die europäischen Staaten ihre vitalen ökonomischen und Handelsinteressen sichern wollten. Die Religion diente lediglich als Vorwand für die kolonialistischen Pläne der europäischen Herrscher, welche nicht nur gegen die Muslime im Heiligen Land, sondern auch gegen das christliche byzantinische Reich gerichtet waren – was sich am deutlichsten im Vierten Kreuzzug zeigte, in dessen Verlauf der Doge von Venedig, Enrico Dandolo, im Jahr 1204 Konstantinopel eroberte und plündern ließ. Während die islamische "Reconquista" im Jahr 1187 durch die Rückeroberung von Jerusalem durch Salaheddîn erfolgreich war, führte die christliche Reconquista schließlich – mit dem Fall von Granada im Jahre 1492 – das Ende der islamischen Präsenz in Europa herbei.

Trotz des reichen Einflusses der islamischen Kultur auf die Entwicklung der europäischen Gedankenwelt machte diese komplexe Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen im Westen, Süden und Osten Europas sowie im Nahen Osten einen aufrichtigen "Dialog der Kulturen" praktisch unmöglich. Im Rahmen der politisch-militärischen Konfrontationen jener Zeit diente gerade auf Seiten des Christentums die Religion als ideologisches Werkzeug zur Verteidigung der Interessen der europäischen Herrscher, inklusive des Inhabers des Heiligen Stuhles in Rom. Das erklärt die „Geschichte der vorsätzlichen und unbeabsichtigten Missverständnisse", welche die islamisch-christliche Begegnung in Europa über die Jahrhunderte hinweg charakterisierte. Dieser frühe "Kampf der Kulturen" – seit dem Mittelalter – hat ein Vermächtnis der Konfrontation, des Misstrauens und der Missverständnisse geschaffen, das bis in die Gegenwart wirkt. Die anti-islamischen Vorurteile in Europa, die jetzt in einer neuen Konstellation der Weltpolitik wieder virulent werden, sind die Widerspiegelung dieser früheren konfliktbestimmten Geschichte der islamisch-christlichen Beziehungen, wie sie sich in der Ausdehnung des islamischen Reiches in Europa seit dem 8. Jahrhundert, der darauf folgenden christlichen Reconquista und den Kreuzzügen darstellte. Im Kontext dieser konfliktträchtigen europäischen Begegnung mit dem Islam machte die in Europa vorherrschende Doktrin, wie Edward Said es formulierte, den Islam zum Außenseiter, ja zur Verkörperung des Fremden schlechthin, in Abgrenzung wovon die gesamte europäische Zivilisation vom Mittelalter an begründet wurde.

Mit dem Auftreten des europäischen Kolonialismus wendeten sich die Beziehungen zum Islam von europäischer Seite abermals hin zu politischer Beherrschung und "kultureller Bevormundung". Die europäische Machtpolitik hat die politische Landkarte des Nahen Ostens bis zum heutigen Tage geformt. Man suchte die politische und militärische Vorherrschaft durch den ideologischen Anspruch einer Überlegenheit des christlichen Europa über die arabisch-islamische Kultur zu legitimieren. Alte, seit den Kreuzzügen genährte Vorurteile wurden wieder belebt und sogar noch verstärkt. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit der Schaffung neuer politischer und staatsrechtlicher Gegebenheiten auf dem Gebiet von Palästina nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches – eine Neuorganisation, die insbesondere auf Kosten der historischen islamischen Präsenz in Jerusalem erfolgte.

Es ist offensichtlich, dass auch in der heutigen Situation in Europa eine bestimmte Interessenkonstellation die hier geschilderten, über einen langen Zeitraum tradierten Vorurteile aufrechterhält. Seit dem Ende des Kommunismus und dem Verschwinden des damit einhergehenden (ideologischen) Freund-Feind-Schemas dient der Islam in vielfacher Hinsicht als Ersatz für das frühere Feindbild, durch welches der Westen seine weltweite Vorherrschaft ideologisch durchzusetzen versuchte. Diese neue internationale Konstellation, in welcher der Islam als Bedrohung für die europäische Identität und Sicherheit dargestellt wird, wirkt sich direkt auf die islamisch-christlichen Beziehungen in Europa aus. Samuel Huntingtons  These vom "Kampf der Kulturen" (clash of civilizations) dient als Rechtfertigung für die Aufrechterhaltung der oben beschriebenen historischen Vorurteile. Die Existenz größerer Gemeinschaften von Muslimen – hauptsächlich von Gastarbeitern – hat in Europa zunehmend zu ablehnenden, oftmals sogar feindseligen Reaktionen geführt. Diese Gemeinschaften wurden und werden wiederholt als Bedrohung für den sozialen und kulturellen Zusammenhalt Europas dargestellt. Unter diesen Umständen ist es sehr schwierig, eine Atmosphäre des Dialoges und der Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten bzw. zu fördern, zumal dann, wenn politische Gruppierungen in Europa vorsätzlich traditionelle anti-islamische Vorurteile ausbeuten, ja sie sogar schüren. Die gegen die weltweit als Islam-Expertin anerkannte deutsche Professorin Annemarie Schimmel geführte Kampagne wie auch die frühere sog. Rushdie-Affäre haben einer besorgten Öffentlichkeit eindringlich vor Augen geführt, dass die reale Gefahr eines neuen "Kulturkampfes" in Europa besteht. Frau Schimmel wurde trotz – oder gerade wegen – ihrer lebenslangen Bemühungen um ein ausgewogenes und objektives Bild des Islam in Europa – und in der westlichen Welt insgesamt – verleumdet.

Eine sehr negative, oftmals geradezu obstruktive Rolle spielten und spielen diesbezüglich die Medien, die in einem beträchtlichen Ausmaß unter dem Einfluss von Partikularinteressen stehen. Manche der neueren Produktionen der amerikanischen Filmindustrie haben nicht unwesentlich zur Verfestigung eines Feindbildes auf Kosten des Islam und zum Schaden der muslimischen Gemeinschaften auf unserem Kontinent beigetragen.

 

Die Last der Geschichte überwinden

All dies macht deutlich, dass die derzeitigen muslimisch-westlichen Beziehungen, vor allem die zwischen Europa und den islamischen Ländern, vor der Geschichte belastet sind.

Vor diesem Hintergrund müssen wir die zukünftigen Beziehungen zwischen Muslimen und Christen in Europa sorgfältig bewerten. Angesichts der neuen Spannungen sollte auf keinen Fall Huntingtons Paradigma vom Kampf der Zivilisationen die Richtlinie sein. Wie sich an den jüngsten (welt)politischen Auseinandersetzungen gezeigt hat, dient diese Doktrin hauptsächlich den Interessen derer, die eine neue Rechtfertigung für die fortgesetzte Bevormundung der islamischen Welt suchen – ein Herrschaftsinteresse, das eng mit den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten, insbesondere mit dem arabisch-israelischen Konflikt, zusammenhängt. Jede zukünftige Perspektive muss auf der Vorstellung des Dialoges der Zivilisationen basieren, was die Gleichheit der Partner – und nicht ein Verhältnis der Über- und Unterordnung – zur Voraussetzung hat.Die alten eurozentrischen Dogmen der Orientalisten und die damit zusammenhängende Ideologie der Überlegenheit der christlich-westlichen Zivilisation müssen auf Dauer überwunden werden. Darin – und nicht in der Dämonisierung des Islam – liegt der tiefere philosophische Sinn der europäischen "Aufklärung".

Wir sind der Auffassung, dass solch eine negative Wahrnehmung durch eine kritische Annäherung an das Studium und den Unterricht von Geschichte korrigiert werden kann. Selbstkritik ist bitter nötig, um die Geschichte von ideologischen Fehlinterpretaionen und Vorurteilen zu befreien.   

Unserer Meinung nach sollte ein aufrichtiger Dialog auf der strukturellen Ähnlichkeit der monotheistischen Botschaft des Christentums und des Islam aufbauen. Dies wird nur um den Preis eines Verzichtes auf die bisherige "missionarische" Ausrichtung möglich sein. Die Existenz des Islam in Europa – repräsentiert nicht nur durch die muslimische Bevölkerung in Bosnien, sondern auch durch die muslimischen Gemeinschaften in anderen europäischen Staaten – soll nicht mehr als Bedrohung gesehen werden, sondern als Chance, Brücken des Verständnisses zwischen dem Islam und dem Westen zu bauen. Die multikulturelle Gesellschaft wird in Europa als Faktum akzeptiert werden müssen, wenn wir die zunehmende Entfremdung zwischen den beiden Religionen und Kulturgemeinschaften – sowohl innerhalb wie außerhalb unseres Kontinents – hintanhalten wollen. In diesem Zusammenhang sollte man auf die selektive und polemische Verwendung des Begriffes "Fundamentalismus" ein für alle mal verzichten. Nur zu oft hat dieser Begriff dazu gedient, die Bewegung der islamischen Erneuerung und den Islam als Ganzes zu diskreditieren. Dieser Begriff soll durch einen präziseren Terminus ersetzt werden, der das Phänomen von religiösen Fanatismen in allen Religionen angemessen beschreibt.

Es wird von allerhöchster Wichtigkeit sein, dass beide Seiten, sowohl Christen wie Muslime, es nicht zulassen, dass Dritte auf ihre Beziehungen in Europa Einfluss nehmen. Jeder zukünftige Dialog muss, wenn er nicht zum Scheitern verurteilt sein soll, direkt sein und soll nicht durch geopolitische Interessen außenstehender Parteien – welcher Provenienz auch immer – determiniert werden. Die Zukunft der Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in Europa darf nicht überschattet sein von einer Wiederbelebung des Geistes der Kreuzzüge, sondern sollte geleitet sein vom beiderseitigen Wissen um die grundlegenden theologischen Wahrheiten und moralischen Werte, die beiden Zivilisationen gemeinsam sind. Die strukturelle Ähnlichkeit der religiösen Botschaft beider Religionen kann als Basis dienen für eine bessere soziale, kulturelle und politische Verständigung.

 

 

 

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